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November 29, 2022

Expertenmeinung: „Eine Geschichte aus zwei Hälften“

„Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns …“ (Charles Dickens, Eine Geschichte aus zwei Städten)

Der Februar war in zwei divergierende Marktphasen gespalten. In der ersten brachen die wichtigsten US-Aktienindizes Höhenrekorde und in der zweiten wurden Rekorde am anderen Ende des Spektrums gebrochen. Beim Index S&P 500 vollzog sich die schnellste Korrektur aller Zeiten, während die Renditen 10- und 30-jähriger US-Treasuries (traditionelle sichere Häfen) auf historische Tiefs fielen.

„Sie war gefangen zwischen Gefühlen der Hoffnung und des Zweifels…“ (Charles Dickens, Eine Geschichte aus zwei Städten)

Sowohl die Hochs als auch die Tiefs waren Folgen der anhaltenden Coronavirus-Epidemie. Anfangs waren die Märkte optimistisch im Hinblick auf die Eindämmung der Krankheit durch China und auf die massiven Anreizmaßnahmen aus Peking, um den Schlag abzufedern, den zahlreiche Unternehmensschließungen und die Quarantäne von rund 40 Millionen Menschen der Wirtschaft versetzten.

Doch dann stand das, was man als China-spezifisches Problem betrachtet hatte, schnell vor den Türen Europas. Italien stellte nach dem Krankheitsausbruch in den Regionen Lombardei und Venetien im Norden des Landes rund 100.000 Menschen unter Quarantäne. Seither wurden Fälle in 52 Ländern berichtet, und das US-amerikanische Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention warnte, dass sich der Krankheitsausbruch wahrscheinlich zu einer Pandemie entwickeln würde, die „schwerwiegende“ Beeinträchtigungen des täglichen Lebens in den USA nach sich ziehen könnte. Nach der Verbreitung des Virus ergriffen Anleger umgehend die Flucht aus Aktien und anderen risikoreichen Anlagen, was an den Märkten zur schlimmsten Woche seit der Finanzkrise von 2008 führte – und das im Umfeld einer recht annehmbaren Berichtssaison und sich allgemein verbessernder makroökonomischer Daten.

In gewisser Weise können wir sagen, dass wir in der besten aller Zeiten leben, da das Internet fast alles ans Licht bringt. Das ist insofern von Vorteil, als sich die Menschen des Virus bewusst sind und die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen können, um sich selbst zu schützen. Doch in gewissem Maße überschattet das Internet mit der Verbreitung von Fake News auch Fakten. Über die sozialen Medien gehen Panik und Angst viel schneller um die Welt als jede Pandemie, und das scheint einen Teil der Verkaufswelle am Markt anzutreiben.

Ruhe im Sturm

Aufgrund von Lieferkettenunterbrechungen, Unternehmensschließungen, Reisestornierungen und einer abwartenden Haltung von Entscheidungsträgern ist es durchaus angemessen, davon auszugehen, dass das Coronavirus für eine Delle in den Zahlen des ersten Quartals sorgen wird und vielleicht auch noch längerfristige Auswirkungen zeigt. Dies könnte sogar einige „technische Rezessionen“ in ohnehin schon geschwächten Volkswirtschaften (insbesondere in Europa) beschleunigen. Wir glauben zurzeit allerdings nicht an eine echte ausgewachsene Rezession, insbesondere nicht, weil die USA immer noch eine ansehnliche Wirtschaftskraft vorweisen können. Unsere Anlagestrategie hat sich immer an Fundamentaldaten orientiert, und gerade, wenn die Märkte in den Panikmodus schalten, sollten wir umso stärker an dem festhalten, was uns geleitet hat, statt es aus den Augen zu verlieren.

Ob sich eine Rezession einstellt, hängt von vielen Faktoren (vorwiegend epidemiologischer Art) ab, die sich an dieser Stelle noch nicht erfassen lassen. Der SARS-Ausbruch 2003 wurde von vielen Analysten als Mustervorlage herangezogen. Dies hat jedoch nur begrenzten Wert, da China damals bei weitem nicht so sehr in die Weltwirtschaft integriert war wie heute. Es werden noch einige Wochen vergehen, bevor die gesamten wirtschaftlichen Konsequenzen des Coronavirus, das Ausmaß der Todesopfer oder der Zeitrahmen für seine Eindämmung klar erkennbar sein werden. Diese Ungewissheit verschlimmert das Unbehagen am Markt.

Nachdem wir zunächst die panikbedingte Verkaufswelle mit einer neutralen Allokation in Risikoanlagen von der Seitenlinie aus beobachtet hatten, beschlossen wir, angemessenere Aktienbewertungen zu nutzen, um unser Aktienengagement sowohl in den USA als auch in China zu erhöhen, sodass wir dort nun leicht übergewichtet sind.

Da die Europäische Zentralbank bereits mit Volldampf fährt, könnte das Coronavirus der entscheidende Faktor sein, der das Zünglein der Waage zugunsten haushaltspolitischer Anreize auf dem Kontinent ausschlagen lässt.

Wir gingen so vor, weil wir die Wahrscheinlichkeit für weitere geld- und fiskalpolitische Anreize als hoch einschätzten, und in der Tat senkte die US-Notenbank nach einer Anfang März eilends einberufenen Telefonkonferenz der G7-Staaten die Zinsen um 50 Basispunkte (die erste Zinssenkung zwischen zwei Fed-Sitzungen seit Oktober 2008). Ansonsten hat Italien angekündigt, 3,6 Mrd. Euro in die Wirtschaft zu pumpen, um die Auswirkungen des Coronavirus zu mindern. Das Paket hat ein Volumen von etwa 0,2 % des BIP, und Rom wird sich gleichzeitig bei der Europäischen Kommission um die Genehmigung bemühen, sein Haushaltsdefizit für 2020 zu erhöhen.

Da die Europäische Zentralbank bereits mit Volldampf fährt, könnte das Coronavirus unseres Erachtens der entscheidende Faktor sein, der das Zünglein der Waage zugunsten haushaltspolitischer Anreize auf dem Kontinent ausschlagen lässt.

Alles in allem scheint das Coronavirus dem Weltwirtschaftswachstum eine Delle zu verpassen. Ob das ein vorübergehendes Phänomen oder von längerer Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Da zurzeit weder eine Behandlung noch eine Impfung zur Verfügung stehen, sind die Auswirkungen auf die Menschen schwerwiegend und bedauernswert, und es lässt sich nicht vorhersagen, wann die Anzahl der Fälle ihren Spitzenwert erreicht. Solange das unbekannt ist, bleiben auch die wirtschaftlichen Auswirkungen unbekannt.