Meine Finanzen, meine Projekte, mein Leben
September 25, 2021

Die Zukunft des Familienlebens

  Gesammelt von myLIFE team myHOME April 29, 2021 27

Die Coronakrise brachte viele Familien dazu, über ihre Lebensweise nachzudenken. Eltern stellten fest, dass lange Arbeitswege und durch hohe Lebenshaltungskosten verursachte Arbeitsanforderungen ihnen wenig Zeit für die Familie ließen. Durch die vorübergehende Umstellung auf Heimarbeit erhielten sie einen Eindruck davon, wie eine alternative Zukunft mit einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben aussehen könnte. Doch ist der Immobilienmarkt flexibel genug, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden?

Bereits vor Ausbruch der Pandemie war klar, dass einige Entwicklungen am Immobilienmarkt nicht von Dauer sein konnten. So hinkt beispielweise der Haus- und Wohnungsbau in Luxemburg dem Bevölkerungswachstum des Landes ständig hinterher, welches im Übrigen dadurch verschleiert wurde, dass über 43 % der Berufstätigen Grenzgänger sind. Die Einwohnerzahl liegt heute (Stand Mitte 2020) bei 626.000 und ist damit seit dem Jahr 2000 um etwa 190.000 Menschen angewachsen. Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage hat dazu geführt, dass sich die Immobilienpreise zwischen 2007 und 2020 fast verdoppelt haben. Damit steht Luxemburg in Sachen Preisanstieg im europäischen Vergleich ganz weit oben.

Dies hat dazu geführt, dass viele Familien in Wohnverhältnissen leben, die kaum auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Yves Mersch, EZB-Vorstandsmitglied und ehemaliger Leiter der Luxemburger Zentralbank, sagte Anfang 2020 über den Immobilienmarkt des Großherzogtums: „Der in Kapazitätsengpässen im Baugewerbe, aber auch in regulatorischen Beschränkungen begründete unzureichende Haus- und Wohnungsbau hat den Mangel an Wohnraum auf die Spitze getrieben.“

Die luxemburgische Regierung hat zwar versucht, mit Maßnahmen wie Steuererleichterungen Anreize für Neubauten zu schaffen, doch ist es der Politik nicht gelungen, dem chronischen Mangel an angemessenem Wohnraum etwas Wirksames entgegenzusetzen. Kritiker fordern eine neue Herangehensweise von den politischen Entscheidungsträgern: Statt mehr zu bauen, gelte es auch, besser zu bauen.

Besser bauen – wie geht das?

Wenn eine Familie das perfekte Zuhause für ihre Bedürfnisse entwerfen würde, wie würde es aussehen? Zweckdienlich, aber vorzugsweise elegant eingerichtet, ein Garten, ein paar individuelle Komponenten – das wäre wohl in etwa die grundlegende Ausstattung. Darüber hinaus spielen der Standort und die Umgebung eine zentrale Rolle. Familien brauchen gute Schulen, zu denen keine langen Anfahrten nötig sind. Ärzte und andere elementare Dienstleistungen wie Kinderbetreuung müssen in unmittelbarer Nähe verfügbar sein. Nicht zuletzt spielt der schwer definierbare Aspekt der Lebensqualität eine Rolle: Zugang zu Grünflächen und Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbäder, Sportplätze oder Kinos.

Beim Wohnungsbau lag der Fokus viel zu häufig darauf, so viele Gebäude wie möglich in den verfügbaren Raum zu zwängen – ohne Rücksicht auf die eigentlichen Bedürfnisse der Bewohner.

Beim Wohnungsbau lag der Fokus viel zu häufig darauf, so viele Gebäude wie möglich in den verfügbaren Raum zu zwängen – ohne Rücksicht auf die eigentlichen Bedürfnisse der Bewohner. So mussten Hausbesitzer auch in Luxemburg angesichts des mangelnden Angebots mit dem zurechtkommen, was da war. Diese Dynamik könnte sich jedoch infolge der Coronakrise und ihrer Nachwirkungen ändern.

Im Übrigen ist auch eine Art „Zurück in die Zukunft“-Faktor zu berücksichtigen: Es ist durchaus möglich, dass ein Zuhause künftig die Kapazitäten zur Unterbringung einer ganzen Großfamilie benötigen wird, so wie es bis Mitte des 20. Jahrhunderts häufig der Fall war. Angesichts der hohen Lebenshaltungskosten und der Schuldenlast für einige Studenten sind Familien zunehmend mit dem Phänomen einer „Bumerang-Generation“ konfrontiert – erwachsene Kinder, die wieder zurück ins Elternhaus ziehen.

Die jüngste Studie der EU-Agentur „Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ zu Zusammensetzung und Wohlstand der Haushalte ergab, dass in der EU über drei Viertel aller jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren in der Regel bei mindestens einem ihrer Elternteile leben. Bei den 25- bis 29-Jährigen liegt der Anteil bei 37 %. Da Eltern somit über einen längeren Zeitraum für ein größeres Heim aufkommen müssen, wird es schwierig, hier den Wohnraum zu verkleinern. Dies geht einher mit den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung: Zwar ist die Bevölkerung in Luxemburg im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ jung, doch auch hier könnten sich angesichts der hohen Pflegekosten viele Haushalte genötigt sehen, ältere Verwandte aufzunehmen.

Verschiebung der Prioritäten

Wohneigentum scheint für die Generation Y, die zu einer „Generation Miete“ geworden ist, nicht mehr denselben Reiz zu haben wie für deren Eltern. Für viele ist es unerschwinglich, für andere schlicht teuer und einengend, da sie die Flexibilität schätzen, sich frei bewegen, reisen und berufliche Auszeiten einlegen zu können. Untersuchungen in Großbritannien ergaben, dass bis zu einem Drittel der Generation Y – der heute 25- bis 30-Jährigen – sich möglicherweise niemals ihr eigenes Haus wird leisten können, während die Hälfte bis weit über das Alter von 40 Jahren hinaus zur Miete wohnen wird. Daher müssen Planung und Wohnungspolitik in der Lage sein, sowohl Mietern gerecht zu werden als auch denjenigen, die Wohneigentum kaufen möchten.

Eine weitere ungeklärte Frage ist die der Auswirkungen der Pandemie auf die Heimarbeit. Auch wenn ein gewisser Konsens darüber herrscht, dass die meisten Menschen in Europa nicht zu einer 5-Tage-Woche im Büro zurückkehren werden, könnte die Lage in Luxemburg sich aufgrund des großen Anteils an Grenzgängern komplizierter gestalten.

Für das Jahr 2020 haben die Nachbarländer ihre Vorschriften vorerst aufgehoben, nach denen ihre in Luxemburg beschäftigten, aber von zuhause aus arbeitenden Einwohner auch zuhause einkommenssteuerpflichtig werden würden. Doch damit Heimarbeit zumindest für einen Teil der Arbeitszeit langfristig Normalität wird, müssten – wahrscheinlich in zähen und harten Verhandlungen – dauerhafte Vereinbarungen getroffen werden. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, wie sich dies auf die Regelung der wirtschaftlichen Betrachtungsweise für Finanzdienstleistungsunternehmen auswirkt.

Die Erfahrungen aus dem Lockdown haben schon jetzt viele dazu bewegt, sich über ihre Wohnverhältnisse Gedanken zu machen.

Nichtsdestotrotz haben die Erfahrungen aus dem Lockdown schon jetzt viele dazu bewegt, sich über ihre Wohnverhältnisse Gedanken zu machen. So könnte zum Beispiel dem Zugang zu einem Garten oder einer geteilten Grünfläche künftig eine wachsende Bedeutung zukommen. Manch einer wird künftig weniger bereitwillig lange Pendelfahrten zu großen Städten und Businesszentren in Kauf nehmen – wobei solche langen Anfahrten womöglich eher toleriert werden, wenn sie nur ein- bis zweimal pro Woche nötig sind.

Die Wende kommt – aber wie?

Es gibt Anzeichen dafür, dass die politischen Entscheidungsträger den Bedürfnissen von Familien bei der Planung neuer Entwicklungen allmählich mehr Beachtung schenken. So soll mit dem Projekt „Elmen“ in der Gemeinde Kehlen, dessen vollständige Umsetzung 15 Jahre in Anspruch nehmen wird, ein Dorf mit circa 800 Wohneinheiten für 2.200 Menschen geschaffen werden. Nachhaltigkeitsstrategien zur Erhaltung und Verbesserung der Biodiversität sind dabei ebenso vorgesehen sind wie Grünflächen und eine Versorgung mit ausschließlich erneuerbarer Energie.

Die Pandemie scheint einen aktuellen Trend noch verstärkt zu haben: die Einbeziehung von Umwelt- und Klimaschutzaspekten in die Planung, teils auch angespornt durch ein verändertes Anlegerverhalten. Es gibt einen wachsenden Konsens darüber, dass neue Wohnformen, welche die Bedürfnisse der Bewohner und auch die Umwelt stärker berücksichtigen, darüber hinaus aus finanzieller Perspektive nachhaltiger sein können.

Damit diese Veränderungen in der Breite Fuß fassen, müssen Familien Wohnraum mit besserer Qualität aktiv einfordern. Solange Immobilienentwickler und Bauherren weiter hohe Preise für Wohnraum mit geringer Qualität erzielen, haben sie keinen Anlass, etwas zu ändern. Auch die politische Koordination zwischen Immobilienentwicklern und Planungsbehörden muss besser werden. Wenn bestimmte Wohn- und Arbeitsstrukturen nicht mehr den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner entsprechen, ist eine neue Herangehensweise nötig.

Es gibt einen wachsenden Konsens darüber, dass neue Wohnformen, welche die Bedürfnisse der Bewohner und auch die Umwelt stärker berücksichtigen, darüber hinaus aus finanzieller Perspektive nachhaltiger sein können.