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Juni 25, 2024

Naturkapital: die wahren Reichtümer einer Nation

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST September 4, 2023 732

Im Laufe der Zeit ist die Entwicklung der Wirtschaftsleistung eines Landes – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – zu einer Art Kennzahl für sein Wirtschaftswachstum geworden. Nun jedoch steigt das Bewusstsein dafür, dass diese Sichtweise zu kurz gegriffen ist. Insbesondere misst das BIP nicht die Menge an Ressourcen, die für die Wirtschaftstätigkeit verbraucht werden, und lässt auch die Frage nach der Nachhaltigkeit völlig außer Acht. Hier setzt das Konzept des Naturkapitals an.

Mit dem Begriff Naturkapital, auch Umweltkapital genannt, wird der ökonomische Wert natürlicher Ressourcen beschrieben. Dies umfasst den Wert von Ökosystemen, Biodiversität und sogar von diesen erbrachte Dienstleistungen wie Bestäubung, Wasserfilterung und Nahrungsmittelproduktion. Der wirtschaftliche Wert der Natur wird häufig missachtet. Dabei sind saubere Luft, sauberes Wasser und saubere Lebensmittel oder auch vorhersehbare Wettermuster für das erfolgreiche Funktionieren einer Gesellschaft und ihrer Unternehmen unerlässlich – und damit entscheidend für die Schaffung von Wohlstand. Die leichtfertige Zerstörung von „Vermögenswerten“ wie Wäldern, Flüssen und Böden hat einen hohen wirtschaftlichen und ökologischen Preis.

Schätzungen des Beratungsunternehmens Deloitte zufolge ist mehr als die Hälfte des weltweiten BIP mäßig oder stark von der Natur abhängig. Der Verlust von Naturkapital stellt somit eine Bedrohung im Umfang von 44 Billionen US-Dollar für die Weltwirtschaft dar. Dies wirkt sich wahrscheinlich selbst auf nicht direkt betroffene Unternehmen aus, etwa indem ihre Lieferketten oder das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter beeinträchtigt werden.

Das BIP und das Gewinnwachstum werden häufig als repräsentativ für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes betrachtet, doch Wachstum auf Kosten der natürlichen Ressourcen kann kaum von Dauer sein.

Kurzfristiger Nutzen

Das BIP und das Gewinnwachstum werden häufig als repräsentativ für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes betrachtet, doch Wachstum auf Kosten der natürlichen Ressourcen kann kaum von Dauer sein. Ein Chemieunternehmen mag zwar kurzfristig höhere Gewinne erzielen, wenn es Abfälle in einen Fluss kippt, anstatt sie ordnungsgemäß zu entsorgen. Letztendlich wird dies jedoch die lokale Wasserversorgung beeinträchtigen. Die Trockenlegung von Mangrovensümpfen oder die Vernichtung von Feuchtgebieten bringt vielleicht kurzfristige wirtschaftliche Vorteile, doch sie zerstört einen lebenswichtigen Schutzwall für Küstengemeinden vor Sturmfluten, Überschwemmungen oder Schlammlawinen. Naturkapital ist wesentlich für die Erhaltung einer gesunden und nachhaltigen Umwelt. Aus diesen Gründen ist eine angemessene Bewertung von Naturkapital essentiell, nicht nur als Voraussetzung für fundierte ökonomische Entscheidungen, sondern auch zur Ermittlung der Kosten von umweltschädlichen Aktivitäten.

Es ist klar, dass die Welt hier noch nicht die richtige Balance gefunden hat. Abholzung, Umweltverschmutzung und die Vernichtung der biologischen Vielfalt zerstören das Naturkapital und beeinträchtigen so langfristig das nachhaltige Wirtschaftswachstum und die Lebensqualität. In dem 2021 veröffentlichten Bericht The Economics of Biodiversity argumentierte ein vom britischen Finanzministerium beauftragtes Expertengremium: „[Es gibt] zunehmend Belege dafür, dass die Menschheit in den letzten Jahrzehnten unser wertvollstes Gut, die Natur, in einem Ausmaß geschädigt hat, das weitaus größer ist als je zuvor. Gleichzeitig ist der materielle Lebensstandard der Menschen im globalen Durchschnitt heute wesentlich höher als je zuvor […].

Um dies zu erreichen, haben wir die Biosphäre jedoch so stark abgebaut, dass unsere Anforderungen an ihre Güter und Dienstleistungen ihre Fähigkeit, diese nachhaltig zu erfüllen, bei weitem übersteigen. Das wird unseren Nachkommen zum Verhängnis werden und deutet darauf hin, dass wir zugleich die beste und die schlechteste Zeit überhaupt erlebt haben.“

Lässt sich die Natur messen?

Diese Erkenntnis hat zu einem stärkeren Fokus auf der Messung des Naturkapitals geführt. „In Ländern, in denen das heutige BIP durch den dauerhaften Verbrauch oder Abbau von Vermögenswerten erreicht wird, etwa durch Überfischung oder Bodendegradation, verringert sich der Gesamtwohlstand“, so die Analysten von Deloitte. „Dies kann selbst dann der Fall sein, wenn das BIP steigt. Der künftige Wohlstand wird untergraben.“

Immer mehr Arbeiten beschäftigen sich mit der Untersuchung des ökologischen Fußabdrucks von Ländern und Unternehmen.

Immer mehr Arbeiten beschäftigen sich mit der Untersuchung des ökologischen Fußabdrucks von Ländern und Unternehmen.

Immer mehr Arbeiten beschäftigen sich mit der Untersuchung des ökologischen Fußabdrucks von Ländern und Unternehmen. Ziel dieser Bemühungen ist es, zu verstehen, wo in einer Wertschöpfungskette die größte Abhängigkeit von der Natur besteht. Die aktivistische Gruppe Capitals Coalition hat das Natural Capital Protocol entwickelt. Dieses Rahmenwerk dient zur Bewertung von Risiken und soll politischen Akteuren dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

In Anlehnung an die von der Taskforce for Climate related Financial Disclosures (TCFD) erarbeitete, weltweit angenommene Klimaberichterstattung hat der Finanzstabilitätsrat 2020 die Taskforce für naturbezogene Finanzinformationen (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures, TNFD) ins Leben gerufen. Hier besteht das Ziel darin, Unternehmen und Finanzinstituten das Ergreifen der zur Abwendung und Umkehrung des Naturverlustes dringend erforderlichen Maßnahmen zu erleichtern.

Zudem haben zahlreiche Unternehmen eigene Instrumente entwickelt, um anhand eines ökologischen Gewinn- und Verlustschemas ihre Auswirkungen auf die Natur zu quantifizieren. Der französische Luxusgüterkonzern Kering beispielsweise hat ein Tool konzipiert, das die Kohlenstoffemissionen, den Wasserverbrauch und die Wasserverschmutzung, die Flächennutzung, die Luftverschmutzung und die Abfälle in seiner gesamten Lieferkette und in all seinen Betrieben einbezieht. Damit wird ein Geldwert ermittelt, der dann als Entscheidungshilfe genutzt werden kann.

Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Sir Partha Dasgupta von der Universität Cambridge, Vorsitzender des Expertengremiums, aus dessen Feder der Bericht „The Economics of Biodiversity“ stammt, ist der Meinung, dass diese Art von Maßstäben mehr Verwendung finden sollte. „Wirtschaftswissenschaftler wissen, dass es klug ist, ihre Investitionen über ein breites Spektrum an Aktivitäten zu streuen“, sagt er. „So halten sie sich bei Katastrophen über Wasser, die sich auf irgendeinen bestimmten Vermögenswert auswirken können.

„Das Gleiche gilt für die Natur. Wenn sich die Bedingungen ändern, sei es auf Ebene des Klimas oder als Folge einer neuen Entwicklung im ständigen Wettbewerb zwischen den Arten, bleibt das Ökosystem als Ganzes intakt.“ Die allgemeine Schlussfolgerung seines Gremiums lautet, dass die Natur als Vermögenswert behandelt werden muss, wobei das Naturkapital in die nationalen Erhebungen zum Zustand der Wirtschaft einbezogen werden muss.

Eine bessere Nutzung des Naturkapitals geht über die Senkung der Kohlenstoffemissionen hinaus. Sie zielt auf den Schutz des gesamten Ökosystems ab, von dem der wirtschaftliche Wohlstand abhängt. Dies umfasst Aspekte wie die Kreislaufwirtschaft, deren Ziel der Übergang von einem Konsum- und Wegwerfsystem zu einem System ist, in dem Reparatur und Wiederverwendung in den Planungs- und Herstellungsprozess integriert sind.

Wiederherstellung der biologischen Vielfalt

Auch an der Wiederherstellung der Ökosysteme und der Artenvielfalt wird gearbeitet. Die Wiederaufforstung kann beispielsweise die Kohlenstoffbindung verbessern, und durch eine Verringerung der Umweltverschmutzung erholt sich die Tierwelt. Zur Biodiversität gibt es nun das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt und eigene Konferenzen der Vertragsparteien – mit der COP15 wurde im Dezember 2022 die jüngste davon in Montreal abgeschlossen. Das Thema gewinnt überdies zunehmend an Bedeutung als Faktor für Vermögensverwaltungsstrategien.

Einem Wachstum, das auf der Zerstörung natürlicher Ressourcen beruht, sind zwangsläufig Grenzen gesetzt.

Warum ist dies für Anleger wichtig? Bei Investitionen geht es um die langfristige Perspektive. In vielen Fällen sind die Fondsmanager auf der Suche nach Unternehmen, die über fünf, zehn oder sogar 20 Jahre hinweg ein konstant starkes Wachstum erzielen können. Einem Wachstum, das auf der Zerstörung natürlicher Ressourcen beruht, sind zwangsläufig Grenzen gesetzt. Unternehmen, die natürliche Ressourcen nachweislich auf nachhaltige Weise nutzen, sind dagegen besser aufgestellt, um langfristig zu wachsen.

Da sich die politischen Entscheidungsträger immer stärker der Kosten bewusst werden, die durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen entstehen, werden Unternehmen, die Lebensräume zerstören, Flüsse verschmutzen oder Kohlendioxid ausstoßen, wahrscheinlich zunehmend sanktioniert, in ihrer Geschäftstätigkeit eingeschränkt oder irgendwann nicht mehr die für ihren Betrieb und ihre Expansion erforderlichen Gelder erhalten.

Diese Risiken müssen Anleger nicht eingehen. Die Berücksichtigung von Naturkapital bei der Berechnung des Wirtschaftswachstums ergibt ein genaueres, dreidimensionales Bild von Wohlstand im weitesten Sinne. Vor allem aber wird so deutlich, ob dieser Wohlstand von Dauer ist, was für alle Anleger eine Priorität sein sollte.

Eine bessere Nutzung des Naturkapitals geht über die Senkung der Kohlenstoffemissionen hinaus. Sie zielt auf den Schutz des gesamten Ökosystems ab, von dem der wirtschaftliche Wohlstand abhängt.