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Mai 25, 2020

Nachhaltiges Investieren: ein Toolkit für Anleger

  Olivier Goemans myINVEST März 25, 2020 7

Kurzsichtigkeit gilt an den Finanzmärkten gemeinhin als Stolperstein und führt zu „Unterinvestition, wirtschaftlicher Ineffizienz, schlechten Entscheidungen und Unterminierung der langfristigen Wertschöpfung“1. Ebenso ist weitgehend anerkannt, dass das heutige Finanzsystem langfristiges Denken nicht aktiv fördert. Was können Anleger zur Förderung nachhaltiger Investments tun?

In Bezug auf den Anlagehorizont denkt man sofort an eine klassische Perspektive: spekulieren (kurzfristig) versus investieren (langfristig). Hier geht es nicht darum, unsere moralische Verachtung für Ersteres auszudrücken. Es geht vielmehr darum, dass wir als Anlageberater oder Portfoliomanager eine Pflicht haben, die Aktienmärkte für unsere Kunden als „Lagerhaus von Zahlungsströmen und nicht als Casino“2 zu verstehen.

Für uns ist langfristiges Investieren eine Einstellung. Keine in Stein gemeißelte, vordefinierte Haltedauer. Es handelt sich im Grunde um eine Kultur für Anlageentscheidungen, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Der Schwerpunkt liegt auf langfristigen Erwartungen in Bezug auf fundamentale Aspekte, und geerntet werden die Früchte der Geduld. Es geht weniger um den Zeitrahmen als vielmehr um die Anpassung an strukturelle Trends und Herausforderungen.

Nach unserer Überzeugung sollte der Klimawandel bei der Erörterung struktureller Trends oberste Priorität haben.

Die Einbeziehung von Widerstandsfähigkeit und die Verringerung des Umweltrisikos sollten ebenfalls routinemäßig Teil von Anlageentscheidungen sein.

Bei der Betrachtung möglicher Investments werden in der Fundamentalanalyse routinemäßig Aufwärtschancen und Abwärtsrisiken untersucht. Doch dies ist offensichtlich nicht mehr ausreichend. Unserer Meinung nach sollten die Einbeziehung von Widerstandsfähigkeit und die Verringerung des Umweltrisikos ebenfalls routinemäßig Teil von Anlageentscheidungen sein.

Generell ist in Anlegerkreisen deutlich ein wachsendes Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit zu erkennen. Laut der Harvard Business Review erleben wir gegenwärtig eine „Revolution der Anleger“3 in Bezug auf nachhaltige Investments. Während Marktexperten die Geschichte des nachhaltigen Investierens, die Triebkräfte der Branchen-/Nachhaltigkeits-Revolution im Portfoliomanagement und ihre Auswirkungen auf Wertentwicklungen in der Vergangenheit diskutieren, möchten wir einige wesentliche Anforderungen bei der Suche nach Anlagedienstleistern für nachhaltige Ziele beschreiben.

Ausgangspunkt für die Umsetzung dieser Worte in die Tat ist die Bestimmung von Anlagegrundsätzen und der damit verbundenen Nachhaltigkeitsüberzeugungen. Die Anlagegrundsätze sind die Einschätzungen des Portfoliomanagementunternehmens. Sie sind ausdrückliche Annahmen eines Portfoliomanagerunternehmens darüber, wie angelegt werden soll, und über die folglich zu beachtenden Prinzipien.

Ein klassisches Bündel von Anlagegrundsätzen könnte beispielsweise Folgendes widerspiegeln:

  • Weitsichtigkeit an den Finanzmärkten fördert die langfristige Wertschöpfung
  • Kurzsichtigkeit an den Finanzmärkten erzeugt unerwünschte externe Effekte, die die Renditen belasten können
  • Nachhaltiges Investieren ist der Eckpfeiler der Treuhandpflicht eines Portfoliomanagers
  • Einige ESG-Themen stellen langfristige systemische Risiken dar
  • ESG-Trends und -Dynamik sind langfristige Investmentchancen
  • Selbstverpflichtung steigert den Wert von Investments
  • Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Stakeholdern können Anleger ihr Risiko-Rendite-Profil verbessern

Die Integration von ESG-Daten in den Anlageentscheidungsprozess sowie ein aktive Selbstverpflichtung der Emittenten sind der Schlüssel für langfristige, verantwortliche und nachhaltige Anlagelösungen.

Sobald deutlich wird, dass die Anleger ESG in ihre Berechnungen einbeziehen, werden die Firmenchefs gezwungen sein, in ihren Unternehmen das Gleiche zu tun.

Bei der ESG-Integration geht es vor allem um „Erheblichkeit“ oder die Identifizierung „erheblicher“ ESG-Themen, die die Bewertung eines Unternehmens beeinflussen. Die Erheblichkeit variiert je nach Sektor und Branche. Treibhausgasemissionen sind beispielsweise für einen Versorger erheblich, jedoch nicht für einen Finanzdienstleister. Lieferkettenmanagement ist erheblich für ein Industrieunternehmen, das billige Arbeitnehmer in Entwicklungsländern einsetzt, jedoch nicht für ein Pharmaunternehmen. Portfoliomanager sollten also dafür Sorge tragen, jede Anlage im Hinblick auf Risiko, Rendite, Kosten und ESG zu beurteilen. Hierdurch entsteht eine positive Rückwirkung. Sobald deutlich wird, dass die Personen, die über den Kauf oder Verkauf einer Aktie entscheiden, ESG in ihre Berechnungen einbeziehen, werden die Firmenchefs gezwungen sein, in ihren Unternehmen das Gleiche zu tun.

Innerhalb des Portfoliomanagement-Unternehmens ist eine starke Kultur mit Teamarbeit und Lernfähigkeit von wesentlicher Bedeutung. Für nachhaltiges Investieren gibt es keine goldenen Regeln und sozialverantwortliches Investment ist mit vielen Unsicherheiten und Hindernissen verbunden. Es gibt keinen universalen Integrationsprozess und ein disziplinierter und gleichzeitig agiler Anlageprozess ist unerlässlich.

Zur Schaffung einer Kultur, in der verantwortliches und nachhaltiges Investieren ein konkretes und umsetzbares Ziel ist, bedarf es auch einer nachweislich unterstützenden Anleitung durch die Mitglieder der Führungsebene.

Anleger sollten in regelmäßigem Kontakt mit ihren Zielunternehmen stehen, mit Schwerpunkt auf langfristigem Denken und vereinfachtem Informationsfluss. Hierdurch wird für die Unternehmen ein Anreiz geschaffen, wesentliche Themen in Angriff zu nehmen, die ihre finanzielle Solidität und Wettbewerbsposition verbessern sollten. Die Forderungen nach Offenlegung von Informationen über Treibhausgasemissionen und den ökologischen Fußabdruck sind ein Beispiel für eine kollektive „unwiderstehliche Kraft, die auf das unbewegliche Objekt einwirkt“4, d. h. die großen CO2-Emittenten.

Überdies sollten Portfoliomanager belegen können, welche Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Geschäftspraktiken ergriffen wurden. Indikatoren für Best Practices des Unternehmensengagements könnten sein:

  • Öffentliche Informationen über die Richtlinien zur Selbstverpflichtung
  • Aufzeichnungen über Aktivitäten im Zusammenhang mit der Selbstverpflichtung, einschließlich Zielen und Ergebnissen
  • Stimmrechte: Prozesse, Anwendung und andere Aspekte

Wichtige Punkte bei der Auswahl eines Anbieters von nachhaltigen Anlagelösungen:

  • Anlagegrundsätze und -prozesse sollten die umfassende Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren belegen
  • Teamfähigkeit und Bekenntnis zu einem nachhaltigen Finanzwesen haben Vorrang vor der Teamgröße
  • Der Anlagedienstleister sollte darlegen können, wie ESG umfassend integriert wird und wie der Prozess organisch „von innen wächst“, anstatt „von außen auferlegt“ zu werden
  • Der Anlagedienstleister sollte darlegen können, inwiefern ESG-Themen eine wesentliche Bedeutung beigemessen wird
  • Eine Kultur der Demut und Bereitschaft zum „Learning by Doing“ und Lernen aus Fehlern ist von Vorteil
  • Eine transparente Berichterstattung über die Entwicklung hin zur Nachhaltigkeit und die Nachhaltigkeitsmerkmale der Investments sollte verfügbar sein
  • Die Berichterstattung durch die Anlagedienstleister sollte darlegen, inwiefern Nachhaltigkeit in den Anlageprozess eingebettet ist, die Aktivitäten in Verbindung mit der Selbstverpflichtung erläutern und die Ergebnisse dieser Selbstverpflichtung aufzeigen

1 Kay Review of UK equity markets and long-term decision making (Kay Review zu den britischen Aktienmärkten und der langfristigen Entscheidungsfindung)
2 Investors Chronicle – What kind of investors are you, https://www.investorschronicle.co.uk/2014/04/04/comment/chronic-investor-blog/what-kind-of-investor-are-you-Uy4i2nR85ZNzLTJ6LjjVgK/article.html
3 Harvard Business Review Juni 2019: „The Investor Revolution“ https://hbr.org/2019/05/the-investor-revolution
4 Anne Simpson, Head of Strategy bei CalPERS, Harvard Business Review, Juni 2019