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Juni 18, 2024

Wie gerundete Zahlen unsere Finanzen belasten

Ob bei der Verwaltung unseres Budgets, beim Sparen oder Geld ausgeben – wir alle müssen im Alltag oft rechnen. Um Fehler zu vermeiden und den Aufwand zu begrenzen, beschränken sich dabei viele auf Grundrechenarten und rechnen mit gerundeten Werten. Das ist nicht unbedingt eine gute Idee!

Im Alltag ziehen wir es verständlicherweise vor, mit Zahlen wie 10 oder 50 statt mit 9,67 oder 54,38 zu rechnen. Gleichermaßen ist es bequem, Banking-Apps zu nutzen, mit denen Zahlungen auf den nächsten Euro aufgerundet werden und der Rundungsbetrag automatisch gespart werden kann, oder einen Kredit mit monatlichen Raten zu simulieren, die sich leicht ins Budget integrieren lassen. Mit gerundeten Werten zu rechnen, erleichtert unser Leben, da wir uns geistig weniger anstrengen müssen. Leider können sich solche Vereinfachungen langfristig negativ auf unsere Finanzen auswirken.

Als informierter Leser von myLIFE wissen Sie, dass unsere kognitiven Ressourcen begrenzt sind – genau wie unsere körperliche Energie. Um kognitive Energie zu sparen, tendieren wir dazu, bei Problemen nach Lösungen zu suchen, die uns im jeweiligen Augenblick am wenigsten Mühe machen. Das ist oft hilfreich, kann aber auch zu suboptimalen Entscheidungen oder Fehlern führen.

In der Regel neigen Menschen dazu, den Aufwand bei der Erledigung einer Aufgabe oder beim Lösen eines Problems so gering wie möglich zu halten.

Das Prinzip des geringsten Aufwandes

Das Prinzip des geringsten Aufwandes wurde 1949 vom Harvard-Sprachwissenschaftler George Kingsley Zipf eingeführt. Er führte damals statistische Untersuchungen zur Häufigkeit von Wörtern durch und erkannte ein grundlegendes Prinzip, das für jede Art von menschlichem Verhalten, einschließlich der verbalen Kommunikation, gilt: Menschen neigen dazu, den Aufwand bei der Erledigung einer Aufgabe oder beim Lösen eines aktuellen oder zukünftigen Problems so gering wie möglich zu halten.

Zusätzlich zu den linguistischen Untersuchungen von Zipf und anderen Studien, die in jüngerer Zeit unter Verwendung des British National Corpus durchgeführt wurden, wurde die Gültigkeit des Prinzips des geringsten Aufwandes auch in anderen Bereichen wie Psychologie, Soziologie, Wirtschaft, Marketing oder Mathematik nachgewiesen. So haben Studien ergeben, dass gerundete Zahlen in Texten aller Art häufiger vorkommen als andere Zahlen, weil sie einprägsamer und einfacher zu verarbeiten sind und Rechenoperationen erleichtern. Ob bei einer Spende für einen wohltätigen Zweck oder einer monatlichen Überweisung auf das Sparkonto – gerundete Zahlen erleichtern den Alltag. Sie verringern offenbar die Komplexität unserer Lebensumstände – doch das ist eine Illusion. Ein Beispiel hierfür ist das Tanken: Wer hat nicht schon einmal versucht, hierbei einen runden Betrag wie zum Beispiel 70 Euro zu erreichen, und bei Erfolg ein Gefühl der Zufriedenheit empfunden?

Gerundete Zahlen wirken wie ein Magnet. Unser Gehirn fokussiert sich auf sie, um sich die Arbeit zu erleichtern oder sie als Obergrenze zu nutzen, beispielsweise beim Shopping. Marketingexperten sind sich dieser kognitiven Präferenz nur allzu bewusst und bieten Waren daher häufig zu auf 99 endenden Preisen an, etwa 99 Euro oder 8,99 Euro. Dabei kommt der Ankereffekt durch die links stehende Ziffer zum Tragen.

Was hat es damit auf sich? Der Logik der Vereinfachung folgend misst unser Gehirn einem Preis von 99 Euro eine besondere Bedeutung bei und empfindet ihn im Vergleich zur „magischen“ Grenze von 100 Euro als übermäßig günstig. Deshalb entscheiden wir uns hier eher für den Kauf, da der Preis unter der festgelegten Grenze liegt, während wir uns gegen ein ähnliches Produkt zum Preis von 101 Euro entscheiden, und zwar selbst dann, wenn es unseren Erwartungen und Bedürfnissen besser entspricht als das erste. Ein Preis, der unter einem runden Betrag liegt, führt in einem solchen Fall dazu, dass wir ein weniger attraktives Produkt aus irrationalen Gründen bevorzugen.

Ein Preis, der unter einem runden Betrag liegt, kann uns dazu veranlassen, ein weniger attraktives Produkt aus irrationalen Gründen zu bevorzugen.

Solche Preisstrategien, die unsere unbewusste Vorliebe für bestimmte Zahlen ausnutzen und manchmal sogar missbrauchen, können ein Risiko für unseren Geldbeutel darstellen, wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, wie sie unsere Entscheidungen beeinflussen.

Gut zu wissen: Bei einem Kauf sollte man nicht nur auf den Preis achten, sondern immer auch das Preis-Leistungs-Verhältnis gemessen an den eigenen Bedürfnissen berücksichtigen.

Wann Vereinfachung uns langfristig schadet

Wenn man runden Beträgen bei langfristigen Finanzstrategien zu viel Bedeutung beimisst, kann dies noch schwerwiegendere Folgen haben. Nehmen wir einmal an, ein junger Berufstätiger beschließt, jeden Monat automatisch Geld auf sein Sparkonto zu überweisen, um für den Ruhestand vorzusorgen. Da er über ein Gehalt von 3.000 Euro verfügt, richtet er einen Dauerauftrag in Höhe von 5 % dieses Betrags ein, also von 150 Euro pro Monat. Diese Zahl gefällt ihm, weil es sich um einen runden Betrag handelt, der gut klingt und den er sich leisten kann. Unter der vereinfachten Annahme, dass die monatliche Zahlung unverändert fortgesetzt wird und das angesparte Kapital keine Zinsen abwirft, wird der junge Mann nach 40 Jahren über 72.000 Euro verfügen.

Doch sind 5% die optimale Sparquote? Die Zahl klingt zunächst einmal gut und ist einfach zu merken. Doch wie wäre das Ergebnis, wenn der junge Mann erkannt hätte, dass er es sich leisten kann, 6,5% (195 Euro) seines Gehalts zurückzulegen, statt einfach den runden Prozentsatz (5%) zu wählen? In diesem Fall hätte er nach 40 Jahren 93.600 Euro! Das sind 30% mehr als im ersten Szenario. Wenn er mit seiner Anlage eine Rendite erzielt hätte, wäre die Differenz dank des Zinseszinseffekts in absoluten Zahlen noch viel größer. Bei einer jährlichen Verzinsung von 2% käme er nach 40 Jahren auf 109.716,64 Euro im ersten Szenario und 142.631,63 Euro im zweiten Szenario.

Über die Dauer eines Arbeitslebens kann es einen bedeutenden Effekt haben, wenn man bei der Festlegung des regelmäßigen Sparbetrags der Einfachheit halber einen runden Betrag wählt.

Über die Dauer eines Arbeitslebens kann es einen bedeutenden Effekt haben, wenn man bei der Festlegung des regelmäßigen Sparbetrags der Einfachheit halber einen runden Betrag wählt. Dies gilt insbesondere, da unser Gehalt im Laufe der Zeit wahrscheinlich steigt und das gesparte Geld verzinst wird. Ob man aus Bequemlichkeit bei 5% bleibt oder sich für einen etwas höheren Betrag entscheidet, den man sich leisten kann, macht bei Eintritt in den Ruhestand einen großen Unterschied.

Gut zu wissen: Es ist wichtig, eine Finanzstrategie auf der Grundlage seiner Möglichkeiten festzulegen, statt einfach runde Beträge zu wählen.

Gerundete Zahlen und tatsächliche Kosten

Wenn wir Entscheidungen zu leichtfertig treffen, kann uns dies nicht nur daran hindern, langfristig Vermögen aufzubauen, sondern uns sogar Geld kosten. Schauen Sie sich Ihre laufenden Kredite an. Haben Sie sich für eine runde monatliche Rückzahlungsrate wie 200 Euro oder 400 Euro entschieden? Seien Sie unbesorgt, wenn dies der Fall sein sollte: Sie sind damit nicht allein. Eine kürzlich von Forschern des MIT durchgeführte Studie hat ergeben, dass die meisten Menschen die monatliche Zahlung von Beträgen in Höhe eines Vielfachen von 100 monatlich vorziehen.

Die Studie hat gezeigt, dass Personen, die bei ihrem Monatsbudget mit runden Beträgen rechnen, ihr Gehirn darauf trainieren, in Monatsraten zu denken. Das Ergebnis: Bei der Festlegung der Bedingungen für ein Darlehen richten sie ihr Augenmerk vor allem auf die Höhe der monatlichen Rate und entscheiden sich hier in der Regel für einen möglichst niedrigen runden Betrag. Sie wählen also einen Betrag von 200, 300 oder 400 Euro, weil sie glauben, so den Überblick über ihr monatliches Budget zu behalten. Sie übersehen dabei, dass sie sich so möglicherweise für ungünstige Konditionen entscheiden. Denn bei einer möglichst niedrigen runden Monatsrate entscheiden sie sich für ein Darlehen mit einer längeren Laufzeit, das aufgrund der längeren Zinszahlungen mit höheren Kosten verbunden ist.

Die Forscher des MIT fanden heraus, dass mehr als zwei Millionen Personen bei der Festlegung der monatlichen Rate für ihr Automobildarlehen auf diese Weise vorgingen. Dieses Muster war auch bei wohlhabenderen Haushalten zu beobachten. Dabei wären diese finanziell in der Lage, den monatlichen Betrag höher anzusetzen und so die Gesamtkosten ihres Darlehens dank der kürzeren Laufzeit zu verringern!

Gut zu wissen: Die Kosten eines Darlehens hängen nicht nur von der Höhe der monatlichen Rückzahlungsrate ab. Auch die Laufzeit und der Zinssatz sind wichtige Faktoren für die tatsächlichen Kosten. Dies gilt insbesondere bei langlaufenden Darlehen.

Auch wenn es im Alltag oft leichter ist, mit runden oder gerundeten Beträgen zu rechnen, sollte man der Versuchung widerstehen, es sich zu einfach zu machen. Das kann auf lange Sicht teuer werden. Mit realistischen Simulationen unter Berücksichtigung Ihrer finanziellen Situation kann Ihr Bankberater Ihnen helfen, eine langfristige Strategie zu entwickeln, mit der Sie solche Fehler vermeiden. Seien Sie also vorsichtig!“