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Juli 11, 2020

Greenwashing

  Olivier Goemans myINVEST Mai 25, 2020 3

Weltweit nimmt die Sorge über den Klimawandel zu – im Alltag, in den Medien und in den Parlamenten und damit unter Zentralbankern, Bürgern und Anlegern. Da das öffentliche Bewusstsein offenbar einen Wendepunkt erreicht hat, ist das Thema nachhaltiges Anlegen nun in aller Munde und hat sich von seinem Nischendasein zu einer Mainstream-Bewegung entwickelt. Es handelt sich nicht länger um ein Randphänomen, das uns bei unserem Handeln ein gutes Gefühl verleiht, sondern ist bei geschäftsrelevanten Entscheidungen zu einem entscheidenden Kriterium geworden. Leider nimmt damit auch das Greenwashing unter den Unternehmen zu.

Der Zeitpunkt war nie besser, um über nachhaltige Anlagen zu sprechen und sich für diese einzusetzen. Die jüngsten regulatorischen und politischen Entwicklungen, wie etwa der Aktionsplan der EU zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und die damit verbundenen Gesetzesvorschläge, haben zu einem stärkeren Bewusstsein der Finanzmarktakteure und der Anlegergemeinschaft geführt. Die Bank of America geht angesichts der demographischen Zahlen davon aus, dass ESG-Fonds in den nächsten zwei Jahrzehnten einen massiven Kapitalzufluss von 20 Billionen US-Dollar erfahren werden. Dies entspricht dem derzeitigen Volumen des S&P 500.

Dieser regelrechte Nachfrage-Tsunami beschleunigt den Transformationsprozess der Investmentbranche. So wird es etwa zunehmend schwieriger, Vermögenswerte ohne Berücksichtigung ökologischer (E), sozialer (S) und governance-bezogener (G) Gesichtspunkte zu analysieren. Bei der Überprüfung von Bilanzen, Geschäftsergebnissen und Geschäftsfällen sollten nicht nur immaterielle Vermögenswerte (z. B. Ruf, Marke und geistiges Eigentum) bewertet, sondern auch ESG-Kennzahlen berücksichtigt werden. Denn finanzielle Kennzahlen allein reichen nicht mehr aus.

Die Einbindung von ESG-Kriterien wirkt sich auf die Kapitalkosten von Unternehmen aus und leistet damit einen wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft.

Der Wandel in der Finanzbranche wird von Überzeugungen angetrieben, aber auch Opportunismus spielt hier klar eine Rolle. Doch was auch immer letztlich der Grund dafür ist, die wichtigste Schlussfolgerung besteht darin, dass die Finanzmärkte ein sich selbst verstärkendes System sind. Die Einbindung von ESG-Kriterien wirkt sich auf die Kapitalkosten von Unternehmen aus und leistet damit einen wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft.

Wir sollten jedoch auch realistisch bleiben. Greenwashing1 ist ein weit verbreitetes Problem, da viele Unternehmen ihre ökologischen (oder sozialen) Fortschritte und ihr Produktmarketing übertrieben positiv darstellen. Dies gilt ebenso für die Industrie wie für die Finanzbranche.

Zunächst einmal sollte sich jeder Anleger eines nachhaltigen Finanzprodukts darüber im Klaren sein, dass ESG-Ratings nach wie vor sehr undurchsichtig sind. Die genaue Messung der ökologischen und sozialen Auswirkungen ist ein in der Entwicklung befindlicher Ansatz, dessen Berichterstattungsstandards noch in den Anfängen stecken. Gemäß Forschern des MIT2 liegt die Korrelation zwischen den ESG-Ratings im Durchschnitt bei 0,61 (d. h. die von den einzelnen Rating-Agenturen vergebenen Ratings unterscheiden sich recht stark voneinander). Bei traditionellen Ratings erreicht sie hingegen einen Wert von 0,99. Die Qualität der herangezogenen Daten ist dabei für jeden Portfoliomanager eindeutig von oberster Priorität. Denn wie lassen sich Risiken steuern und Chancen erkennen, wenn man diese nicht mit hinreichender Genauigkeit messen kann? In ihrer Forschungsarbeit bestätigen die Wissenschaftler nicht nur das Bestehen von Diskrepanzen zwischen den einzelnen ESG-Ratings, sondern sie gehen auch den Ursachen dieser Unterschiede auf den Grund. Eine der Hauptursachen, die sie dabei ermitteln konnten, besteht darin, dass die verschiedenen Rating-Agenturen unterschiedliche Aspekte beleuchten und diese unterschiedlich stark gewichten. Daran wird deutlich, dass offenere und transparentere Offenlegungsstandards erforderlich sind, um die Genauigkeit von ESG-Ratings zu verbessern.

Nachhaltiges Portfoliomanagement bedeutet nicht, sein gesamtes Kapital in wenigen Riesenkonzernen mit den besten ESG-Eigenschaften anzulegen.

Darüber hinaus sollten nachhaltige Anlagen keinesfalls als Allheilmittel für die Vermeidung von negativen Schlagzeilen angesehen werden. Nachhaltiges Portfoliomanagement bedeutet nicht, sein gesamtes Kapital in wenigen Riesenkonzernen mit den besten ESG-Eigenschaften anzulegen. Vielmehr sollten die Branche ihre Bemühungen miteinander vereinen, um eine wettbewerbsfähige Performance unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien zu erbringen. Dieses Ziel lässt sich schneller erreichen, wenn man die Marktführer und Störfaktoren von morgen ermittelt und ein stärkeres Augenmerk auf die Analyse der Unternehmen und insbesondere die Bewertung der Nachhaltigkeit ihrer Geschäftsmodelle und Aktionspläne richtet.

Jeder Anleger muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Finanzmarktanalyse noch nie eine exakte Wissenschaft war und es auch nie sein wird. Denn selbst die besten Tabellen und Diagramme der Welt können Anlegern nicht garantieren, dass sich eine Anlage gut entwickeln wird.

Die Aktionäre und Inhaber von Vermögenswerten erwarten von den Unternehmen in ihrem Portfolio, dass sie Initiative zeigen, beispielsweise indem sie sich an die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens halten. Die Rufe der Bürger, Interessengruppen und Aktivisten nach einer sofortigen Einstellung von Anlagen in Unternehmen mit umstrittenen Geschäftsmodellen werden immer lauter. Die Kapitalzuflüsse werden sich wahrscheinlich abschwächen, woraufhin einige Aktivitäten, wie etwa jene mit hohem CO2-Ausstoß, schrittweise eingestellt werden dürften. Während die Banken, Vermögensverwalter und Aufsichtsbehörden in Bewegung sind und daran arbeiten, Maßnahmen zum Kampf gegen den Klimawandel und zur Anpassung an diesen umzusetzen, verlangen Aktivisten nach einer Revolution. Nachhaltige Anlagen stehen jedoch eher im Zeichen von Evolution als von Revolution. Die Richtung der beiden Entwicklungen ist zwar dieselbe, doch seien wir ehrlich: Die Geschwindigkeit dabei ist alles andere als gleich.

Inhaber von Vermögenswerten üben Druck auf Manager aus, damit diese ihre Versprechen auch umsetzen. Für sie ist es wichtig, dass auf Worte auch Taten folgen. Hierzu müssen diese Worte jedoch optimistisch und bescheiden sein, da wir am Anfang einer Phase des „learning by doing“ stehen. Jeder gewissenhafte Portfoliomanager sollte daher sorgsam auf die Kundenerwartungen eingehen und in puncto ESG-Kriterien auf Transparenz setzen. Von Portfoliomanagern zu erwarten, dass sie kontroverse Anlagethemen vermeiden, klingt ein wenig wie die Forderung nach einem kostenlosen Mittagessen oder – um im Finanzkontext zu bleiben – nach einer risikofreien Anlage mit hoher garantierter Rendite. Im Wesentlichen ist dies also Wunschdenken.

Gemäß der Financial Times sind in den USA Stimmrechtsvertretungen von Anlegern und Engagements mit den Unternehmensführungen zugunsten umweltschutzrelevanter Themen inzwischen genauso häufig wie Abstimmungen zugunsten governance-relevanter Themen. Ein nachhaltiger Aktionsplan wird daher für Unternehmen ebenso wie Optimismus (und Ehrgeiz) zunehmend zu einer Grundvoraussetzung. Unternehmen, die sich diese Hilfsmittel und Eigenschaften angeeignet haben, befinden sich bereits auf dem Weg in die richtige Richtung.

Nachhaltige Anlagen stellen kein Allheilmittel und keine exklusive Lösung dar, sondern sind lediglich eines von vielen Hilfsmitteln für einen möglichst reibungslosen Wandel.

Ziviler Ungehorsam und die Umweltschutzbewegung „Extinction Rebellion“ haben das Bewusstsein der Menschen verändert und werden dies auf künftig tun. Der unumkehrbare Übergang zu nachhaltigen Anlagen – obgleich er konformistisch sein mag – sollte jedoch dazu beitragen, den Blutdruck derjenigen niedrig zu halten, die die Finanzmärkte als Lebensquelle der Wirtschaftssysteme betrachten. Nachhaltige Anlagen stellen kein Allheilmittel und keine exklusive Lösung dar, sondern sind lediglich eines von vielen Hilfsmitteln für einen möglichst reibungslosen Wandel.

1 Abgeleitet vom Verb „to greenwash“, das im Cambridge Dictionary definiert wird als „andere glauben zu machen, dass sich sein Unternehmen stärker für den Umweltschutz engagiert, als es tatsächlich der Fall ist“.
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https://mitsloan.mit.edu/ideas-made-to-matter/why-esg-ratings-vary-so-widely-and-what-you-can-do-about-it