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August 3, 2021

Investitionen, Millennials und Corona

Es heißt, dass sich die Millennials stark von früheren Generationen unterscheiden. Ihnen sind soziale Kontakte, Erfahrungen und Reisen wichtig, für Altersvorsorge, Geldanlagen und Zukunftsplanung interessieren sie sich dagegen weniger. Auch wollen sie sich nicht an einer kapitalistischen Wirtschaft beteiligen, die gegen ihre Interessen handelt. So werden sie zumindest oft beschrieben.

Und dafür gab es bisher gute Gründe. Für die Millennials ist Wohneigentum angesichts der hohen Immobilienpreise, die in Luxemburg im Jahreszeitraum bis Juni 2020 um weitere 15 % stiegen, kaum erschwinglich. Zudem reicht ihr verfügbares Einkommen aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten zumeist nicht aus, um Geld beiseitelegen zu können.

Doch im Zuge der Corona-Pandemie entsteht ein neues Narrativ. Weltweit hat sich die finanzielle Situation von Millennials durch die Krise verbessert. Während des Lockdowns gaben viele weniger Geld für Kaffee, Taxifahrten und Freizeitaktivitäten aus; andere zogen wieder zu ihren Eltern, weil sie nicht mehr auf eine Wohnung in der Nähe des Büros angewiesen waren. In einer Umfrage der US-Website Money Under 30 unter mehr als 2.000 Millennials gaben zwei Drittel der Befragten an, der Lockdown habe sich positiv auf ihre Finanzen ausgewirkt. Dadurch seien sie in der Lage gewesen, zu sparen bzw. anzulegen.

Weitere Faktoren könnten die Einstellungen der Millennials verändern. Viele Unternehmen haben sich während der Pandemie bemüht, das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu steigern. Dies hat dazu geführt, dass Millennials ihren Arbeitgebern mehr Loyalität entgegenbringen als je zuvor. Die Pandemie hat auch viele dazu veranlasst, über die eigene Zukunft nachzudenken und darüber, wie sie leben möchten. Bei Millennials scheint dies den Wunsch nach Stabilität und finanzieller Sicherheit verstärkt zu haben.

Eine verlorene Generation

In der Vergangenheit wurden die Millennials von der Vorsorgebranche als „verlorene Generation“ betrachtet. Eine von der britischen Sparervereinigung TISA durchgeführte Umfrage unter Millennials im Vereinigten Königreich, den USA, Japan, Australien, Brasilien und den Niederlanden ergab, dass die Generation nur eine unzureichende Vorstellung von ihrem finanziellen Bedarf im Ruhestand hat und der Vorsorgebranche generell skeptisch gegenüber steht.

Sie zeigte vor allem, dass sich die Vorsorgebranche nicht auf die Lebenswirklichkeit der Millennials eingestellt hat. In dieser Generation ist ein linearer Karriereweg wenig wahrscheinlich, Lücken im Lebenslauf, eine Umschulung oder ein weiteres Studium kommen dagegen häufig vor. Auf eine 40-jährige Ansparphase ausgerichtete Finanzprodukte sind für Millennials nicht flexibel genug. Die Studie kam zu folgendem Schluss: „Millennials haben das Gefühl, dass Finanzdienstleistungsprodukte nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Sie wollen neue Produkte, die flexibel auf ihre voraussichtlichen Lebenswege abgestimmt sind, nicht auf die ihrer Eltern.“

Sollte es die Branche nicht schaffen, diese Vermögensinhaber von einem Engagement an den Finanzmärkten zu überzeugen, wäre sie in ihrer Existenz bedroht.

Es zeigte sich auch ein generelles Misstrauen der Millennials gegenüber der Finanzindustrie. Da das Vermögen von den wohlhabenden Babyboomern auf die jüngere Generation übergeht, ist dies ein wichtiger Punkt. Sollte es die Branche nicht schaffen, diese Vermögensinhaber von einem Engagement an den Finanzmärkten zu überzeugen, wäre sie in ihrer Existenz bedroht.

Die Pandemie

Es gibt klare Anzeichen dafür, dass das Interesse der Millennials an Investitionen während der Pandemie zugenommen hat. Viele Finanz-Apps und -Plattformen berichten über zunehmendes Interesse und gestiegene Nutzerzahlen auf Seiten der Millennials. Interactive Investor, die zweitgrößte Investmentplattform für Privatanleger im Vereinigten Königreich, verzeichnete 2020 einen Anstieg von 108 % bei der Zahl der Frauen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren, die in ihre flexiblen Vorsorgeprodukte investieren, und einen Anstieg von 104 % bei Männern.

Bei Männern und Frauen zwischen 25 und 34 Jahren waren die Zuwächse sogar noch höher: 200 % bzw. 185 % im Vergleich zum Vorjahr. Laut Angaben der Finanz-App Plum haben ihre eine Million Nutzerinnen und Nutzer im Laufe des Jahres zunehmend in die Fonds mit Fokus auf Tech-Riesen und Gesundheit investiert, nachdem sie zuvor hauptsächlich Barmittel gehalten hatten.

Es gibt auch Anzeichen für eine Zunahme spekulativer Investitionen in dieser Gruppe. Plattformen wie Robin Hood boomen seit Beginn der Pandemie, da risikofreudige Millennials die Volatilität der Aktienkurse ausnutzen. Dies ist zwar keine verlässliche langfristige Strategie für den Ruhestand, zeigt aber das größere Interesse an den Finanzmärkten.

Ein anderer Ansatz

Doch die Anbieter klassischer Vorsorgeprodukte können noch nicht aufatmen. Die meisten Millennials investieren anders als ältere Generationen. Viele bevorzugen es im Allgemeinen, ihre Finanzen selbst zu verwalten und hierbei Technologien einzusetzen. Sie legen zwar Wert auf Beratung, aber nicht unbedingt von Angesicht zu Angesicht.

Sie setzen auf nachhaltige Anlagelösungen und möchten den Planeten schützen. Die weit verbreitete Implementierung von umweltbezogenen, sozialen und die Unternehmensführung betreffenden Standards in der Investmentbranche dürfte daher gut bei ihnen ankommen. Heute gibt es eine große Auswahl an nachhaltigen Anlagelösungen und Impact Investments, die Millennials zum Anlegen bewegen könnten. Natürlich sind Millennials nicht der einzige Grund für dieses zunehmende Angebot. Alle Interessensgruppen müssen sich auf die unterschiedlichen ESG-Vorgaben einstellen.

Man sollte diese Unterschiede allerdings auch nicht überbewerten. Zwar wollen die Millennials nachhaltige Lösungen, doch auch ihnen geht es darum, Geld zu verdienen. In der Tat zeigte die kürzlich durchgeführte Schroders Global Investor Study 2020, dass Millennials ihre persönlichen Überzeugungen bei einer sehr hohen Rendite außer Acht lassen würden. In der Studie heißt es: „Wenn die durchschnittliche Rendite ihrer Investitionen 21 % betrüge, würden sie keine Schuldgefühle mehr empfinden.“ Eine solche Performance erscheint allerdings unwahrscheinlich, sodass sie ihren Prinzipien wohl vorerst treu bleiben können.

Durch die Pandemie scheint sich das Narrativ von Millennials und Investitionen verändert zu haben. Im Allgemeinen haben sie mehr gespart, weniger ausgegeben und sich zunehmend mit Finanzdienstleistungen beschäftigt. Allerdings haben sie ihre Präferenzen nicht grundlegend geändert. Diese Generation wird wahrscheinlich auch weiterhin auf Technologielösungen setzen und Wert auf den Schutz des Planeten legen.

Millennials bevorzugen es im Allgemeinen, ihre Finanzen selbst zu verwalten und hierbei Technologien einzusetzen.