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März 19, 2019

Expertenmeinung: Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Investmentmanagement

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST März 7, 2019 129

Um für ihre Kunden die bestmöglichen Dienstleistungen zu erbringen, benötigen Anlageverwalter und Finanzexperten allgemein nach Ansicht von Olivier Goemans, Head of Investment Services and Innovation bei der Banque Internationale à Luxembourg, eine Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein. In einem ausführlichen Interview erörtert Goemans, dass erfolgreiches Anlegen nicht nur den Willen zu lebenslangem Lernen voraussetzt, sondern auch eine solide Philosophie erfordert, die in Anbetracht der unausweichlichen Marktschwankungen und der Unwägbarkeiten des Konjunkturzyklus Beständigkeit bietet und Kunden verdeutlicht, warum Verwalter nicht etwa einfach alles auf eine Karte setzen und nur in einen boomenden Aktienmarkt investieren.

Bei diesem Prozess ist es laut Goemans von zentraler Bedeutung, ein Verständnis für den Faktor Mensch zu entwickeln, der beim Auf und Ab der Wertpapiermärkte eine große Rolle spielt, sowie für die Schwächen und Tendenzen, die, sofern sie nicht richtig erkannt und verstanden werden, Anlegern bei der Realisierung ihrer Ziele im Weg stehen können.

Demut ist für einen Anlageprozess unentbehrlich, denn ein Anlageprozess ist zu gleichen Teilen Kunst und Wissenschaft – wobei sich Wissenschaft vor allem auf ein Verständnis der menschlichen Antriebskräfte und Interaktionen bezieht. „Wir nutzen zwar quantitative Analysen, dahinter steht aber letztendlich menschliches Verhalten“, so Goemans. „Unsere Konjunkturmodelle weisen ein stark künstlerisches Element auf und beruhen auf unzähligen Annahmen über die Zukunft.“

Die andere Seite der Medaille ist Selbstbewusstsein bei der Marktanalyse und der Vorhersage des Zusammenspiels von wirtschaftlichen und politischen Faktoren. „Wir benötigen Überzeugungen, dürfen dabei im Hinblick auf unsere Annahmen jedoch nicht allzu zuversichtlich sein. Schließlich handelt es sich um Prognosen menschlicher Verhaltensweisen in der Zukunft“, so Goemans. „Verhaltensökonomik ist ein wichtiger Faktor für die Dynamik am Finanzmarkt. Dennoch sollten wir Überzeugungen haben – das ist unser Metier.“

Bei unseren Bemühungen, in unseren Portfolios Wachstum zu generieren, dürfen wir nicht vergessen, dass wir über viele Jahre gebildetes privates Vermögen verwalten.

Eine langfristige Philosophie

Die von Goemans und seinen Kollegen formulierten Einschätzungen zum Zustand der Märkte und Ansichten über künftige Entwicklungen werden entsprechend den Marktdynamiken sowie infolge von Änderungen bei ihren Annahmen aktualisiert. Dem Ansatz der Bank liegt jedoch eine Managementphilosophie zugrunde, und wenngleich diese nicht „in Stein gemeißelt“ ist, so ist sie dennoch wegweisend bei der Bestimmung eines Anlageprozesses und einer Anlagenverteilung. „Das bedeutet nicht, dass wir davon in den kommenden 50 Jahren nicht abweichen dürfen, sie sollte aber einen langfristigen Fixpunkt für unsere Arbeit bieten.“

Die Anlagephilosophie berücksichtigt Erkenntnisse aus der Finanzkrise vor rund zehn Jahren und deren Einfluss auf die als Privatanleger engagierten Kunden der Bank: „Wir haben unsere Anlagephilosophie entsprechend unserem Verständnis der Erwartungen, Bedürfnisse und Ziele unserer Privatkunden festgelegt. Für die Abgrenzung und Positionierung innerhalb der Branche ist dies von zentraler Bedeutung.

Bei unseren Bemühungen, in unseren Portfolios Wachstum zu generieren, dürfen wir nicht vergessen, dass wir über viele Jahre gebildetes privates Vermögen verwalten. So befürworten wir zwar eine aktive Verwaltung, bei der die gesamte Bandbreite unserer Mandate ausgenutzt werden kann, der Ansatz bleibt jedoch vernunftgeleitet. Hochfrequenzhandel kommt für uns daher nicht infrage. Wir verfolgen keinen aktiven Anlageansatz um seiner selbst willen.“

Die Bedeutung der Diversifizierung

Die Philosophie ist das Fundament unseres Anlageansatzes und wird daher den Kunden der Bank offengelegt und regelmäßig mit ihnen besprochen. „Da ich die Zukunft nicht vorhersehen kann, vermittle ich Kunden und potenziellen Kunden unsere Demut, die Leidenschaft für unsere Arbeit und unseren aktiven Ansatz zur Verwaltung von Privatvermögen“, erklärt Goemans.

„Wir verfolgen zwar keinen benchmarkunabhängigen Ansatz, ich könnte mich jedoch nie darüber freuen, einem Kunden mitzuteilen, dass wir nur 20 % verloren haben statt 25 % wie der Markt. Das bedeutet ebenfalls, dass wir bei der Verwaltung für Privatkunden in gewissem Maße Substanzwerte bevorzugen, was in der Branche durchaus unüblich ist. Selbstverständlich mögen wir Wachstumstitel, wir lassen den Bereich Substanzwerte jedoch nie außer Acht.“

Aufgrund der viel beachteten und seit Jahren anhaltenden Hausse von US-Aktien ist es wichtig, Anlegern zu vermitteln, dass sich die Aktienmärkte nicht nur in eine Richtung entwickeln können.

Aufgrund der viel beachteten und seit Jahren anhaltenden Hausse von US-Aktien ist es wichtig, Anlegern zu vermitteln, dass sich die Aktienmärkte nicht nur in eine Richtung entwickeln können. „Ein zentrales Element unserer Philosophie besteht darin, das richtige Gleichgewicht zwischen Überzeugungen und Diversifizierung herzustellen. Dies ist zwingend erforderlich und nicht etwa optional“, so Goemans. „Bei scheinbar einfachen Bedingungen an den Aktienmärkten ist es nicht immer leicht, Kunden von den Vorteilen der Diversifizierung zu überzeugen.“

Die Investitionskraft des positiven Denkens

„Der Gedanke, dass wir Kapital schützen können, ist darüber hinaus größtenteils Wunschdenken. Es gibt zwar Techniken zum Kapitalschutz, wie etwa Absicherungen und die Enthebelung des Portfolios in Übereinstimmung mit den Marktdynamiken, sie sind jedoch komplex und kostenintensiv. Diversifizierung ist die einzige kostenfreie Lösung. Wir können kein Market Timing betreiben und müssen daher ein Portfolio aufbauen, das robust genug für verschiedene Marktbedingungen ist.“

Goemans zitiert zustimmend aus dem Podcast Curious Investor des quantitativen US-Verwalters AQR Capital Management: „Es stellt sich heraus, dass weltberühmte Anlagegenies wie Warren Buffett, Bill Gross, George Soros und Peter Lynch gar keine übernatürlichen Fähigkeiten haben. All diese erfolgreichen Investoren waren mit anhaltenden Phasen der Underperformance konfrontiert. Was sie von anderen abhob, war jedoch die Tatsache, dass sie auch in schweren Zeiten an ihrer Anlagephilosophie festgehalten haben.“ Goemans: „Das ist der eigentliche Grund für eine Anlagephilosophie.“

Er ist ein großer Verfechter einer positiven Weltsicht. Dadurch wird es leichter, wohldurchdachte Strategien auch bei negativen Schlagzeilen weiterzuverfolgen. „Schlechte Nachrichten haben einen größeren Einfluss als gute. Die häufige Wahrnehmung, früher sei alles besser gewesen, hält einer sorgfältigen Überprüfung jedoch nicht Stand, selbst wenn positive Entwicklungen unter Umständen nicht leicht zu quantifizieren oder zu belegen sind. Auf der Welt bestehen nach wie vor große Ungleichheiten. Objektiv betrachtet ist die Zahl der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, jedoch gesunken. Überernährung ist weltweit gesehen für mehr Menschen ein Problem als Unterernährung.“

Lebenslanger Wissensdurst

Ein optimistischer Standpunkt untermauert die langfristigen Vorteile des Zinseszinseffekts: „Ich versuche Kunden davon zu überzeugen, indem ich sage, dass der Zinseszinseffekt zu Anfang unglaublich langweilig ist, mit zunehmender Komplexität jedoch immer spannender wird.“

„Mit langfristigen Anlagen sollte man so früh wie möglich beginnen, vorausgesetzt das Risiko innerhalb des Portfolios wird angemessen verwaltet. Wir raten Kunden ebenfalls dazu, den Durchschnittskosteneffekt auszunutzen und einen Teil ihrer Ersparnisse regelmäßig einem Anlageportfolio zuzuführen. Bei Marktkorrekturen können sie ihr Portfolio dann zu geringeren Kosten aufstocken.“

Ein entscheidender Faktor für erfolgreiches Portfoliomanagement, der sowohl für Anlageexperten als auch für deren Kunden gilt, ist nach Goemans’ Ansicht Wissensdurst. „Meiner Meinung nach ist lebenslanges Lernen unverzichtbar. Die Welt entwickelt sich ständig weiter: Die Finanzmärkte, die Wirtschaft und die Gesellschaft sind sich verändernde und bewegliche Konstrukte.

Es genügt nicht, ein Experte für die technischen Aspekte der Märkte zu sein – wir müssen für die eigene Fortbildung Feuer und Flamme sein. Wir stehen zunehmend im Wettbewerb mit Maschinen, und wir müssen diese nutzen. Das mindert jedoch nicht die Bedeutung eines breitgefächerten und kontinuierlichen Lernens.“

Wir können kein Market Timing betreiben und müssen daher ein Portfolio aufbauen, das robust genug für verschiedene Marktbedingungen ist.