Meine Finanzen, meine Projekte, mein Leben
Mai 24, 2024

Die Zukunft des Familienlebens

  Gesammelt von myLIFE team myHOME April 29, 2021 1446

Die Coronakrise brachte viele Familien dazu, über ihre Lebensweise nachzudenken. Eltern stellten fest, dass lange Arbeitswege und durch hohe Lebenshaltungskosten verursachte Arbeitsanforderungen ihnen wenig Zeit für die Familie ließen. Gleichzeitig vermittelten vorübergehende Homeoffice-Vereinbarungen ihnen einen Eindruck davon, wie sich Berufs- und Privatleben besser miteinander vereinbaren lassen. Doch ist der Immobilienmarkt flexibel genug, um diesen neuen Bedürfnissen gerecht zu werden?

Bereits vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie war klar, dass einige Entwicklungen am Immobilienmarkt zumindest mittel- oder langfristig nicht von Bestand sein konnten. So hinkt beispielweise der Haus- und Wohnungsbau in Luxemburg dem Bevölkerungswachstum des Landes seit langem hinterher. Dies wurde teilweise dadurch verschleiert, dass über 43% der Berufstätigen in Nachbarländern leben und zum Arbeiten nach Luxemburg pendeln.

Die Einwohnerzahl Luxemburgs liegt heute Schätzungen zufolge bei knapp unter 660.000 und ist damit seit dem Jahr 2000 um etwa 225.000 Menschen angewachsen. Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bei Immobilien hat dazu geführt, dass sich die Preise zwischen 2007 und 2020 fast verdoppelt haben. Damit steht Luxemburg in Sachen Preisanstieg im europäischen Vergleich ganz weit oben. Erst die steigenden Zinsen, durch die Immobilien noch unerschwinglicher geworden sind, leiteten in den Jahren 2022 und 2023 eine Umkehr dieses Trends ein.

Zwei Jahrzehnte schnell steigender Immobilienpreise haben dazu geführt, dass die Wohnverhältnisse vieler Familien nur schlecht auf ihre tatsächlichen Bedürfnisse abgestimmt sind. Anfang 2020 fasste Yves Mersch, damals EZB-Vorstandsmitglied und ehemaliger Leiter der Luxemburger Zentralbank, die Probleme des Immobilienmarkts im Großherzogtum wie folgt zusammen: „Der in Kapazitätsengpässen im Baugewerbe, aber auch in regulatorischen Beschränkungen begründete unzureichende Haus- und Wohnungsbau hat den Mangel an Wohnraum auf die Spitze getrieben.“

Obwohl die verschiedenen luxemburgischen Regierungen Maßnahmen wie Steuererleichterungen umgesetzt haben, um Anreize für Neubauten zu schaffen, ist es der Politik nicht gelungen, den chronischen Mangel an angemessenem Wohnraum wirksam zu bekämpfen. Kritiker fordern eine neue Herangehensweise von den politischen Entscheidungsträgern: Es müsse nicht einfach nur mehr, sondern auch besser gebaut werden.

Besser bauen – wie geht das?

Beim Wohnungsbau liegt der Fokus viel zu häufig darauf, so viele Unterkünfte wie möglich in den verfügbaren Raum zu zwängen – ohne Rücksicht auf die eigentlichen Bedürfnisse der Bewohner. Wenn eine Familie das perfekte Zuhause für ihre Bedürfnisse entwerfen würde, wie würde es aussehen? Eher ein Haus als eine Wohnung, zweckdienlich, aber vorzugsweise ansprechend gestaltet, mit Garten und ein bisschen Individualität – das wären wohl in etwa die grundlegenden Anforderungen.

Beim Wohnungsbau lag der Fokus viel zu häufig darauf, so viele Gebäude wie möglich in den verfügbaren Raum zu zwängen – ohne Rücksicht auf die eigentlichen Bedürfnisse der Bewohner.

Darüber hinaus spielen der Standort und die Umgebung eine zentrale Rolle, denn Familien wollen gute und schnell erreichbare Schulen. Ärzte und andere elementare Dienstleistungen wie Kinderbetreuung müssen in unmittelbarer Nähe verfügbar sein. Nicht zuletzt spielt der schwer definierbare Aspekt der Lebensqualität eine Rolle: Zugang zu Grünflächen wie Parkanlagen und Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbäder, Sportplätze oder Kinos.

Im Übrigen ist auch eine Art „Zurück in die Zukunft“-Ansatz zu berücksichtigen: Es ist durchaus möglich, dass ein Zuhause künftig wieder groß genug sein soll, um die ganze Familie unterzubringen – so wie es bis Mitte des 20. Jahrhunderts häufig der Fall war. Angesichts der hohen Lebenshaltungskosten und der von vielen zu tilgenden Studiendarlehen sind einige Familien zunehmend mit dem Phänomen einer „Bumerang-Generation“ konfrontiert, d.h. mit erwachsenen Kindern, die wieder ins Elternhaus zurückziehen.

Die jüngste Studie der EU-Agentur „Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ von Februar 2020 zu Zusammensetzung und Wohlstand der Haushalte ergab, dass in der EU über drei Viertel aller jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren in der Regel bei mindestens einem ihrer Elternteile leben. Bei den 25- bis 29-Jährigen liegt der Anteil bei 37%.

Da Eltern somit über einen längeren Zeitraum ein größeres Heim benötigen, können sie ihren Wohnraum kaum verkleinern. Dies geht einher mit den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung: Zwar ist die Bevölkerung in Luxemburg im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ jung, doch auch hier könnten sich angesichts der hohen Pflegekosten viele Haushalte genötigt sehen, ältere Verwandte aufzunehmen.

Jüngere Generationen mit neuen Prioritäten

Wohneigentum scheint für die Generation Y, die heute zwischen Ende 20 und Ende 30 ist und auch als „Generation Miete“ bezeichnet wird, nicht mehr denselben Reiz zu haben wie für ihre Eltern. Für viele ist es unerschwinglich, für andere schlicht teuer und einengend, da sie die Flexibilität schätzen, sich frei bewegen, reisen und berufliche Auszeiten einlegen zu können.

Wohneigentum scheint für die Generation Y, die heute zwischen Ende 20 und Ende 30 ist und auch als „Generation Miete“ bezeichnet wird, nicht mehr denselben Reiz zu haben wie für ihre Eltern.

Untersuchungen ergaben, dass sich im Vereinigten Königreich bis zu einem Drittel der Generation Y möglicherweise niemals ihr eigenes Haus wird leisten können, während die Hälfte bis weit über das Alter von 40 Jahren hinaus zur Miete wohnen wird. Daher müssen Planung und Wohnungspolitik sowohl Angebote für Mieter als auch Angebote für Käufer ermöglichen.

Zwar kehrten viele Menschen nach dem Ende der unmittelbaren Coronakrise in die Büros zurück, die Möglichkeit der Heimarbeit ist für viele Mitarbeitende jedoch zur Selbstverständlichkeit geworden. Im zweiten Quartal 2023 arbeiteten laut der Statistikbehörde Statec 32% der Luxemburger von zu Hause aus. Dies ist deutlich mehr als die durchschnittlich 20% in den Jahren 2015 bis 2019, vor der Pandemie. Da fast 90% der Büroangestellten mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten, müssen Wohnungen und Häuser heute entsprechende Arbeitsvoraussetzungen erfüllen.

Homeoffice-Einschränkungen für Grenzgänger

Nicht in Luxemburg ansässige Mitarbeitende, die in Belgien, Frankreich oder Deutschland leben, dürfen nur eine begrenzte Zahl von Tagen außerhalb des Großherzogtums arbeiten, ohne in ihrem Wohnsitzland einkommensteuerpflichtig zu werden. Diese Regeln wurden während der Pandemie ausgesetzt, sind seit Juni 2023 jedoch wieder in Kraft. Ferner unterliegen gemäß einer EU-Regelung Grenzgänger, die mehr als 49% ihrer Arbeitszeit zu Hause leisten, nicht mehr der Sozialversicherung Luxemburgs, sondern jener ihres Wohnsitzlandes.

Die Tatsache, dass Mitarbeitende von einem anderen Land als Luxemburg aus arbeiten, erschwert es Unternehmen in der Finanzdienstleistungsbranche zudem unter Umständen, die Rechtsvorschriften ihres Sitzlandes bezüglich ihrer wirtschaftlichen Substanz einzuhalten. Dies kann wiederum zu Problemen in Steuerfragen führen.

Nichtsdestotrotz hat die eingeschränkte Bewegungsfreiheit während der Lockdowns in den Jahren 2020 und 2021 viele Menschen dazu bewegt, sich über ihre Wohnverhältnisse Gedanken zu machen. So könnte zum Beispiel dem Zugang zu einem Garten oder einer geteilten Grünfläche künftig eine wachsende Bedeutung zukommen. Mitarbeitende dürften lange Pendelfahrten zu großen Städten und Businesszentren in Zukunft weniger bereitwillig in Kauf nehmen – wobei diese womöglich eher toleriert werden, wenn sie nur ein- bis zweimal pro Woche nötig sind.

Eine andere Zukunft denken

Es gibt Anzeichen dafür, dass die politischen Entscheidungsträger den Bedürfnissen von Familien bei der Planung neuer Wohnbauprojekte allmählich mehr Beachtung schenken. So soll mit dem Projekt „Elmen“ in der Gemeinde Kehlen, dessen vollständige Umsetzung 15 Jahre in Anspruch nehmen wird, ein Dorf mit circa 800 Wohneinheiten für 2.200 Menschen geschaffen werden. Nachhaltigkeitsgrundsätze zur Erhaltung und Verbesserung der Biodiversität und von Grünflächen sind dabei ebenso vorgesehen wie eine Versorgung mit erneuerbarer Energie.

Unterdessen suchen Firmenchefs nach Wegen, um die Unzufriedenheit mit dem (grenzüberschreitenden) Pendeln zu verringern. Hierbei spielen auch die ökologischen Auswirkungen eine Rolle, selbst wenn diese bei der Nutzung weniger klimaschädlicher Transportmittel wie der Bahn geringer ausfallen. Viele Unternehmen haben Büros nahe der Luxemburger Grenzen eröffnet, um die regelmäßigen Fahrtstrecken und -zeiten für Grenzgänger zu verringern und die Beschränkungen in Steuer- und Sozialversicherungsfragen für im Homeoffice tätige Mitarbeitende zu umgehen.

Die COVID-19-Pandemie sowie eine veränderte Haltung unter Investoren haben den bestehenden Trend, Umwelt- und Klimaschutzaspekte in Planungsprozesse einzubeziehen, weiter verstärkt.

Es besteht zunehmend Konsens darüber, dass neue Wohnformen, welche die Bedürfnisse der Bewohner stärker berücksichtigen und zu ökologischen Zielen beitragen, auch finanziell nachhaltiger sein können.

Damit diese Veränderungen in der Breite Fuß fassen, müssen Familien hochwertigeren Wohnraum einfordern. Denn solange Immobilienentwickler und Bauunternehmen weiter hohe Gewinne mit qualitativ schlechtem Wohnraum erzielen können, besteht für sie kein wirklicher Anlass, etwas zu ändern. Auch die politische Koordination zwischen Immobilienentwicklern und Planungsbehörden muss besser werden. Wenn bestimmte Wohn- und Arbeitsstrukturen nicht mehr den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen entsprechen, ist es an der Zeit für eine neue Herangehensweise.