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November 26, 2022

Quo vadis Luxemburg?

Luxemburg ist es ungeachtet seiner geringen Größe gelungen, in den vergangenen Jahrzehnten in verschiedenen Wirtschaftssektoren internationale Spitzenpositionen einzunehmen. Das Land konnte internationales Kapital sowie Fachkräfte anziehen und ein beständiges und nachhaltiges Wirtschaftswachstum generieren. Die größten Erfolge Luxemburgs, – vor allem als Finanzdienstleistungszentrum – sollten jedoch nicht die Notwendigkeit verschleiern, sich neu zu erfinden und zu diversifizieren, um den Kurs zu halten.

Das Ansehen Luxemburgs im Finanzdienstleistungsbereich ist kaum zu übertreffen. Das Land beheimatet 130 Banken sowie Europas größte Investmentfondsbranche und entwickelt zunehmend angrenzende Geschäftsbereiche, wie etwa alternative Anlagen. Darüber hinaus haben mehrere Institutionen der Europäischen Union ihren Sitz in Luxemburg, darunter die Europäische Investitionsbank, der Europäische Rechnungshof, der Europäische Gerichtshof sowie verschiedene Dienststellen der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments. Dank der wirtschaftsfreundlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen und der großen Verfügbarkeit hochqualifizierter Fachkräfte konnte das Land die Finanzkrisen der Vergangenheit größtenteils unbeschadet überstehen.

Die positiven Folgen dieses Erfolgs waren beträchtlich. Die Luxemburger Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 2 % bis 3 % gewachsen, und das Land ist zu einem wichtigen Ort für geistiges Kapital geworden. Die gut ausgebildete Bevölkerung und die geringe Arbeitslosigkeit tragen zu einer niedrigen Kriminalitätsrate sowie zu sozialer und politischer Stabilität bei. Gleichzeitig kümmert sich Luxemburg mit großzügigen gesetzlichen Renten und Sozialversicherungsleistungen um schwächere Gesellschaftsmitglieder. Die Hauptstadt erhielt in der „International Quality of Living“-Studie 2019 der Unternehmensberatung Mercer den Titel der sichersten Stadt der Welt.

Das Ansehen Luxemburgs im Finanzdienstleistungsbereich ist kaum zu übertreffen. Das Land beheimatet 130 Banken sowie Europas größte Investmentfondsbranche und entwickelt zunehmend angrenzende Geschäftsbereiche, wie etwa alternative Anlagen.

Bevölkerungswachstum und steigende Pensionsverpflichtungen

An der Oberfläche zeigen sich jedoch erste Risse. Der wirtschaftliche Erfolg hat den Zuzug verstärkt, und die Bevölkerung wächst um mehr als 2 % pro Jahr. Luxemburg ist auf diese Steigerungsrate angewiesen, damit das Rentensystem des Landes nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Hierfür ist jedoch ein permanentes Wachstum der berufstätigen Bevölkerung erforderlich, und im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern beziehen viele Rentner ihre Pensionen im Ausland. Dies führt dazu, dass die gezahlten Renten nicht in die heimische Wirtschaft zurückfließen.

Den meisten Analysten erscheint das System daher zu großzügig, um längerfristig unverändert beibehalten werden zu können. Wenn die Wirtschaft weiter mit der aktuellen Geschwindigkeit wächst, steigt die Bevölkerung des Landes bis spätestens 2050 auf eine Million Einwohner. Das ist dreimal so viel wie 1980 und ein deutlicher Anstieg gegenüber den 615.000 Einwohnern Anfang 2019.

Bisher wachsen die Wirtschaft sowie die Zahl der Einwohner und der berufstätigen Bevölkerung – einschließlich der rund 200.000 Grenzgänger, die Ende 2018 mehr als 45 % der Berufstätigen ausmachten – im Gleichschritt. Im Hinblick auf die Luxemburger Infrastruktur zeigen sich jedoch zunehmend Probleme. Dies gilt vor allem für die galoppierenden Wohnkosten, da die Nachfrage nach Wohnraum das Angebot übersteigt. Die Immobilienpreise gehören insbesondere in der Hauptstadt zu den höchsten in ganz Europa.

Dies führt wiederum zu einer steigenden Belastung der Verkehrsinfrastruktur. Die staatlichen Investitionen in den Straßen- und Schienenverkehr waren unzureichend. Pendler berichten von größeren Zugverspätungen sowie überfüllten Waggons, und die Straßen des Landes sind aufgrund des in den vergangenen Jahrzehnten gestiegenen Verkehrsaufkommens überlastet. Die Regierung hat zwar seit 1. März 2020 die Einführung des kostenlosen Nahverkehrs beschlossen, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Maßnahme die Probleme deutlich lindern wird.

Finanzdienstleistungsbereich im Wandel

Unterdessen steht der wichtigste Sektor des Landes vor großen Herausforderungen. Die Wirtschaft hängt stark von der Finanzdienstleistungsbranche ab, die rund ein Drittel des BIP erwirtschaftet. Der Sektor hat es geschafft, sich nach der globalen Finanzkrise schnell und effektiv an regulatorische und steuerliche Entwicklungen anzupassen. Bisher hat er die verschiedenen Umwälzungen der Branche erfolgreich gemeistert und von den Brexit-bedingten Standortverlagerungen von Großbritannien in andere EU-Länder profitiert.

Bisher hat er die verschiedenen Umwälzungen der Branche erfolgreich gemeistert und von den Brexit-bedingten Standortverlagerungen von Großbritannien in andere EU-Länder profitiert.

Der Finanzdienstleistungssektor steht jedoch überall vor tiefgreifenden Veränderungen, die auch an Luxemburg nicht spurlos vorbeigehen werden. In der Vergangenheit war der Finanzsektor, dank der Unterstützung des Gesetzgebers, pragmatisch und effizient, und konnte sich rasch weiterentwickeln. Wir sind überzeugt, dass er sich auch heute noch, im Zusammenhang mit der Automatisierung bestimmter Aufgaben sowie der Einführung innovativer Fintech-Lösungen, intelligent positionieren kann. Im Kontext der globalen Gesundheitskrise ist die gute Nachricht, dass Banken diesmal eindeutig Teil der Lösung sind.

Innovation und Produktivität

Eine Antwort auf diesen Druck lautet Diversifizierung. Seit mehreren Jahrzehnten bemühen sich die jeweiligen Regierungen um eine Diversifizierung weg von Finanzdienstleistungen und hin zu weniger personalintensiven Sektoren, wie der IT-, der Biotechnologie- und sogar der Weltraumtechnologiebranche. Wenn sich das Wachstum auf Wirtschaftssektoren verlagern würde, in denen die Wertschöpfung nicht davon abhängt, dauerhaft große Zahlen von Mitarbeitern anzulocken, ließe sich das Problem des Bevölkerungswachstums lindern.

Luxemburg hat erhebliche Anstrengungen unternommen, um sich einen Namen als Technologiezentrum zu machen. Große Technologie- und Telekommunikationskonzerne, wie Amazon, iTunes, Skype, Vodafone und PayPal, haben aufgrund der vorteilhaften Besteuerung von Unternehmen und der Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Experten im Laufe der Jahre ihre europäischen Zentralen nach Luxemburg verlagert. Die staatlichen Investitionen in Glasfaserkabel zwischen Luxemburg und anderen europäischen Zentren haben dazu beigetragen, Spieleunternehmen wie Zynga und OnLive anzuziehen.

Die Regierung verfügt über Kontakte ins Silicon Valley, und PwC hat beschlossen, sein Accelerator-Programm in Luxemburg anzusiedeln. Dabei handelt es sich um eine zentrale EU-weite Basis, die lokale und globale Start-ups unterstützt, die verschiedene externe Branchen, wie den Technologie- und den Finanzsektor, an einen Tisch bringen wollen. Cloud-Angebote, unter anderem von Anbietern wie LuxCloud, haben bereits beachtliche Erfolge erzielt.

Aufbruch ins All

Ein Bereich für potenzielles Wachstum, der mehr Abenteuer verspricht, ist die Weltraumtechnik. In den 1980er Jahren wurde in Luxemburg der Satellitenrundfunkdienst SES gegründet, der mittlerweile zu einem der weltweit größten Akteure des Sektors geworden ist. Heute prüfen die Behörden das Interesse von Technologien wie etwa Asteroidenbergbau oder Möglichkeiten zur Erdbeobachtung und -verfolgung. Hierzu wurde 2018 die Weltraumagentur Luxembourg Space Agency gegründet, die Innovationen in raumfahrtbezogenen Bereichen fördern soll.

Doch nicht alle Diversifizierungsversuche waren von Erfolg gekrönt. Versuche, ein Zentrum für Automobiltechnologie zu gründen, das etablierte Aktivitäten wie die Forschung und Entwicklung im Reifenbereich sowie die Produktion von Reifen und anderen Kraftfahrzeugkomponenten vereinen sollte, wurden von den Umwälzungen innerhalb des Sektors konterkariert. Heute konzentrieren sich die Hersteller auf die Möglichkeiten von elektrischen Antrieben und autonomen Fahrzeugen.

Andere Teile der Wirtschaft, insbesondere die ehemals dominierende Stahlindustrie, verlieren aufgrund sinkender Nachfrage und einer Flut von Importen aus Niedrigkostenländern nach Europa weiter an Bedeutung. Die politischen Entscheidungsträger des Landes sind sich der Herausforderungen bewusst und suchen weiterhin nach wirtschaftlichen Nischen, in denen die sozioökonomische Stabilität, die Agilität in politischen Fragen und die Anpassungsfähigkeit Luxemburgs an neue internationale Entwicklungen einen Wettbewerbsvorteil darstellen.

Die politischen Entscheidungsträger des Landes suchen weiterhin nach wirtschaftlichen Nischen, in denen die sozioökonomische Stabilität und Agilität Luxemburgs einen Wettbewerbsvorteil darstellen.