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Januar 19, 2022

Eine absurde Welt

  Olivier Goemans myINVEST November 23, 2021 8

Bei der Bekämpfung des Klimawandels gibt es immer wieder eine Kluft zwischen den uns zur Verfügung stehenden Informationen, unseren alltäglichen Handlungen und den Prioritäten sowie den Werten, die die Mehrheit von uns vertritt. Eine Kluft, die in eine absurde Verleugnung des Wissens münden kann, sodass wir nichts an unseren Verhaltensweisen ändern müssen.

Kennen Sie das Syndrom des Hasen, der im Scheinwerferlicht des Autos vor Schreck erstarrt und sich im Angesicht der Gefahr nicht bewegen kann? Dies kommt mir oft in den Sinn, wenn ich sehe, wie wir den Kampf gegen den Klimawandel trotz der immer wieder angemahnten Risiken vor uns herschieben. Meiner Meinung nach stellt das Aufzeigen von Chancen auch eine zusätzliche, logische und wirksame Strategie dar, um eine positive Dynamik anzustoßen, und es steht außer Frage, dass das aktuelle Jahrzehnt das Jahrzehnt des Handelns und der Dekarbonisierung sein muss.

Dennoch ist es immer das gleiche Paradox: Auch wenn es keinen Zweifel an den Modellen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die nächsten 20 oder 30 Jahre gibt, führt uns unsere Untätigkeit in eine dystopische Zukunft. Wir tun nicht genug, um gegenzusteuern und unser Verhalten zu ändern, und verspielen dadurch unsere Zukunft. Die berechtigte Frage lautet also: Sind wir alle schizophren geworden?

Haben wir alle einen Fehler im System?

Sébastien Bohler, Autor des Buches „Bug Humain“, erinnert an die Rolle von Dopamin, dem Glückshormon, das unser Gehirn zur Belohnung freisetzt, wenn unsere Urinstinkte befriedigt werden. Demnach ist unser Gehirn nicht darauf programmiert, dass wir uns einschränken, sondern animiert uns vielmehr dazu, größtmöglichen Komfort bei kleinstmöglichem Aufwand zu erreichen. Essen, um kurzfristig zu überleben, sich fortpflanzen, um langfristig zu überleben, in der Gesellschaft aufsteigen, nützliche Informationen über das eigene Umfeld sammeln usw.

In einer widrigen Umgebung mit begrenzten Ressourcen ist diese Tendenz des „immer mehr“ nützlich. Problematisch wird sie in Gesellschaften, in denen Waren industriell und in unbegrenzter Zahl gefertigt werden. Unser Gehirn hat keine eingebaute Bremse, keine Stopp-Funktion. Es ist darauf programmiert, immer mehr und nach Möglichkeit mehr als der Nachbar zu haben. Es überrascht kaum, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung in Ländern lebt, in denen Übergewicht und Fettleibigkeit mehr Todesopfer fordern als Unterernährung.

Je weiter ein Sachverhalt zeitlich entfernt ist, desto geringer ist sein Einfluss auf unseren Entscheidungsprozess.

Darüber hinaus sind wir nicht nur so programmiert, dass wir immer mehr wollen, sondern wir wollen es auch jetzt sofort. Der „Marshmallow“-Test verdeutlicht, dass unser Stammhirn Zeitverläufe nicht erfassen kann und ausschließlich auf unmittelbare Belohnung reagiert. Je weiter ein Sachverhalt zeitlich entfernt ist, desto geringer ist sein Einfluss auf unseren Entscheidungsprozess.

Bei der Bekämpfung des Klimawandels scheint die künftige Bedrohung nicht groß genug, um die Befriedigung in der Gegenwart zu bremsen. Die kognitive Dissonanz, also der Widerspruch zwischen unserem Wissen und unserem Handeln, setzt in unserem Gehirn allerdings Stresshormone frei (Cortisol und Noradrenalin), die große Angst und tiefes Unbehagen auslösen. Diese kognitive Dissonanz muss auf die eine oder andere Weise beseitigt werden: indem wir entweder unsere Handlungen auf unser Wissen abstimmen oder indem wir unsere Kenntnisse verleugnen, um unsere Gewohnheiten beibehalten zu können.

Inzwischen ist das Phänomen der Klima-Angst, oder der chronischen Angst vor der Umweltkatastrophe, zu einer gesellschaftlichen Realität geworden. Wenn man dagegen seine Gedanken ändert, um sie an seine Handlungen anzupassen, dann führt dies zu einer Verleugnung mit dem Ziel, das aktuelle Verhalten zu rechtfertigen und beizubehalten. Paradoxer geht es kaum.

Neuen Sinn geben, um zum Handeln zu animieren

Daher ist es wichtig, dass wir wieder eine sinnvolle Verbindung schaffen zwischen unseren alltäglichen Handlungen und unserem Wissen um die Herausforderungen der Zukunft. Wie leben wir am besten in einer Überflussgesellschaft und brechen aus dieser kognitiven Dissonanz aus, um wieder Sinn zu stiften? Indem wir die Veränderung fördern, statt den Status quo zu verurteilen!

Andere Glücksbereiche stimulieren und unsere gesellschaftlichen Normen anpassen – das muss zur Selbstverständlichkeit werden. Schlichtheit, Empathie und Gemächlichkeit bei unseren Lebensgewohnheiten schätzen. Die Dosis senken, um die Macht von Bewusstsein und Präsenz gezielt zu lenken, dadurch wieder Freude zu empfinden und die permanente Jagd nach mehr hinter uns zu lassen. Wiederentdecken, dass das Glückshormon auch durch Neugier und die Kraft von Wissen freigesetzt werden kann. In unserer Hirnrinde sind Intelligenz und Technologie entstanden. Sie ist auch in der Lage, Bewusstsein zu schaffen. Das nennt man sich weiterentwickeln und mehr Freiheit erlangen durch die Weigerung, weiterhin süchtig nach den Dopamindosen zu bleiben.

Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, uns zu gedulden und die Befriedigung unserer Wünsche aufzuschieben.

Einige werden denken, dass ich in die Esoterik abschweife. Vielleicht. Aber ich bin persönlich auch der Überzeugung, dass wir die Fähigkeit entwickeln müssen, uns zu gedulden und die Befriedigung unserer Wünsche aufzuschieben. Das nennt man verzögerte Belohnung und Lernen. Alle Eltern wissen ganz genau, was damit gemeint ist und wie wichtig es ist, um einem Kind beim Erwachsenwerden zu helfen. Genau dadurch unterscheidet sich auch Weisheit bei der Kapitalanlage vom Nervenkitzel des Spekulierens. Die eigenen Impulse zurückzustellen, erfordert Kraft, freiwillige Handlungen und die Wahrung psychischer wie kognitiver Gesundheit. So zumindest verstehe ich eines der berühmten Zitate, die Warren Buffett zugeschrieben werden: „Man kann kein Kind in einem Monat bekommen, indem man neun Frauen gleichzeitig schwängert.“ Spitzenleistung erfordert Zeit!

Zweifellos haben wir noch Spielraum, um unsere Energieintensität und unsere CO2-Intensität zu verbessern. Für Industrielle wie für Anleger ist es eine komplexe Aufgabe, im Kampf gegen den Klimawandel überzeugende und erfolgreiche Technologien zu erkennen und auszuloten. Zahlreiche Chancen, aber auch zahlreiche Fallstricke warten auf unserem Weg. Auf die Frage, ob Wissenschaft und Technik die meisten dieser Probleme lösen können, lautet meine Antwort ja. Aber die Zeit drängt und wir können uns nicht nur auf Zukunftsversprechen ausruhen.

Kollektive und individuelle Verantwortung

Der Einfallsreichtum des Menschen umfasst auch die Fähigkeit, seine Konsum- und Produktionsgewohnheiten zu ändern. Wir müssen die bekannte Maxime „Business as usual“ über Bord werfen. Die Zukunft ist nicht vorherbestimmt, sondern wir gestalten sie jeden Tag durch unsere Entscheidungen, zu handeln oder nicht zu handeln. Unsere Zukunft ist auf vielfältige Weise existenziell bedroht. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass es Lösungen gibt. Dystopische oder strahlende Zukunft – das hängt einzig und allein von unseren Entscheidungen ab.

Als Anleger dürfen wir keinesfalls die Macht unterschätzen, die wir mit unserem Portemonnaie ausüben können, indem wir den Wandel fördern, und zwar in vollem Bewusstsein. Inzwischen ist es ganz einfach geworden, sich mit seiner persönlichen CO2-Bilanz zu befassen. Es gibt zahlreiche Simulatoren, mit deren Hilfe man sein Verhalten in Bereichen wie Transport, Ernährung und Heizen analysieren und anschließend entsprechend ändern kann. Doch ein Kettenglied fehlt ganz offensichtlich: das Geld, das wir anlegen und das Geschäftstätigkeiten und Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen finanziert.

Es ist jedem bekannt, dass der Klimawandel bereits in vollem Gange ist. Die Zeit drängt, und wir können uns nicht länger zanken oder nach Sündenböcken suchen. Vermutlich ist es heute unverantwortlich, zu behaupten, dass wir die Erderwärmung auf 1,5° C begrenzen können. Genauso unverantwortlich ist es aber auch, zu behaupten, dass wir es gar nicht schaffen können. Das Handtuch zu werfen, kommt nicht infrage. Wir tragen eine gemeinsame Verantwortung. Inzwischen beginnen sich die Gerichte damit zu befassen, aber wir sollten die Geschichte darüber urteilen lassen, wer die Schuldigen, die Korrumpierten und die Illusionisten sind. Die Hexenjagd (Greenwashing) darf keine Priorität haben.

Getragen durch Autoren wie Alain Grandjean, Julien Lefournier und Gaël Giraud dient die Debatte um die Grenzen des nachhaltigen Finanzwesens als Erinnerung daran, dass letztlich die Unternehmen und Staaten als Erste Veränderungen in der Realwirtschaft bewirken können. Ihre Handlungen müssen der Dringlichkeit aufgrund des Klimawandels und der Beschleunigung des Artenverlusts angemessen sein. Allerdings sollten Sie auch bedenken, dass das Finanzwesen oft nur ein unvollständiges Bild zeichnet. Strömungsgrößen sind wichtig, aber auch die Bestandsgrößen dürfen nicht vernachlässigt werden. Ein Paradebeispiel findet sich im Bereich der erneuerbaren Energien. Der Einsatz erneuerbarer Energieträger ist unerlässlich, aber der Ausstieg aus fossilen Energieträgern muss bei der Planung ebenso berücksichtigt werden. Mit anderen Worten, eine Kombination aus der Mäßigung unseres Verhaltens und der Änderung unserer Konsumgewohnheiten.

Findet eine Vermischung von Gefühlen und rationalen Überlegungen statt? Wahrscheinlich, aber in der Welt der Kapitalanlage ist das nichts Neues. In dieser Welt bestimmen stets kühle Vernunft und Grundsätze, gleichzeitig aber auch Emotionen und Verhaltensmuster das Bild.


Quellen:
– „Urgence écologique et striatum“ von Sébastien Bohler, Autor von „Bug Humain“
– Gerd Leonhard, The Great Transformation
– L’illusion de la finance verte – Alain Grandjean, Julien Lefournier, Gaël Giraud