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Februar 27, 2021

Ruhestand: diese kognitiven Verzerrungen hindern uns am Sparen

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, besagt ein altbekanntes Sprichwort. Das gilt für kleine Erledigungen ebenso wie für große Projekte. Und doch: Die Bildung von Rücklagen für den Ruhestand verschieben viele von uns auf später. myLIFE hat für Sie analysiert, warum unsere Disziplin in dieser Hinsicht auf der Strecke bleibt.

Gehören Sie auch zu den Menschen, die zum Jahreswechsel den Vorsatz gefasst haben, Ersparnisse für die Zukunft zu bilden, insbesondere für den in weiter Ferne befindlichen Ruhestand? Lassen Sie uns raten: Sie haben bisher keinen einzigen Euro zurückgelegt.

Natürlich haben Sie dafür gute Gründe. Schuld sind diese verflixten unvorhergesehene Ausgaben und das tolle Sonderangebot für einen riesigen Bildschirm. Außerdem wurde die Miete erhöht und Ihre Katze musste ganz dringend zum Tierarzt. Doch diesmal gehen Sie es an, versprochen. Gleich morgen oder nächste Woche, allerspätestens aber nächsten Monat.

Schluss mit den schlechten Ausreden! Vielmehr sollten wir uns eingestehen, dass wir nicht genügend Selbstdisziplin aufbringen können, um unser Geld auf längere Sicht zu verwalten und für die ferne Zukunft Rücklagen zu bilden. Es ist an der Zeit, sich bewusst zu machen, dass Sie wie die meisten Menschen eher zu den Grillen als zu den Ameisen gehören. Wer sich dies eingesteht, kann Verhaltensmuster durchbrechen und endlich erfolgreich Geld zur Seite legen.

Dem Großteil der Bevölkerung fällt es schwer, regelmäßig Geld zurückzulegen – ganz gleich, ob es sich um Geld für den Urlaub, Eigenkapital für den geplanten Immobilienkauf oder Geld für den Ruhestand handelt. Doch theoretisch dürfte es in einem privilegierten Land wie Luxemburg doch gar nicht so schwer sein, jeden Monat einen kleinen Betrag zur Seite zu legen. Warum also will so vielen von uns genau das nicht gelingen?

Die Antwort liegt in der Verhaltensökonomie begründet. Sie zeigt, dass eine Kombination aus verschiedenen kognitiven Verzerrungen unsere guten Absichten durchkreuzt. Das Ergebnis: In Bezug auf unsere Finanzverwaltung fällt es uns extrem schwer, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Noch komplizierter wird es, wenn wir uns in die Zukunft versetzen und Geld für den Ruhestand oder größere Projekte zurücklegen müssen.

Beim Thema Finanzen werden wir von unseren aktuellen Prioritäten beeinflusst, die sich zudem stetig verschieben. Ob uns der Vermögensaufbau gelingt (oder nicht), hängt nämlich von der Art und Weise ab, wie wir Zeit wahrnehmen.

Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist grundsätzlich begrenzt. Aus diesem Grund erscheinen uns Rücklagen für die Zukunft – selbst wenn wir uns ihrer Bedeutung objektiv bewusst sind – in weiter Ferne und verdienen daher weniger Aufmerksamkeit als aktuellere Anliegen. Daher richten wir unsere Aufmerksamkeit eher auf Ereignisse und Gelegenheiten der Gegenwart, die uns greifbarer erscheinen. Dadurch werden wir ungeduldig und möchten sofort belohnt werden, statt auf spätere Vorteile zu warten.

Diese zeitliche Distanz führt dazu, dass wir oftmals dem spontanen Konsum verfallen, statt für einen späteren finanziellen Bedarf vorzusorgen.

Ungeduld führt dazu, dass wir unsere Einkünfte nicht für die Umsetzung eines geplanten Projekts zurücklegen, sondern stattdessen spontan ausgeben. Diese zeitliche Distanz führt dazu, dass wir oftmals dem spontanen Konsum verfallen, statt für einen späteren finanziellen Bedarf vorzusorgen. Diesem äußerst gängigen Verhalten liegt eine wohlbekannte Fehlwahrnehmung zugrunde: die verzerrte Wahrnehmung des „Jetzt“.

Die verzerrte Wahrnehmung des „Jetzt“ oder die Überbewertung des spontanen Konsums

Die folgende einfache Frage verdeutlicht, inwiefern unsere finanziellen Entscheidungen von unserer verzerrten Wahrnehmung des „Jetzt“ beeinflusst werden: Möchten Sie lieber 150 Euro in 52 Wochen oder aber 125 Euro in 48 Wochen erhalten? Die meisten Befragten antworten ohne Umschweife, lieber vier Wochen auf den höheren Betrag warten zu wollen. Da der zeitliche Horizont in der Zukunft liegt und die Beträge sich deutlich voneinander unterscheiden, entscheiden wir uns rational für den höheren Gewinn.

Sehr gut! Wie würden Sie nun aber die Frage beantworten, ob Sie lieber 125 Euro jetzt oder aber 150 Euro in vier Wochen erhalten möchten? Dem Problem scheinen die gleichen Eckdaten zugrunde zu liegen: Die Differenz zwischen den beiden Beträgen ist identisch, ebenso die Wartezeit von vier Wochen für 25 Euro mehr. Trotzdem fällt Ihnen die Antwort plötzlich gar nicht mehr so leicht. Übrigens entscheiden sich die meisten Befragten für den sofortigen Erhalt der 125 Euro, statt sich in Geduld zu üben. Und doch scheint es nur logisch, auch beim zweiten Mal abzuwarten, sofern Sie beim ersten Mal entsprechend geantwortet haben. Was spielt sich in unserem Kopf ab?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir messen dem „Sofort“ eine höhere Bedeutung bei. Denn sich in ferner Zukunft liegende Szenarien vor Augen zu führen, erfordert abstraktes Denken. Wir denken angestrengter nach, was wiederum mehr Disziplin erfordert.

Es fällt uns schwer, der Versuchung des sofortigen Konsums zu widerstehen. Aus diesem Grund verwalten wir unsere Finanzen lieber auf kurze Sicht, wobei langfristige Ersparnisse auf der Strecke bleiben.

Die verzerrte Wahrnehmung des „Jetzt“ veranschaulicht eine mangelnde Selbstdisziplin. Dadurch verschieben wir wichtige Entscheidungen wie die Planung der Ruhestandsfinanzierung stets auf morgen. Es fällt uns schwer, der Versuchung des sofortigen Konsums zu widerstehen. Aus diesem Grund verwalten wir unsere Finanzen lieber auf kurze Sicht. Während Konsumgüter und Finanzprodukte wie Kreditkarten durch die Möglichkeit des sofortigen Genusses Befriedigung verschaffen, sind Anlageprodukte wie Lebensversicherungen oder Vorsorgepläne zunächst mit Kosten verbunden. In den Genuss der Vorteile kommt man somit erst später.

Der Gedanke, sich ab sofort einschränken zu müssen, um für eine weit entfernt scheinende Zukunft zu sparen, erfüllt uns mit Unbehagen. Daher schieben wir solche Überlegungen häufig auf. Das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum einige dieser Produkte mit Steuervorteilen verbunden sind. Somit erhalten wir neben den späteren Vorteilen auch einen sofortigen Vorteil. Ohne diese Anreize dürften diese Produkte deutlich weniger Anklang finden, wenngleich ihre Eignung zum langfristigen Vermögensaufbau außer Frage steht.

Wenn Sparen wie ein Verlust wahrgenommen wird

Dieser offenkundige Mangel an Selbstdisziplin ist leider an eine zusätzliche kognitive Verzerrung gekoppelt, die unsere Entscheidungen für die Altersvorsorge ebenfalls beeinträchtigt: die Verlustaversion. Sie ist sicherlich der wichtigste Impulsgeber für die menschliche Entscheidungsfindung, und zwar insbesondere im Anlagebereich, wo sie sich als Risikoaversion bemerkbar macht. Wie können Verluste vollständig vermieden werden? Wir haben diese Aversion von unseren frühen Vorfahren geerbt, deren Überleben von ihrer Fähigkeit abhing, die wenigen verfügbaren Ressourcen und Nahrungsmittel nicht zu verlieren.

Umfassende Forschungen haben ergeben, dass wir auf den Verlust von 100 Euro doppelt so stark reagieren wie auf den Erhalt von 100 Euro.

So haben umfassende Forschungen etwa ergeben, dass wir auf den Verlust von 100 Euro doppelt so stark reagieren wie auf den Erhalt von 100 Euro. Daher empfinden viele Menschen die Einzahlung von 100 Euro auf ein Sparkonto als Verlust. Denn haben wir uns einmal an ein bestimmtes Einkommensniveau gewöhnt, wird jede unmittelbare Verringerung als Einkommensverlust angesehen. Das gilt selbst dann, wenn der entnommene Betrag zu unserem eigenen Nutzen angelegt wird und möglicherweise sogar Zinsen generiert.

Das Unbehagen, das wir empfinden, wenn wir Geld auf die Seite legen, kann unseren Willen beeinträchtigen, eine Überweisung auf ein Sparkonto vorzunehmen oder einen Dauerauftrag für ein künftiges Projekt einzurichten.

Die Angst vor (falschen) Entscheidungen

Ihre Sparabsichten können noch von einem letzten Parameter durchkreuzt werden. Denn wenn Sie die verzerrte Wahrnehmung des „Jetzt“ und die Verlustaversion gemeistert haben, müssen Sie noch die Angst vor (falschen) Entscheidungen überwinden.

Es genügt nämlich nicht, jeden Monat ein paar Euro zurückzulegen, um sein Sparziel zu erreichen. Wie viel Sie genau mit welcher Regelmäßigkeit zurücklegen müssen und welches Anlageinstrument dafür in Frage kommt, hängt von Ihrem Profil und Ihren Zielen ab. Schließlich existieren zahlreiche verschiedene Sparmöglichkeiten. Die Suche nach der auf lange Sicht am besten für Sie persönlich geeigneten Lösung ist anstrengend und erfordert gründliches Nachdenken. Sie sollten diese Suche aufgrund des komplexen Angebots keineswegs auf die leichte Schulter nehmen. Allerdings schieben viele von uns die Entscheidung genau aus diesem Grund immer weiter auf. Es gibt jedoch keinen Grund zur Verzweiflung. Zahlreiche Experten können Ihnen helfen, die richtige Entscheidung zu treffen, allen voran Ihr Bankberater.

Sich seiner mangelnden Selbstdisziplin bewusst zu werden, ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer besseren Zukunftsplanung. Auf diese Weise kann selbst die Grille Rücklagen für die Zukunft bilden. Man muss ihr nur mit der richtigen Einstellung zum Sparen auf die Sprünge helfen und ihr einfache und leicht umsetzbare Lösungen anbieten.