{"id":9180,"date":"2019-06-04T09:00:42","date_gmt":"2019-06-04T07:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/my-life.lu\/?p=9180\/"},"modified":"2019-05-24T15:51:05","modified_gmt":"2019-05-24T13:51:05","slug":"anlegerverhalten-als-triebkraft-der-aktienmaerkte-30046","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/my-life.lu\/de\/anlegerverhalten-als-triebkraft-der-aktienmaerkte-30046\/","title":{"rendered":"Anlegerverhalten als Triebkraft der Aktienm\u00e4rkte"},"content":{"rendered":"<p class=\"entete\">Zwischen der Finanzkrise und dem Jahr 2017 legten die US-Aktienm\u00e4rkte \u00fcber rund neun Jahre zu. Im Hinblick auf bestimmte Kennzahlen, die f\u00fcr Anleger von Interesse sind, erreichten die Bewertungen von Aktien neue H\u00f6chstst\u00e4nde. So belief sich etwa die Bewertung von Amazon ungef\u00e4hr auf das 180-fache des Jahresgewinns. Dennoch war das Interesse der Anleger ungebremst. Laut dem Dachverband der europ\u00e4ischen Investment-Verb\u00e4nde EFAMA investierten Anleger im dritten\u00a0Quartal\u00a02017 rund 190\u00a0Mrd. Euro in OGAW-Fonds. Anfang 2019 sind die Preise zwar circa 20\u00a0% niedriger, das Kaufinteresse hat sich jedoch in Luft aufgel\u00f6st. Im dritten\u00a0Quartal 2018 investierten Anleger nur etwa 3\u00a0Mrd. Euro in Fonds. Vergleicht man dies mit dem Umsatz im Januar, stellt man fest, dass Anlegern dasselbe Produkt, das im vergangenen Jahr noch sehr begehrt war, zu einem g\u00fcnstigeren Preis angeboten wird. Doch nun will es niemand mehr kaufen. Wie l\u00e4sst sich dieses scheinbar widerspr\u00fcchliche Verhalten erkl\u00e4ren?<\/p>\n<h2 id=\"h2_0\" >Tief verwurzelte Instinkte<\/h2>\n<p>Das Problem liegt darin, dass das Anlageverhalten vieler Anleger von Verhaltensmustern beeinflusst wird. Unser Verhalten beruht auf tief verwurzelten Instinkten, die eher darauf ausgerichtet sind, in der afrikanischen Steppe zu \u00fcberleben, als Geld an den Aktienm\u00e4rkten zu verdienen. Sie animieren uns dazu, das Verhalten anderer nachzubilden, an bereits Bekanntem festzuhalten und anhand weniger Informationen spontane Entscheidungen zu treffen. Wenn sie nicht kontrolliert werden, f\u00fchren diese Verhaltensmuster h\u00e4ufig zu schlechten Anlageentscheidungen.<\/p>\n<blockquote><p>Die eigentliche Frage lautet nicht, ob man sich \u00fcber diese Probleme sorgen sollte, sondern ob sich die Sorgen angemessen in den Aktienkursen widerspiegeln.<\/p><\/blockquote>\n<p>Heute w\u00fcrde ein Anleger wohl sagen, dass sich die Weltwirtschaft verlangsamt, der Ausblick ungewiss ist und er Anlagen am Aktienmarkt daher eher nicht in Betracht zieht. Nat\u00fcrlich gibt es viele Probleme, \u00fcber die man sich sorgen kann. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China, die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit und die politische Instabilit\u00e4t in Italien sind allesamt Entwicklungen, die das globale Wirtschaftswachstum belasten. Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht, ob man sich \u00fcber diese Probleme sorgen sollte, sondern ob sich die Sorgen angemessen in den Aktienkursen widerspiegeln. Nach dem R\u00fcckgang von 20\u00a0% ber\u00fccksichtigen die Aktienkurse diese auf jeden Fall besser als noch vor einem Jahr.<\/p>\n<p>Wissen in Bezug auf die verhaltenswissenschaftliche Finanzmarktforschung ist n\u00fctzlich, um derartige irrationale Verhaltensweisen zu thematisieren und sicherzustellen, dass diese langfristig nicht die Anlagerenditen beeintr\u00e4chtigen. Die verhaltenswissenschaftliche Finanzmarktforschung ist heute eine boomende Disziplin. W\u00e4hrend Forscher zu Beginn nur einige dieser Wesensz\u00fcge ermittelt haben, ist die Liste im Laufe der Zeit immer l\u00e4nger geworden. Heute sind mehr als 200\u00a0Verzerrungen dokumentiert, die von \u201ealtersbezogener Positivit\u00e4t\u201c bis zum \u201eHalo-Effekt\u201c reichen. Einer begrenzten Anzahl von Verzerrungen, die das tagt\u00e4gliche Verhalten an den M\u00e4rkten zu gro\u00dfen Teilen erkl\u00e4ren, kommt jedoch besondere Bedeutung zu.<\/p>\n<h2 id=\"h2_1\" >Herdenverhalten und Blasenbildung<\/h2>\n<p>Das Herdenverhalten ist eines der Marktph\u00e4nomene, die sich am leichtesten erkennen lassen. Beliebte Anlagen beruhigen Anleger instinktiv, wie die Entwicklungen bei Technologiewerten und Kryptow\u00e4hrungen zeigen.<\/p>\n<p>Kurzfristig gesehen f\u00fchrt dies zu steigenden Kursen und alle sind gl\u00fccklich. Es l\u00e4sst sich jedoch nur schwierig beurteilen, wann diese Stimmung umschlagen wird. Und wenn es dann soweit ist und das Kartenhaus zusammenf\u00e4llt, kann dies sehr schmerzhaft sein. Der Bitcoin-Kurs lag Anfang\u00a02019 zum Beispiel rund 80\u00a0% unter seinem H\u00f6chststand von Dezember\u00a02017. Das Herdenverhalten liegt jeder Investitionsblase zugrunde, von der Tulpenmanie in den Niederlanden des 17.\u00a0Jahrhunderts bis zur Dotcom-Blase Ende der 1990er Jahre.<\/p>\n<blockquote><p>Selbst die f\u00fcr ihre Einblicke und Analysen am meisten gesch\u00e4tzten Fondsmanager treffen sehr wahrscheinlich nur in 60\u00a0% der F\u00e4lle die richtigen Entscheidungen.<\/p><\/blockquote>\n<h2 id=\"h2_2\" >Erfolge und Katastrophen<\/h2>\n<p>Anleger neigen zu Selbstgef\u00e4lligkeit, wenn sich eine Anlage gut entwickelt, und zu \u00fcbertriebener Schwarzmalerei, wenn sich eine Anlageentscheidung als falsch erweist. Sie erinnern sich tendenziell an die gr\u00f6\u00dften Erfolge und Katastrophen, wobei Erfolge sie zu der Annahme verleiten, ihre F\u00e4higkeiten w\u00e4ren den anderen \u00fcberlegen. Dabei k\u00f6nnte es sich um eine Form der r\u00fcckwirkenden Verzerrung handeln: Obwohl Menschen bei der Vorhersage der Zukunft in der Regel \u00fcberaus schlecht sind, glauben wir, dass wir in der Vergangenheit zuk\u00fcnftige Ereignisse richtig vorhergesehen haben.<\/p>\n<p>Katastrophen k\u00f6nnen zu \u00fcbertriebenem Pessimismus f\u00fchren, sodass Anleger ihre F\u00e4higkeiten in Frage stellen und lieber auf liquide Mittel setzen. Doch in Wahrheit liegt einfach jeder mal daneben. Selbst die f\u00fcr ihre Einblicke und Analysen am meisten gesch\u00e4tzten Fondsmanager treffen sehr wahrscheinlich nur in 60\u00a0% der F\u00e4lle die richtigen Entscheidungen. Denn die M\u00e4rkte sind schlicht und ergreifend unberechenbar. Viel schlimmer ist jedoch, dass \u00fcbertriebener Pessimismus dazu f\u00fchren kann, dass Anleger nicht vom langfristigen Wachstum der Aktienm\u00e4rkte profitieren, weil sie bei der Verteilung der Anlagen zu vorsichtig vorgehen.<\/p>\n<p>Damit eng verbunden ist der Best\u00e4tigungsfehler. Dieser beschreibt das Verhalten, wenn sich Anleger nur auf Belege st\u00fctzen, die ihre bestehenden \u00dcberzeugungen best\u00e4tigen, und gegenteilige Beweise ignorieren. Wenn zum Beispiel ein Unternehmen \u00fcber viele Jahre erfolgreich war und seinen Anlegern gro\u00dfe Gewinne beschert hat, kann man Warnsignale wie Schwierigkeiten in einem wichtigen Markt oder eine geringe Nachfrage nach einem neuen Produkt leicht verdr\u00e4ngen. Anleger suchen dann nach Gr\u00fcnden, die daf\u00fcr sprechen, dass es sich nach wie vor um ein gutes Unternehmen handelt, wie etwa eine erfahrene Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung oder konstante Dividenden in der Vergangenheit. Mit einer derart irrationalen Entscheidungsfindung verschlie\u00dfen Anleger unter Umst\u00e4nden die Augen vor der Wirklichkeit.<\/p>\n<blockquote><p>Anleger, die dem Ankereffekt zum Opfer fallen, halten tendenziell zu lange an Anlagen fest, die an Wert verloren haben, da sie den Kaufpreis und nicht die Fundamentaldaten des Unternehmens als Grundlage f\u00fcr den gesch\u00e4tzten angemessenen Wert ansetzen.<\/p><\/blockquote>\n<h2 id=\"h2_3\" >Ankereffekt und Gruppendenken<\/h2>\n<p>Der Ankereffekt beschreibt eine weitere Verhaltensweise, die einen Einfluss auf die Aktienkurse haben kann. Hierbei st\u00fctzen sich die Anleger bei ihren Entscheidungen \u00fcberproportional auf eine bestimmte Ausgangsinformation, wie zum Beispiel den f\u00fcr einen Verm\u00f6genswert gezahlten Preis. Anleger, die dem Ankereffekt zum Opfer fallen, halten tendenziell zu lange an Anlagen fest, die an Wert verloren haben, da sie den Kaufpreis und nicht die Fundamentaldaten des Unternehmens als Grundlage f\u00fcr den gesch\u00e4tzten angemessenen Wert ansetzen.<\/p>\n<p>Finanzanalysten k\u00f6nnen beim Ankereffekt ebenfalls eine Rolle spielen, da deren Prognosen \u00fcber die k\u00fcnftigen Gewinne eines Unternehmens zusammengenommen dessen Aktienkurs beeinflussen. \u00dcbertrifft der von einem Unternehmen erwirtschaftete Gewinn die Erwartungen der Analysten, steigt h\u00e4ufig der Aktienkurs. Bleibt der Gewinn jedoch hinter den Erwartungen zur\u00fcck, kann der Aktienkurs fallen. So ist es m\u00f6glich, dass ein Unternehmen seinen Gewinn zwar um 50\u00a0% steigert, sein Aktienkurs aber dennoch f\u00e4llt, wenn die M\u00e4rkte einen Zuwachs von 100\u00a0% erwartet hatten.<\/p>\n<p>Wenn ein einzelner Analyst bei einem Unternehmen etwas Ungew\u00f6hnliches entdeckt\u00a0\u2013 zum Beispiel ein neues Produkt dessen Verkaufserfolg ma\u00dfgeblich \u00fcbersehen oder untersch\u00e4tzt wird\u00a0\u2013, k\u00f6nnte sich dieser Analyst aus dem Fenster lehnen und eine im Vergleich zu den \u00fcbrigen Marktteilnehmern grundlegend andere Prognose ver\u00f6ffentlichen. Da es jedoch h\u00e4ufig unangenehm ist, Konsensmeinungen in Frage zu stellen, wird dieser Analyst seine Einsch\u00e4tzung vielleicht ein wenig anpassen. Dies k\u00f6nnte eine positive Entwicklung des Aktienkurses verlangsamen.<\/p>\n<h2 id=\"h2_4\" >Irrt\u00fcmer durch historische Bewertungen<\/h2>\n<p>Anleger \u00fcbersch\u00e4tzen unter Umst\u00e4nden auch die Bedeutung der historischen Bewertungen eines Verm\u00f6genswerts. Nur weil der Euro\u00a0Stoxx\u00a050 in den vergangenen zehn Jahren stets \u00fcber 1.810\u00a0Punkten notierte, bedeutet dies nicht, dass er morgen nicht unter diese Marke f\u00e4llt. Denn das Einzige, was den Euro\u00a0Stoxx \u00fcber dieser Schwelle h\u00e4lt, sind hunderttausende individuelle Anlageentscheidungen. Anleger wiegen sich aufgrund historischer Bewertungen jedoch tendenziell in falscher Sicherheit und sind nicht im Stande, Risiken richtig einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es weitere Verzerrungen, von denen einige ausgefallener sind als andere. F\u00fcr den \u201eMann mit Hammer\u201c ist jedes Problem ein Nagel; der Effekt der runden Zahlen f\u00fchrt dazu, dass Anleger leicht verst\u00e4ndliche runde Zahlen bevorzugen; und der IKEA-Effekt beschreibt das Verhalten, dass Menschen Dinge unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch bewerten, in die sie selbst Arbeit gesteckt haben.<\/p>\n<p>Diese Verhaltensweisen lassen sich nicht komplett verhindern. Ein Bewusstsein f\u00fcr sie kann Anlegern jedoch dabei helfen, negative Folgen f\u00fcr die Zusammensetzung und Wertentwicklung eines Portfolios zu mindern. Anlageentscheidungsprozesse sind zwar nie vollst\u00e4ndig rational, man trifft jedoch sicherlich eine bessere Wahl, wenn man unbewusste Verzerrungen erkennen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der Finanzkrise und dem Jahr 2017 legten die US-Aktienm\u00e4rkte \u00fcber rund neun Jahre zu. 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