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August 18, 2022

Expertenmeinung: „Risikofreude, Risikoscheu …”

Beim Versuch, den letzten Monat und das ständig Auf und Ab der Stimmung zusammenzufassen, fiel uns spontan der Film Karate Kid ein, in dem Daniel Autos poliert und Mister Miyagi neben ihm steht und gebetsmühlenartig wiederholt „Wachsen, Polieren, Wachsen, Polieren …“. Die Märkte schwankten im Januar ständig zwischen Risikofreude und Risikoscheu. Der Monat hat gezeigt, wie wichtig es ist, eine wasserdichte Anlagestrategie zu formulieren und daran festzuhalten, und sich nicht von Übermut und Stimmungen leiten zu lassen oder beim ersten Anzeichen von Marktstress einzuknicken.

Risikofreude

Aktien hatten einen glänzenden Start in das Jahr 2020. Das Teilabkommen zwischen den USA und China beflügelte den Optimismus im Hinblick auf das globale Wachstum und hob die wichtigsten Indizes auf neue Höchststände. Obwohl die aktuellen Zahlen darauf hindeuten, dass die Wirtschaft die Talsohle erreicht hat und die Rezessionsängste vom Herbst sich wahrscheinlich nicht bestätigen werden, bleibt abzuwarten, ob sich das Wachstum der Weltwirtschaft wieder beschleunigen wird.

Das lässt sich unter anderem am Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe ablesen, der als wichtigster Wachstumsindikator gilt. In der Eurozone bewegt sich der Index nur zaghaft nach oben und verharrt unter 50 Zählern, was auf eine wirtschaftliche Kontraktion hindeutet. In den USA verzeichnet der PMI für das verarbeitende Gewerbe seit November einen Abwärtstrend, deutet aber immer noch auf eine Expansion hin (der aktuelle Flash-PMI liegt bei 51,7 Zählern).

Blauäugige Anleger haben dennoch eine Wachstumserholung eingepreist. Obwohl die Spätphasen des Zyklus für riskante Anlagen in der Regel fruchtbar sind (was vor allem angesichts der aktuell extrem großzügigen Politik der Zentralbanken der Fall sein könnte), befürchten wir eine mögliche Selbstgefälligkeit der Märkte und warten lieber ab, bis die Fundamentaldaten und Gewinnprognosen eine Aufstockung unseres Aktienengagements rechtfertigen. Derzeit bereiten die Bewertungen den Aktien die größten Probleme. Nun müssen die Gewinne Abhilfe schaffen.

Zwischen nicht bewegen und nichts tun gibt es einen großen Unterschied.

Risikoscheu

Bei unserer Karate-Kid-Analogie gibt es ein berühmtes Filmzitat: „Zwischen nicht bewegen und nichts tun gibt es einen großen Unterschied“ (Being still and doing nothing are two very different things). Wir sind trotz des Optimismus ruhig geblieben und haben das Risiko nicht erhöht. Daher waren wir recht gut aufgestellt, als einige unvorhergesehene Ereignisse im Laufe des Monats für Turbulenzen an den Märkten sorgten. Zunächst schürte der US-Luftangriff, bei dem der iranische General Qasem Soleimani getötet wurde, die Angst vor einem Wiederaufflammen der Spannungen im Nahen Osten. Die Märkte reagierten darauf wie aus dem Lehrbuch: riskante Vermögenswerte wurden abgestoßen, der Ölpreis schnellte in die Höhe und die Staatsanleiherenditen von Kernländern sanken, als sich die Anleger in defensive Marktsegmente flüchteten. Trotz des offensichtlichen Marktstresses und der Kriegsgerüchte beschlossen wir, unsere Aktienengagements nicht anzutasten und die formelle Antwort aus dem Iran abzuwarten. Schließlich wurde die Lage entschärft und die Angst an den Märkten legte sich rasch.

Risikofreude

Zur Monatsmitte erreichten die drei führenden US-Indizes erneut Tagesrekorde. Dem vorausgegangen war eine Reihe positiver Makrodaten aus den USA (z. B. erreichte der Neubau von Häusern ein 13-Jahres-Hoch) und China (die Industrieproduktion übertraf mit +6,9% ggü. dem Vorjahr die Erwartungen). Auch erste Anzeichen für eine erfreuliche Berichtssaison für das 4. Quartal trugen zu dieser Entwicklung bei. Eingeläutet wurde sie mit der Veröffentlichung unerwartet erfreulicher Ergebnisse führender Banken.

Vor allem der Luxussektor hängt stark vom Konsum in China ab, und die Aktienkurse der Branchenriesen brachen dramatisch ein.

Risikoscheu

Aber die Euphorie war nur von kurzer Dauer. Kurz darauf kehrte die Panik zurück, als das Corona-Virus für Schlagzeilen sorgte und sich die Pessimisten an den Märkten laut und deutlich zurückmeldeten. Um eine Ausbreitung zu verhindern, hat die chinesische Regierung mehr als 10 Städte abgeriegelt. Einige Unternehmen und Länder haben alle Reiseverbindungen mit China gekappt (Hongkong und Russland haben ihre Grenzen zum chinesischen Festland geschlossen). Anleger gehen davon aus, dass dies das ohnehin schwache verarbeitende Gewerbe und die Verbraucherausgaben belasten wird. Vor allem der Luxussektor hängt stark vom Konsum in China ab, und die Aktienkurse der Branchenriesen brachen dramatisch ein. Auch in risikoreicheren Segmenten des Rentenmarkts ging die Angst um, und die Spreads von Hochzinsanleihen weiteten sich deutlich aus. Wir entschieden uns ungeachtet der Turbulenzen erneut, strikt bei unserem Ansatz zu bleiben und die Vermögensallokation stabil zu halten. Der aktuelle Kontext ist zwar anders als vor 20 Jahren, aber als die SARS-Epidemie 2003 ihren Höhepunkt erreichte, war der Markt bereits um 23 % gestiegen.

Die Versuchung, in Zeiten von Stress den Verkaufsknopf zu drücken, ist ungeheuer groß, besonders heute angesichts der kontinuierlichen Nachrichtenflut und furchterregenden Schlagzeilen. Das Geheimnis, wie man unter solchen Umständen die Ruhe bewahrt und kurzfristige Turbulenzen übersteht, besteht darin, sich auf die der Anlagestrategie zugrunde liegenden Fundamentaldaten zu konzentrieren und auf eine angemessene Diversifizierung zu achten. Daher enthalten unsere Portfolios Staatsanleihen von Kernländern, während wir im Aktiensegment bewusst auf erstklassige Unternehmen mit soliden Bilanzen und Aussicht auf Gewinnwachstum setzen.

Der Versuch, den Markt zu „timen“, gleicht dem Versuch, eine Fliege mit Essstäbchen zu fangen. Wir orientieren uns lieber an den Fundamentaldaten statt an Schlagzeilen. Dadurch blieben wir von den Marktturbulenzen im Januar verschont. Wir sind nach wie vor bereit, unsere Positionierung in riskanten Anlagen zu erhöhen, sollten neue Daten dies rechtfertigen. Dennoch sind wir überzeugt, dass unsere geduldige Haltung im Moment (vor allem, da der volle Umfang der Auswirkungen des Corona-Virus noch völlig unklar ist) angemessen ist.