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August 21, 2019

Kognitive Verzerrungen bei Anlageentscheidungen

Der Faktor Mensch sollte bei Anlageentscheidungen einen Mehrwert bieten. Denn schließlich sollten Menschen auf Basis der verfügbaren Informationen rationale Entscheidungen treffen. Wie sich herausgestellt hat, sind Menschen jedoch für allerlei unbewusste Verzerrungen anfällig und daher unter Umständen sehr schlechte Anleger, wenn diese Verzerrungen unberücksichtigt bleiben.

Diese kognitiven Verzerrungen sind mentale Abkürzungen, die uns im Alltag viele Vorteile bescheren können, bei Anlageentscheidungen hingegen alles andere als dienlich sind. Sie lassen sich zwar nicht vollständig vermeiden, man kann ihre Folgen für die Wertentwicklung und die Renditen jedoch mindern, wenn man sie erkennt. Sowohl Privatanleger als auch professionelle Anleger sollten sie daher verstehen und berücksichtigen, um negative Auswirkungen auf ihr Portfolio zu verhindern.

Die offensichtlichsten kognitiven Verzerrungen zeigen sich bei der Verwendung von Informationen für Anlageentscheidungen. So neigen etwa viele Menschen zu der Annahme, dass Informationen stets nützlich sind und folglich mehr Informationen auch einen größeren Nutzen bieten. Doch die Art und Weise, in der Anleger Informationen verwenden, kann zu schlechten Entscheidungen führen. Sie können falsche Informationen berücksichtigen, Informationen schlecht interpretieren oder zu stark vereinfachen oder Informationen einen zu großen Stellenwert beimessen.

Informationen können dazu führen, dass sich Anleger ihrer Sache zu sicher sind, etwa wenn sie glauben, dass sie aufgrund zahlreicher Informationen automatisch auch die besten Entscheidungen treffen können. Zu viele Informationen können die Realität jedoch eher verschleiern als offenlegen, und Anleger werden mit Informationen geradezu überhäuft: BIP-Zahlen, Daten des verarbeitenden Gewerbes oder Analysen von Finanzkommentatoren. Viele dieser Informationen sind nutzlos und lenken nur davon ab, was wirklich relevant ist.

Das offenkundigste Beispiel hierfür sind Kauf- oder Verkaufsentscheidungen, die Anleger auf der Grundlage von kurzfristigen Aktienkursschwankungen fällen. Der Kauf von Aktien eines Unternehmens war ursprünglich als langfristige Anlage gedacht, doch plötzlich wird der Anleger durch die Kursvolatilität verunsichert. In der Regel führt dies dazu, dass Anleger bei niedrigen Marktbewertungen verkaufen und bei hohen Marktbewertungen kaufen – die beste Methode, um langfristig Geld zu verlieren.

Gute Anleger sollten die möglichen Folgen einer Fehleinschätzung in Betracht ziehen und die Robustheit ihrer Anlagethese überprüfen.

Selektivität

Darüber hinaus sind Anleger im Hinblick auf die verwendeten Informationen unter Umständen zu wählerisch. Dieses Phänomen wird als Bestätigungsfehler bezeichnet. Dabei berücksichtigen die Anleger lediglich jene Informationen, die ihre eigenen Einschätzungen unterstützen, statt ihre Meinungen oder Beurteilungen infrage zu stellen. Da den Anlegern gegenteilige Meinungen nicht bewusst sind, kann dies dazu führen, dass Anlagerisiken nicht richtig eingeschätzt werden.

Gute Anleger sollten die möglichen Folgen einer Fehleinschätzung in Betracht ziehen und die Robustheit ihrer Anlagethese überprüfen. Um die Vorzüge einer Anlage zu ermitteln, sollten sie daher sowohl Argumente berücksichtigen, die diese These stützen, als auch Argumente, die dagegen sprechen.

Darüber hinaus messen Anleger Entwicklungen in der Vergangenheit tendenziell eine zu große Bedeutung bei. Viele Portfolios beruhen heute auf der Annahme, dass die zukünftigen Entwicklungen den Entwicklungen in der Vergangenheit entsprechen werden. Hierzu zählt zum Beispiel die Auffassung, dass sich Aktien und Anleihen entgegengesetzt entwickeln oder dass Staatsanleihen das Kapital von Anlegern bei einem Abschwung schützen werden.

Ignoriert man etwa die Folgen, die die quantitative Lockerung und die extrem niedrigen Zinssätze in den vergangenen zehn Jahren für die Märkte hatten, kann diese Annahme dazu führen, dass Anleger über ein Portfolio verfügen, das für Marktbedingungen ausgelegt ist, die in der Realität nicht existieren.

Rückschaufehler

Ein Verhalten, das als Rückschaufehler bezeichnet wird, kann zudem dazu führen, dass Anleger die Wertentwicklung in der Vergangenheit ihres Portfolios falsch interpretieren. Insbesondere Fondsmanager neigen häufig dazu, Erfolge als eigene Verdienste anzupreisen und Misserfolge unvorhersehbaren Marktereignissen zuzuschreiben.

Für erfolgreiches Anlegen ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, Fehler zu reflektieren und zu analysieren, welche Ursache sie haben und wie sie in Zukunft verhindert werden können. Wenn Anleger Rückschaufehler nicht berücksichtigen, kann ihre Beurteilung von zuvor getroffenen Entscheidungen an Objektivität verlieren und somit ihre Fähigkeit beeinträchtigen, aus Fehlern zu lernen. Die Märkte sind nicht statisch und Anleger müssen in der Lage sein, sich an Veränderungen anzupassen.

Der Ankereffekt weist gewisse Parallelen zu einem Rückschaufehler auf: Er beschreibt das Verhalten von Anlegern, die sich zu stark auf eine bestimmte Information aus der Vergangenheit stützen. So kann ein Anleger etwa annehmen, dass sich die Aktien von Unilever immer gut entwickeln werden, weil dies in der Vergangenheit der Fall war. Diese Annahme könnte jedoch falsch sein, denn die Entwicklung einzelner Unternehmen unterliegt stets Schwankungen, und Informationen aus der Vergangenheit sollten nie den Blick auf die aktuelle Wirklichkeit trüben.

Prognosen als Gefahrenquelle

Die Anlagebranche liebt Prognosen, da sie so überlegene Fähigkeiten und Kenntnisse demonstrieren kann. Allerdings überprüfen und bewerten diese Vorhersagen hinterher nur wenige. Für Prognostiker ist das eine gute Nachricht, denn wissenschaftliche Studien haben wiederholt gezeigt, dass Menschen bei der Erstellung von Prognosen nicht besonders gut sind.

Bloomberg hat etwa ermittelt, dass die Bank of England und ihre Teams aus hochqualifizierten Ökonomen in der Vergangenheit bei der genauen Vorhersage der Inflationsrate häufig danebenlagen.

Nun ist die Versuchung groß anzunehmen, dass mit den Annahmen der Bank of England oder der Argumentation ihrer Ökonomen etwas nicht stimmt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Inflation ein extrem komplexes Feld ist und die Vorhersage ihrer künftigen Höhe überaus schwierig oder sogar unmöglich ist. Diese Tatsache hält Anleger und Ökonomen jedoch nicht davon ab, trotzdem Prognosen zu erstellen.

Die Anlagebranche legt großen Wert auf Vorhersagen und nutzt diese häufig als Grundlage für Anlagestrategien. Denn die Aufgabe von Anlageverwaltern besteht darin, Entscheidungen zu treffen, um ein Portfolio gemäß ihrer Einschätzung der Welt zu positionieren.

Flexibilität ist unerlässlich

Die Gefahr besteht darin, dass darunter die Fähigkeit leidet, Veränderungen oder Fehler zu entdecken und zu berücksichtigen. Anleger müssen bedenken, dass Prognosen selbst in Bereichen, die leichter zu beurteilen sind als die Inflation, nicht in Stein gemeißelt sind. Sie müssen daher über die nötige Flexibilität und Bescheidenheit verfügen, um auf Entwicklungen selbst dann spontan reagieren zu können, wenn diese die Gültigkeit des ursprünglichen Szenarios in Frage stellen.

Teil dieses Problems ist die Selbstüberschätzung: Menschen neigen zu der Überzeugung, richtig zu handeln, und räumen Fehler nur zögerlich ein. Dies kann zu schlechten Analysen und Entscheidungen führen.

Zudem besteht in vielen Lebensbereichen das Problem des Gruppendenkens, das eine wichtige Rolle bei der globalen Finanzkrise vor rund zehn Jahren spielte. Zu viele ähnliche Führungskräfte leiten ähnliche Unternehmen. Sie neigen daher dazu, ähnlich zu denken und ungewöhnliche Standpunkte und Ideen auszuschließen.

In der Wirtschaft führt Gruppendenken zu mangelhaftem Risikomanagement. Auch aus diesem Grund achten Anlageverwalter mittlerweile zunehmend auf die Vorteile von Unternehmen, die in den Führungspositionen, im Verwaltungsrat und bei den Mitarbeitern auf Diversität achten.

Herdenverhalten

Anleger sind in der Regel beruhigt, wenn sie dieselben Entscheidungen wie andere treffen. Diese trügerische Sicherheit war der Grund für nahezu jede Spekulationsblase der Geschichte, von der Tulpenmanie bis zur Dotcom-Blase, und ein derartiges Verhalten dürfte naturgemäß verhindern, ein erfolgreicher Investor zu werden.

Häufig kaufen Anleger Wertpapiere, wenn die Nachfrage extrem groß und die Preise daher am höchsten sind. Demgegenüber verkaufen sie Titel tendenziell, wenn die Stimmung der anderen Marktteilnehmer am schlechtesten ist. Der Spruch von Baron Rothschild, einem im 18. Jahrhundert lebenden Mitglied der Bankiersfamilie, „Kaufen Sie, wenn Blut auf den Straßen fließt, selbst wenn es das eigene ist“, bleibt nach wie vor eine gute Anlageempfehlung.

Um sich von der Masse abzuheben, müssen Anleger von der Exaktheit der eigenen Analysen der Gesamtwirtschaft, der Märkte oder einzelner Unternehmen überzeugt sein. Ansonsten ist das Risiko groß, in Selbstüberschätzung zu verfallen.

Kein Anleger kann kognitive Verzerrungen vollständig unterdrücken. Der entscheidende Punkt ist jedoch, sich dieses Umstands bewusst zu sein und Schritte in einen Anlageprozess zu integrieren, die die Folgen von kognitiven Verzerrungen mildern.