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Oktober 23, 2020

Expertenmeinung: „Aktien im Wechselbad“

Die im August veröffentlichten Konjunkturdaten und Unternehmensgewinne haben gezeigt, dass die Erholung, wenn auch uneinheitlich und bei trüber Sicht, voranschreitet. Dennoch haben MSCI All Country World Index, Nasdaq und S&P 500 den letzten Schritt aus dem Wechselbad getan, das sie auf die COVID-19-Tiefs und zurück geführt hatte, und liegen nun über ihren Rekordhochs aus der Zeit vor der Pandemie.

Was treibt die Aktienmärkte an?

Der Treibstoff für den Aufstieg der Aktienmärkte ist vornehmlich die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquidität. Große Notenbanken wie die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank fahren nach wie vor einen ultralockeren geldpolitischen Kurs, und die Märkte wissen, dass die Hürde für eine Drosselung der Geldschwemme hoch ist. In der Regel zügeln die Zentralbanken die Inflation durch Zinsanhebungen, falls sie über die Zielwerte steigt. Dieses Mal gestaltet sich die Lage anders: Die Fed erklärte, dass sie bereit sei, die Inflation „für einige Zeit“ über den Zielwert laufen zu lassen. Auf der virtuellen Wirtschaftskonferenz in Jackson Hole, auf der sich Notenbanker aus aller Welt ein Stelldichein geben, verkündete der Fed-Vorsitzende Jerome Powell, dass die Fed ihr (aus dem Jahr 2012 datierendes) Inflationsziel von 2 % zugunsten einer durchschnittlichen Inflationsrate aufgibt, damit die Inflation „leicht“ höher als 2 % sein kann. Bei der Erläuterung der Maßnahme hob er die Gefahren einer dauerhaft schwachen Inflation und eines selbsterfüllenden Kreislaufs hervor, den dies erzeugen könne. Dieser Kursschwenk bedeutet für Sparer und Anleiheninhaber, dass sie noch für eine ganze Weile nicht mit höheren Renditen rechnen können. Die Entscheidung der Fed fordert ihren Tribut vom Dollar, der bereits am Schwächeln war. Mit der allmählich anziehenden Konjunkturerholung zeigen die Anleger Interesse für inflationsgebundene Staatsanleihen und Gold, um sich gegen etwaigen Inflationsdruck abzusichern.

Der Treibstoff für den Aufstieg der Aktienmärkte ist vornehmlich die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquidität.

Wie steht es um europäische Aktien?

Jenseits des Atlantiks in Europa erscheint eine geldpolitische Drosselung noch weiter entfernt, denn die Inflation war im Juli erstmals seit 2016 wieder negativ (-0,2 % zum Vorjahr). Obwohl europäische Aktien ihren besten August seit 2009 hatten, bleiben sie aufgrund eines stärkeren Euros und der Sorgen über eine zweite COVID-19-Welle in Europa hinter globalen Aktien zurück. Kontaktbeschränkungen sind der neue Modus Operandi, und für Betriebe, die ihre Kapazitäten nicht ausschöpfen, scheint es bis zum „Business as usual“ noch ein weiter Weg zu sein. Ein Silberstreif am Horizont ist in Deutschland zu erkennen, der größten Volkswirtschaft der EU, denn es wird eine raschere Erholung erwartet als ursprünglich vorhergesagt. Angela Merkels Regierungskoalition prognostizierte im April ein Wachstum von -6,3 % für 2020, während die aktuellen Vorhersagen bei -5,8 % liegen. Deutschland ist entschlossen, einen zweiten Lockdown zu vermeiden und den Aufprall des ersten Lockdowns abzufedern. Daher wurde das Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 verlängert.

Zwar verbessern sich die Daten, doch aus Europa kommen nur sehr wenige der großen Technologietitel, die an den Aktienmärkten für Auftrieb sorgen. Ein Großteil der Rally seit der Talsohle im März ist auf eine Handvoll großer Titel zurückzuführen, hauptsächlich die Mega-Cap-Technologietitel. Daher müssen Anleger das Konzentrationsrisiko im Auge behalten. Beispielhaft hierfür ist Apple, das als erstes Unternehmen die Marke von 2 Billionen US-Dollar geknackt hat. Erstmals übersteigt die Marktkapitalisierung des US-Technologiesektors mit 9,1 Billionen US-Dollar jene Europas, das einschließlich des Vereinigten Königreichs und der Schweiz auf 8,9 Billionen US-Dollar kommt. Noch 2007 war der europäische Markt viermal so teuer wie der US-Technologiesektor.

Wie steht es um das Virus?

Auch gute Nachrichten von der epidemiologischen Front verleihen Aktien Auftrieb. In Ländern mit einer sich abzeichnenden zweiten Welle scheint die Sterblichkeitsrate geringer zu sein als während der ersten Welle. Überdies gibt es Fortschritte bei einem Impfstoff: In den USA testen AstraZeneca und die Oxford University ihren Impfstoff nun in großem Umfang an menschlichen Probanden; geplant ist eine Versuchsreihe mit 30.000 Erwachsenen. Im Vereinigten Königreich wird der Impfstoff bereits in der letzten Phase getestet. Vorläufige Ergebnisse könnten schon im nächsten Monat vorliegen. Dies ist nur einer der 33 Impfstoffe, die von der WHO beobachtet werden und die die klinische Testphase erreicht haben. 143 Impfstoffe werden in präklinischen Studien getestet.

Es ist kaum vorstellbar, dass Aktien ohne verfügbaren Impfstoff auf annehmbare Kurshöhe steigen, und Anleger sollten sich auf anhaltende Turbulenzen einstellen.

Es ist kaum vorstellbar, dass Aktien ohne verfügbaren Impfstoff auf annehmbare Kurshöhe steigen, und Anleger sollten sich auf anhaltende Turbulenzen einstellen. Da weiterhin Kontaktbeschränkungen gelten, wird es bis zur vollständigen Erholung der Unternehmensgewinne einige Zeit brauchen, auch wenn die Marktteilnehmer gegenwärtig auf einen raschen Wiederaufschwung hoffen. Man könnte also sagen, dass ihr Handgepäck auf dieser langsamen Reise in Richtung Erholung aufgrund der mitgeführten Erwartungen das zulässige Gesamtgewicht übersteigt. Zudem wird angesichts der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen und des Streits zwischen den USA und China mit Sicherheit mehr als einmal das Anschnallzeichen aufleuchten. Daher dürfte ein umsichtiger Risikoansatz gerechtfertigt sein, damit für den Fall schlechten Reisewetters eine hinreichende Absicherung der Anlagen besteht.