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Juni 12, 2026

Passives Einkommen verstehen

Das Thema passives Einkommen ist von zahlreichen Fantasien geprägt, da es bei vielen den Wunsch nährt, leben zu können, ohne arbeiten zu müssen. Ein Traum, der sich jedoch oft als Trugbild entpuppt. Um Wahrheit und Mythos voneinander zu trennen, haben wir Lionel De Broux, Chief Investment Officer bei der BIL, getroffen*.

Können Sie erläutern, was man unter „passivem Einkommen“ versteht?

Lionel De Broux: Passives Einkommen stellt eine Alternative zur beruflichen Tätigkeit, insbesondere zur abhängigen Beschäftigung, dar, um ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen. Die Idee besteht darin, Geld für sich arbeiten zu lassen, anstatt selbst für Geld arbeiten zu müssen. Diese Bezeichnung ist jedoch etwas irreführend, da sie den Eindruck vermitteln könnte, dieses Einkommen lasse sich ohne Anstrengung erzielen – was nur selten der Fall ist. Zwar „generiert“ sich passives Einkommen selbst, doch ist es in den meisten Fällen das Ergebnis einer anfänglichen Investition, die ihrerseits – wenn schon nicht mit Arbeit, so doch zumindest mit einem langfristigen Einsatz von Zeit und Aufmerksamkeit seitens des Begünstigten – verbunden war. Nehmen wir ein Beispiel: Die Zinsen, die durch das Verleihen eines Geldbetrags erzielt werden, zählen tatsächlich zu den passiven Einkommen. Wenn dieser Betrag jedoch oftmals zuvor durch eigene Arbeit erwirtschaftet wurde, dann trägt die Bezeichnung passives Einkommen eigentlich einen falschen Namen… Dasselbe gilt für jemanden, der sein Aktienportfolio überwacht und verwaltet, um sein Vermögen zu vermehren.

Was sind denn die gängigsten Quellen für passives Einkommen?

LDB: Wie ich bereits angedeutet habe, gehören dazu Finanzprodukte wie Aktien und Anleihen, die eine finanzielle Rendite in Form von Dividenden oder Erträgen generieren.

Eine weitere wichtige Quelle passiven Einkommens ist selbstverständlich die Immobilie – sei es eine Wohnung, eine Garage oder auch Büroflächen. Durch die Vermietung solcher Objekte erzielt der Eigentümer Mieteinnahmen, die als passives Einkommen gelten.

Schließlich gibt es noch eine weniger bekannte Quelle passiven Einkommens, nämlich die Urheberrechte, die jeder Kreative über die Vermarktung und Nutzung seiner Werke erhält. Wir sprechen hier von erfolgreichen Schriftstellern oder Sängern, deren „Hits“ die Zeiten überdauern und erhebliche passive Einkünfte generieren. Dies kann auch bei Patenten der Fall sein.

Welche Vorzüge und Grenzen sind den verschiedenen Anlagekategorien mit passivem Einkommen eigen?

LDB: Was die Grenzen betrifft, so führt uns dies zurück zur eigentlichen Ambivalenz der Bezeichnung „passives Einkommen“. Denn sehr schnell wird deutlich, dass passives Einkommen in Wirklichkeit durch eine ganz reale Aktivität entsteht – sei sie vergangen oder gegenwärtig. Nehmen wir den Fall von Finanzanlagen: Um sie zu erwerben, muss zunächst ein entsprechendes Startkapital vorhanden sein. Lässt man den Fall von Erben außen vor, bedeutet dies, dass zuvor gearbeitet wurde und die Früchte dieser Arbeit den Erwerb dieser Vermögenswerte ermöglicht haben. Darüber hinaus ist die Verwaltung eines Portfolios eine Tätigkeit für sich, deren Ergebnis zudem niemals garantiert ist.

Die Überlegung gilt ebenso für Immobilien: Zunächst müssen die Mittel vorhanden sein, um eine Immobilie zu erwerben, bevor man Mieteinnahmen erzielen kann. Das ist keineswegs immer einfach – insbesondere in einem Land wie Luxemburg, in dem der Einstieg in den Immobilienmarkt sehr kostspielig ist. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass eine erhaltene Miete keine Nettorendite darstellt. Ein Eigentümer ist stets dem Risiko der Abnutzung seiner Immobilie und damit Renovierungsarbeiten oder der Zahlung von Grundsteuern ausgesetzt. Anders ausgedrückt: Passives Einkommen entsteht niemals aus dem Nichts.

„Die Bezeichnung passives Einkommen könnte den Eindruck erwecken, dass dieses ohne Anstrengung erzielt wird – was nur selten der Fall ist.“

Sind in den letzten Jahren neue Quellen für passives Einkommen entstanden (Digitalisierung, KI, neue Technologien …)?

LDB: Ja, das ist der Fall, und das wohl prägnanteste Beispiel findet sich zweifellos im digitalen Bereich und insbesondere beim Thema Streaming. Eine Plattform wie Spotify bündelt für Rechteinhaber eine sehr bedeutende Quelle passiver Einnahmen, die durch das Streaming von Musikstücken generiert werden.

Hinzu kommt die Thematik der Urheberrechte im Zusammenhang mit durch KI erzeugten Songs, deren Anzahl auf der Plattform sehr hoch ist. Für sich genommen generieren diese Werke eher geringe Einnahmen, doch die Masse sorgt für den Ertrag. Schließlich können – weiterhin in einer digitalen Perspektive – auch alle Entwickler von Software und IT-Lösungen passive Einkünfte aus dem Verkauf und der Nutzung ihrer Kreationen erzielen.

Unterliegt passives Einkommen einer speziellen Besteuerung?

LDB: Nein, es gibt keine spezielle Besteuerung für passives Einkommen – weder in Luxemburg noch anderswo. Die Besteuerung richtet sich nach dem Land, in dem sich die jeweilige Einkommensquelle befindet. Dividenden werden nicht auf dieselbe Weise besteuert wie Immobilienerträge, und diese wiederum nicht wie Urheberrechte.

Dies muss selbstverständlich berücksichtigt werden, wenn man die Rendite einer bestimmten Investition beurteilt.

Ist es sinnvoll, solche Einkünfte in eine Anlagestrategie zu integrieren?

LDB: Ja, durchaus – vorausgesetzt man erinnert sich daran, dass man zunächst in der Lage sein muss, das notwendige Startkapital für entsprechende Investitionen aufzubauen, um von passivem Einkommen profitieren zu können. Ein Teil dieses Kapitals kann aus einer vergüteten oder abhängigen Tätigkeit stammen, aber auch aus Finanzanlagen, die auf Kapitalwachstum durch Wiederanlage der erwirtschafteten Erträge abzielen.

Passives Einkommen ist somit Teil einer langfristigen Anlagestrategie, die auf dem Lebenszyklus des Anlegers basiert. Dieser beginnt damit, Kapital durch Sparen aufzubauen, investiert dieses Kapital anschließend mit dem Ziel des Wachstums und entwickelt die Strategie bei ausreichender Kapitalbasis schrittweise in Richtung eines stärker renditeorientierten Ansatzes weiter. Die Zusammensetzung des Vermögensportfolios passt sich daher im Zeitverlauf den jeweiligen Zielen und strategischen Veränderungen an.

Worauf sollte ein Anleger achten, der sich mit dem Thema passives Einkommen befasst?

LDB: Der erste Schritt besteht vermutlich darin, seine Funktion innerhalb einer umfassenderen Anlagestrategie klar zu definieren. Handelt es sich um ein komfortables Zusatzeinkommen oder um ein notwendiges Einkommen, das beispielsweise dazu dient, den Lebensstandard im Ruhestand aufrechtzuerhalten? Die Antwort bestimmt den Bedarf an Planbarkeit und damit die Art der Vermögenswerte, auf die man sich konzentrieren sollte. Allerdings ist Planbarkeit oftmals umgekehrt proportional zur Rendite einer Investition. Es geht hierbei stets um ein ausgewogenes Verhältnis.

Zudem muss zwischen Brutto- und Nettoeinnahmen unterschieden werden, also dem Betrag, der letztlich tatsächlich beim Anleger ankommt. Nimmt man das Beispiel der Immobilie, so sind die Kosten sehr hoch, und eine erhaltene Miete ist keineswegs vollständig verfügbar – ganz im Gegenteil!

Wie so oft lautet das Schlüsselwort hier Diversifikation. Für Anleger ist es empfehlenswert, die Quellen passiven Einkommens zu vervielfältigen und zu diversifizieren.

* Inhalt aus dem Französischen übersetzt mit dem AI-Tool BIL GPT