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September 25, 2021

Anlegen: Lehren aus der Corona-Krise

2020 wurden die Börsen stark erschüttert, erholten sich jedoch allmählich und übertrafen schließlich sogar das Vorkrisenniveau. Olivier Goemans, Senior Portfolio Manager bei BIL, spricht mit uns über die Lehren, die aus der Pandemie zu ziehen sind, sowie über seine Prognosen für die Zukunft.

Welche Veränderungen hat die Krise Ihrer Ansicht nach bewirkt?

Wir beobachteten die Beschleunigung verschiedener, bereits bestehender Phänomene wie der Digitalisierung. Die Krise hat die Geschäftsmodelle verändert. Die Unternehmen mussten sich schnell anpassen, um Lösungen anzubieten. Das Ergebnis: Daten sind heute ein regelrechter Rohstoff und „Big Data“ ist eine Realität, der wir uns nicht mehr entziehen können. Diese Realität wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass die Börsenkapitalisierung des Halbleitersektors (Chipkarten) die des Energiesektors bereits überholt hat.

Eine zweite Veränderung ist die Verlangsamung der Globalisierung. Die Pandemie hat auf die Komplexität der Produktionsketten aufmerksam gemacht und häufig auch auf deren Anfälligkeit bei weltweiten Krisen. Wie ist die Produktion zu organisieren, wenn sich ein Teil der Produktionskette am anderen Ende der Welt in einem Lockdown-Gebiet befindet? Die Koordination ist hoch komplex geworden. Wir haben zur Bewältigung der aktuellen Situation von einer Lagerverwaltung nach dem Just-in-time-Prinzip auf ein Just-in-case-Management mit Mindestmengen umgestellt. Aber die Krise hat nicht nur die Globalisierung verlangsamt, sondern mit Unterzeichnung des Vorhabens einer regionalen umfassenden Wirtschaftspartnerschaft auch die Verlagerung des Gravitationszentrums nach Asien beschleunigt. Diese RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership) strebt die Schaffung der weltweit größten Freihandelszone an.

Allerdings haben wir nicht nur eine Beschleunigung festgestellt, sondern auch ein wachsendes Interesse privater und institutioneller Anleger am Thema Nachhaltigkeit. Man kann sagen, dass es sich dabei heute um ein globales gesellschaftliches Phänomen handelt. Das Interesse ist so groß, dass die ESG-Fonds (ESG ist im Englischen die Abkürzung für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) über das ganze Jahr 2020 hinweg Rekordsummen verbucht haben, während die traditionellen Fonds bescheidenere Summen auf sich vereinen konnten.

Waren die Anleger angesichts der Situation vorsichtiger?

Der Ausbruch der Krise und der weltweite Lockdown verursachten Panik an den Börsen und sorgten für Unsicherheit im Hinblick auf die Zukunft der Wirtschaft. Es war nicht so, dass die Anleger überstürzt agierten und ihre Portfolios veräußerten, aber sie benötigten tägliche Beratung und Aufklärung über die Marktereignisse. Diese erste Phase war umso heikler, als es sehr schwierig war, die Entwicklungen der Pandemie und die aufeinander folgenden Wellen vorherzusagen, die je nach Region und Art der Geschäftstätigkeit recht unterschiedliche Ausmaße und wirtschaftliche Auswirkungen hatten. Es handelte sich zwar um eine weltweite Krise, aber sie war keinesfalls homogen. Ein wichtiger Teil unserer Gespräche mit den Kunden betraf die Resilienz und die Anpassung unserer Wirtschaftssysteme.

Nach einem heftigen und nie zuvor erlebten Einbruch erholten sich die weltweiten Börsen durch die kombinierte Unterstützung seitens der Zentralbanken und Regierungen. 15 Monate nach Beginn der Krise beobachten wir wieder klassische Verhaltensweisen: Der TINA-Effekt (There Is No Alternative) begünstigt die Aktienmärkte. Der FOMO-Effekt (Fear Of Missing Out) ist durch die Angst geprägt, den Anstieg der Märkte zu verpassen, und drängt zur Geldanlage. Der YOLO-Effekt (You Only Live Once) wird bei einer neuen Anleger-Generation beobachtet, die Online-Handelsplattformen (wie z. B. Robinhood) und soziale Netzwerke nutzen und sich nach bestimmten Influencern richten. Dieses Phänomen hat sich seit dem ersten Lockdown vermutlich verstärkt.

Die Investoren müssen ihre Portfolios diversifizieren und unkorrelierte Vermögenswerte kombinieren, da sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt.

Haben sich die Anlagestrategien weiterentwickelt?

Unseres Erachtens ist eine Strategie zur Vermögensallokation zwangsläufig sowohl proaktiv als auch reaktiv, da sowohl der Ausblick als auch das sich stetig wandelnde Umfeld mit einbezogen werden. Das Streben nach Rendite zwingt zahlreiche Anleger, ihre Komfortzone zu verlassen. Was sich unserer Meinung nach nicht ändert, ist die Notwendigkeit der Diversifizierung. Der Grund dafür ist einfach: Es ist unmöglich, die Zukunft vorherzusagen. Die Diversifizierung über Anleihen ist lästig und wirkt sich angesichts des niedrigen Zinsniveaus auf die Performance aus. Aber sie ist notwendig, um die zu heftigen Einbrüche an der Börse abzufedern. Es gibt Alternativen, die jedoch sparsam und in dem Bewusstsein eingesetzt werden müssen, dass gewisse Reserven erforderlich sind (eingeschränkte Liquidität, höhere Komplexität).

Der Übergang zu einem nachhaltigeren Wirtschaftsmodell ist unseres Erachtens die bedeutendste Weiterentwicklung der Anlagestrategie. Es handelt sich hierbei nicht um eine Revolution, sondern um eine Weiterentwicklung durch Einbeziehung nicht-finanzieller Erwägungen in die traditionelle Finanzanalyse.

Welche Lehren lassen sich aus dieser schwierigen Phase ziehen?

Eine der Lehren besteht darin, dass Wirtschaft und Finanzmärkte zwei Paar Schuhe sind. Während die Analyse des wirtschaftlichen Hintergrunds im Wesentlichen darin besteht, in den Rückspiegel zu schauen, drängt uns die Anlagestrategie per Definition dazu, in die Zukunft zu blicken, Trends aufzuspüren und zu ermessen, inwiefern diese vom Konsens abweichen, der in den verschiedenen Bewertungen impliziert ist. Die Finanzmärkte haben sich sehr schnell von der makroökonomischen Realität entfernt, um sich an der Zukunft auszurichten. Wir konnten eine Diskrepanz zwischen dem beängstigenden Hintergrund der Gesundheitskrise und der Entwicklung der Finanzmärkte beobachten. Letztere konzentrierten sich vor allem auf Unternehmen, die während der Krise, nach der Krise oder beim Wiederaufbau florierten.

Um eine Strategie und Perspektive für die Finanzmärkte zu entwickeln, müssen wir nach vorne schauen und nicht nur Wirtschaftsdaten sammeln und uns nach dem Stimmungsbarometer der Ökonomen richten. Das ist genau wie beim Autofahren. Der Rückspiegel ist ein wichtiges Instrument für die Sicherheit beim Fahren, aber die Augen allein auf ihn zu richten, wäre gefährlich – außer beim Rückwärtsfahren. Anders gesagt muss man zwar die Märkte und ihre Dynamik analysieren, aber ganz wesentlich ist es, Szenarien für die Zukunft zu entwickeln, um sich in dem Bewusstsein, dass wir anfällig sind, darauf vorzubereiten.

„The winner takes it all“ ist nicht allein ein Hit von Abba, sondern auch ein interessantes Phänomen auf den Finanzmärkten. Einige Unternehmen – unumgängliche Schwergewichte bei der Entwicklung disruptiver Technologien oder klare Marktführer – haben im Zuge der Gesundheitskrise ihre Führungsposition noch weiter ausgebaut. Dieses Phänomen ist ein Beweis für die Resilienz und Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft. Das zeigt sich auch an der beschleunigten Konzentration der Börsenindizes auf bestimmte Unternehmen mit zumeist astronomischen Kapitalisierungen. An sich ist dies nicht beunruhigend, solange sich der Anleger dessen beim Aufbau seines Anlageportfolios bewusst ist.

Anleger müssen verstehen, dass sich das Pendel zwischen Neurose und Euphorie bewegt. Die Neurose alarmiert „alles läuft schlecht, deshalb muss alles verkauft werden“, während die Euphorie rät: „maximal investiert sein, um die Hausse nicht zu verpassen“. Um das Gleichgewicht nicht zu stören, ist es unerlässlich, ruhig Blut zu bewahren, diszipliniert zu sein und bescheiden zu bleiben. In diesem Punkt lässt sich von der Verhaltensökonomie sehr viel lernen.

Wer sind im Anlagebereich die Gewinner und Verlierer dieser Krise?

Nach der Rezession versuchten Wirtschaftswissenschaftler, das wirtschaftliche Wachstum mit verschiedenen Buchstaben zu beschreiben. Man sprach von verschiedenen Formen der Erholung:

    • Bei einer V-Form erwartet man nach einem heftigen und tiefen Absturz der Wirtschaft einen ebenso schnellen und starken Anstieg der Wirtschaftsindikatoren.
    • Bei der U-Form gleicht die Erholung der V-Variante, aber die Talsohle ist länger als erwartet.
    • Die L-Form sieht nach dem plötzlichen Abschwung eine mehr oder weniger lange Phase der Stagnation voraus.
    • Die W-Form beschreibt eine schnelle Erholung nach einem heftigen Einbruch des Wachstums, gefolgt von einem zweiten starken Rückgang, auf den dann wieder ein schneller Anstieg folgt.

Wir wählen eher die K-Form, um sehr unterschiedliche Auswirkungen, Erfolge und Misserfolge sowie sehr verschiedene Erholungsrhythmen je nach Art der Aktivitäten, Sektoren, Branchen und letztlich auch nach Art der Bevölkerung darzustellen. Es gibt Gewinner und Verlierer. Der Abstand zwischen den Spitzenreitern und den Verfolgern, zwischen Industrie und Dienstleistungen oder beispielsweise zwischen dem Technologie- und Tourismussektor wird immer größer.

Des Weiteren wurde festgestellt, dass das „S“ in ESG im Rampenlicht steht, d. h. die sozialen Erwägungen bei der nicht-finanziellen ESG-Analyse.

Die Anpassung unserer Prognosen gehört zu unserem Geschäft, hindert uns jedoch nicht an starken Überzeugungen.

Welche Überzeugungen haben Sie für die kommenden Jahre?

Das Umfeld verändert sich ständig und wir müssen unsere Prognosen ständig anpassen. Dies gehört zu unserem Geschäft, hindert uns jedoch nicht an starken Überzeugungen. Unsere Überzeugungen lassen sich ganz einfach beschreiben: Wir sehen die Zukunft sowohl realistisch und optimistisch.

Geld anlegen bedeutet nach wie vor, zwischen den verschiedenen verfügbaren Anlagearten und den jeweils damit verbundenen Risiken abzuwägen. Falls Ihr Anlagehorizont und Ihre Risikobereitschaft als Anleger dies zulassen (und nur dann!), sollten Sie in Aktien investiert sein und flexibel bleiben. Da wir wissen, dass stets Ereignisse eintreten können, die einen starken Markteinbruch zur Folge haben können, hat Diversifizierung weiterhin oberste Priorität und Qualitätsanleihen sind nach wie vor die beste Absicherung.

Wir glauben auch, dass das verantwortungsbewusste Investieren einen Paradigmenwechsel darstellt. Wenn Sie Ihr Geld mit dem Ziel anlegen, das Risiko-Rendite-Verhältnis unter Berücksichtigung der ESG-Kriterien zu optimieren, können Sie unserer Ansicht nach definitiv eine Outperformance erzielen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass wir in unserem Metier nicht die Zukunft mithilfe einer Kristallkugel voraussagen, sondern Szenarien entwickeln, um uns entsprechend vorzubereiten und anzupassen.

Wirkt sich ein Andauern der aktuellen Situation langfristig aus?

Das frustrierendste Thema ist die Flaute bei den Zinserträgen. Seit der Krise liegen die Zinsen bei null. Bei den langfristigen Zinsen ist jedoch ein leichter Ruck zu beobachten. Falls es zu einem Inflationsschub kommt, werden die Zentralbanken möglicherweise über eine Zinsanhebung nachdenken. Strukturelle Faktoren sorgen für niedrige Zinsen. Sollte sich die Krise fortsetzen, dürfte sich die Situation nicht bessern und Sparer werden in Geldanlagen gedrängt. Das muss keine schlechte Entwicklung sein, aber es stellt die Gewohnheiten der Kleinsparer auf den Kopf, für die das risikofreie Sparkonto über lange Zeit der einzige Weg war, ihre Ersparnisse zu mehren.

Die Krise hat sich zwar auf einige Aspekte wie die Digitalisierung beschleunigend ausgewirkt, zugleich lastete sie aber auf den Börsen und den Anlegern. Die Anlageexperten sind derzeit optimistisch und ermutigen mehr als je zuvor dazu, Ruhe zu bewahren und Anlagen zu diversifizieren.