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August 3, 2021

Was sind Value-Aktien?

Die Pandemie mag uns – vor allem hier in Europa – noch im Griff haben, aber die Märkte blicken nach vorn und die Anleger positionieren sich bereits für eine rosige Zukunft nach der Pandemie. So sind Value-Aktien offenbar wieder in der Gunst der Anleger gestiegen.

Value-Investing bedeutet für gewöhnlich, schillernde, hochfliegende Titel außer Acht zu lassen und „unbeliebten“, weniger reizvollen Unternehmen den Vorzug zu geben. Die Suche nach Value-Aktien kommt einer „Schnäppchenjagd“ gleich. Sie werden tendenziell mit einem Abschlag im Hinblick auf fundamentale Kennzahlen wie Buchwert, Gewinn, Umsatz oder Dividenden usw. gehandelt. Value-Aktien lassen sich zwar in jedem Sektor ausfindig machen, doch besonders lohnt sich die Suche in Bereichen wie Finanzwesen, Grundstoffe, Fluggesellschaften und Einzelhandel. Anleger kaufen Value-Aktien in der Regel dann, wenn sich die Wirtschaft in einer expansiven Phase befindet, die Unternehmensgewinne aufwärts tendieren, die Erwartungen bezüglich der langfristigen Zinsen steigen und die Märkte scheinbar in den „Risikomodus“ schalten. Im Gegensatz zu Value-Aktien handelt es sich bei Wachstumsaktien um Aktien von Unternehmen mit erwartungsgemäß starkem Wachstumspotenzial. Ein Paradebeispiel hierfür wären die Big Five oder auch im NASDAQ-Index gelistete Unternehmen.

Im Gegensatz zu Value-Aktien handelt es sich bei Wachstumsaktien um Aktien von Unternehmen mit erwartungsgemäß starkem Wachstumspotenzial.

Substanz gegenüber Wachstum

Historisch gesehen haben Value-Anlagestile Wachstumsstrategien leicht übertroffen, doch die Outperformance erfolgt in langen Zyklen, die mit dem Anleihemarkt korreliert sind. In den vergangenen dreißig Jahren blieben Value-Aktien jedoch ungeachtet einer lang anhaltenden Anleihe-Hausse hinter Wachstumswerten zurück, wenngleich sie sie episodisch übertrafen.

Der Zeitraum nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November 2016 ist ein gutes Beispiel für eine solche Phase. Trumps Konjunkturpaket, das 1 Bio. US-Dollar für Infrastrukturausgaben, Deregulierung und Steuersenkungen bereitstellte, entfachte ein Lauffeuer des wirtschaftlichen Optimismus. Die Erwartungen in Bezug auf Inflation und langfristige Zinssätze stiegen, und Value-Aktien legten zwischen November und dem Jahresende 2016 um rund 8 % zu. Dieser Reflationshandel war nur von kurzer Dauer. Als Trump bei den Republikanern keine maßgebliche Unterstützung fand (siehe z. B. das Debakel rund um Obamacare), sanken die Anleiherenditen, da die Hoffnungen auf ein schnelles Konjunkturpaket verpufften und vom Wirtschaftsklima abhängige Value-Aktien zurückgingen.

Value-Aktien während der Pandemie

Nachdem die Welt im Jahr 2020 praktisch zum Stillstand kam, dominierte am Markt die Risikoscheu und die Angst rund um Corona ließ Value-Aktien im Verhältnis zu Wachstumsaktien beinahe auf Rekordtiefstände sinken. Letztere profitierten besonders von der neuen „Wir bleiben zu Hause“-Thematik (man denke an Technologieunternehmen, die Homeoffice möglich machen, Online-Händler und Soziale Medien, da alle Interaktionen in die digitale Welt verlagert wurden). Die Zentralbanken verfolgten den Ansatz „Alles Notwendige tun“, um dauerhafte wirtschaftliche Schäden durch einen gleichzeitigen Angebots- und Nachfrageschock zu verhindern, und die Zinsen wurden gesenkt, was für die Banken wenig erfreulich war. Für das gesamte Jahr 2020 bot der S&P 500 Value den Anlegern lediglich eine Gesamtrendite von 1,4 %. Dies lag deutlich unter der Rendite von 16,5 % für den S&P 500 und war meilenweit von den +33,5 % des Growth-Index entfernt.

Zum Jahresende schien sich das Blatt jedoch zu wenden. Im November, als die Fortschritte bei den Impfstoffen für ein wenig Licht am Ende des Tunnels sorgten, erzielten im S&P 500 gelistete Value-Aktien eine Gesamtrendite von 12,9 %, gegenüber 9,7 % für Wachstumsaktien. Im Dezember erzielten Value-Aktien mit 3,5 % nur geringfügig weniger als Wachstumsaktien mit 4,1 %.

Value-Aktien im Jahr 2021

Die Impfkampagnen gegen COVID-19 sind weltweit im Gange, und die großen Volkswirtschaften profitieren weiterhin von einem beispiellosten Zusammenspiel aus fiskal- und geldpolitischen Anreizen. Dies ist insbesondere in den USA der Fall, wo jeder Erwachsene bis Ende April geimpft werden sollte. Überdies wurde hier ein weiteres Konjunkturpaket in Höhe von 3 Bio. US-Dollar in Aussicht gestellt. Gleichzeitig sind die Sparquoten unter den Verbrauchern hoch, da sie die meiste Zeit des Jahres keine Ausgaben tätigen konnten (insbesondere für Dienstleistungen). Aus diesem Grund wird ein Wachstumsschub erwartet, und die Ökonomen haben ihre Erwartungen eifrig nach oben korrigiert. Einige behaupten sogar, dass uns möglicherweise ein Wirtschaftsboom bevorsteht, ähnlich den Goldenen Zwanzigern.

Ein auf Value-Investing ausgerichtetes Portfolio steht im Einklang mit den optimistischen Konjunkturerwartungen, einschließlich der Aussicht auf eine höhere Inflation, höhere Zinsen und höhere Staatsanleiherenditen.

Ein auf Value-Investing ausgerichtetes Portfolio steht im Einklang mit den optimistischen Konjunkturerwartungen, einschließlich der Aussicht auf eine höhere Inflation, höhere Zinsen und höhere Staatsanleiherenditen (besser erkennbar in den USA als in Europa). Betrachten wir zum Beispiel den Klassiker unter den Value-Aktien: Banken. Steigende Zinskurven und eine verbesserte Konjunktur stützen ihre Rentabilität. Auf der anderen Seite sind Wachstumsaktien, die einen Großteil ihres Werts aus den Erwartungen hinsichtlich der zukünftigen Gewinne ableiten, anfällig gegenüber steigenden Inflationserwartungen und Anleiherenditen.

Wir konnten bereits eine gewisse Rotation von Wachstumsaktien zu Value-Aktien beobachten, obwohl letztere im Hinblick auf die Bewertungen noch immer deutlich günstiger sind. Da die „Zuhause“-Thematik allmählich der „Wiedereröffnung und Erholung“ weicht, könnten Value-Aktien potenziell weiter aufholen.

Wie sieht es in Europa aus?

Value-Aktien sind in Europa zahlreich und wir könnten hier eine überdurchschnittliche Performance erleben, wenn die Konjunktur anzieht und Anleiherenditen nach oben tendieren. Das Problem ist derzeit jedoch, dass die europäischen Gewinnaussichten sehr stark von den Impfkampagnen und dem Zeitplan für die Wiedereröffnung abhängen. Der Weg aus der Pandemie scheint auf dem alten Kontinent weitaus weniger geradlinig zu sein als anderswo. Sollte sich der Optimismus plötzlich umkehren oder sich die Daten verschlechtern, wäre es für Anleger schmerzhaft, auf der falschen Seite von Wachstum/Value zu stehen.

Alles in allem mag der Anstieg von Value-Aktien in letzter Zeit seltsam erscheinen, wenn man bedenkt, dass die Wirtschaft noch immer stagniert. Dieser Aspekt lenkt die Aufmerksamkeit allerdings auf einen wichtigen Punkt: Wirtschaft und Märkte sind miteinander verbunden, bewegen sich aber nicht im Gleichschritt. In Erwartung wirtschaftlicher Veränderungen passen sich die Märkte laufend an. Die meisten Marktkommentatoren beschreiben Warren Buffett als Value-Anleger. Doch wie Buffett deutlich sagt, sollte ein kluger Anleger Investitionen sowohl in Value-Aktien als auch in Wachstumsaktien in Betracht ziehen und bei der Wahl des Anlagestils auch den aktuellen Kontext mit einbeziehen und opportunistisch denken.