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August 3, 2021

Soll ich mich selbstständig machen?

COVID-19 war der Auslöser für das größte Homeoffice-Experiment aller Zeiten. Wer es genossen hat, mehr Zeit für die Familie zu haben, seinen Arbeitsalltag flexibler gestalten zu können und nicht mehr pendeln zu müssen, denkt vielleicht darüber nach, sich diese Vorteile durch eine Selbstständigkeit dauerhaft zu sichern.

Andererseits wurden während der Pandemie auch die Nachteile der Selbstständigkeit offensichtlich. Wenn plötzlich die Aufträge ausbleiben, kann man schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Zwar wurden Hilfen für Selbstständige beschlossen. Diese fielen in den meisten Fällen jedoch eher gering aus. Man kann gewisse Risiken minimieren, doch jeder, der eine selbstständige Tätigkeit in Betracht zieht, sollte einige Punkte beachten.

1. Sich selbst kennen

Sie müssen sich nicht unbedingt auf die Couch eines Psychiaters legen, um herauszufinden, ob eine selbstständige Tätigkeit das Richtige für Sie ist. Gemäß einer Studie des MIT haben erfolgreiche Selbstständige oft bestimmte Charaktereigenschaften, unter anderem Selbstvertrauen, ein hohes Verantwortungsgefühl, wenig Angst vor dem Scheitern und Toleranz gegenüber Unsicherheit.

Überzeugungsvermögen und Verhandlungsgeschick sind für Selbstständige unerlässlich: Sie müssen Preise aushandeln, Kunden gewinnen und Bedingungen vereinbaren. Hiermit haben sehr kreative Menschen oft Schwierigkeiten. Andererseits werden Sie möglicherweise auch viel Zeit alleine verbringen. Für Introvertierte mag dies das Richtige sein, es kann aber auch zu einem Gefühl der Einsamkeit führen. Vielleicht bietet sich dann die Arbeit im Coworking-Space oder eine Geschäftspartnerschaft an. Allerdings muss sich dies auch finanziell rechnen.

Sich seine Arbeitszeit selbst einteilen zu können, mag verführerisch sein. Doch bei einer selbstständigen Tätigkeit erhält man nur dann Geld, wenn man arbeitet.

2. Zeitmanagement

Sich seine Arbeitszeit selbst einteilen zu können, mag verführerisch sein. Doch bei einer selbstständigen Tätigkeit erhält man nur dann Geld, wenn man arbeitet. So bedeutet ein Urlaub auch immer einen Verdienstausfall, während Angestellte Anspruch auf bezahlten Urlaub haben. Außerdem ist es sehr schwierig, Aufträge abzulehnen, und selbst erfahrene Selbstständige fürchten, in diesem Fall Kunden zu verlieren. Somit haben Sie möglicherweise längere Arbeitszeiten. Sie haben dann zwar keinen Chef mehr über sich, müssen es dafür aber den Kunden recht machen.

3. Besteuerung

Finanzielle Disziplin ist eine wichtige Eigenschaft von Selbstständigen. Die Steuern werden nicht jeden Monat automatisch von Ihrem Gehalt abgezogen. Es liegt in Ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sie gezahlt werden. Für Selbstständige kommen vor allem Einzelunternehmen, Personengesellschaften und die Gesellschaft mit beschränkter Haftung als Rechtsform infrage. Für jede Struktur gelten eine unterschiedliche Besteuerung und unterschiedliche Meldefristen. In vielen Ländern ziehen die Steuerbehörden jeden Monat einen bestimmten Betrag ein, wobei am Ende des Steuerjahres noch eine abschließende Abrechnung erfolgen kann.

Sie sollten auch sicherstellen, dass Sie weiterhin Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen haben, insbesondere auf gesetzliche Rentenleistungen. Die Beiträge können zusammen mit der Einkommensteuer eingezogen werden. Wenn Sie als Gesellschaft mit beschränkter Haftung tätig sind, ist es etwas komplizierter. Hier tragen Sie die Verantwortung dafür, dass die Zahlungen pünktlich geleistet werden.

4. Mehrwertsteuer

Gesellschaften und Einzelunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 35.000 Euro müssen sich in Luxemburg für die Mehrwertsteuer registrieren. Dies bringt bestimmte Meldepflichten mit sich, bedeutet aber auch, dass Sie die Ihnen in Rechnung gestellte Mehrwertsteuer abziehen können. Der normale Mehrwertsteuersatz in Luxemburg beträgt 17 %. Für wesentliche Güter wie Heizung und Beleuchtung, Mietzahlungen und Kraftstoff gelten ermäßigte Steuersätze.

Die private Altersvorsorge lässt sich relativ einfach umsetzen und sollte Teil der Finanzplanung von Selbstständigen sein.

5. Altersvorsorge

Wenn Sie die Sicherheit einer Festanstellung aufgeben, verzichten Sie nicht nur auf ein regelmäßiges, festes Gehalt, sondern auch auf verschiedene andere Leistungen, darunter häufig eine betriebliche Altersvorsorge, Krankenversicherung und Todesfallleistungen, sowie auf mögliche Extras wie die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio.

Für Selbstständige besteht die Gefahr einer unzureichenden Altersvorsorge. Doch die private Altersvorsorge lässt sich relativ leicht umsetzen und sollte Teil der Finanzplanung von Selbstständigen sein. Gut zu wissen, dass das System der Zusatzrente in Luxemburg, das bisher Arbeitnehmern vorbehalten war, seit 2019 auch Selbstständigen offensteht.

6. Ihre Familie

Wenn Sie während Ihrer Tätigkeit für ein Unternehmen eine schwere Verletzung erleiden, erkranken oder sterben, erhält Ihre Familie in den meisten Fällen einen bestimmten Pauschalbetrag (in der Regel ein Vielfaches des Gehalts), der es ihr ermöglichen dürfte, zumindest kurzfristige finanzielle Schwierigkeiten zu überbrücken. Bei einer selbstständigen Tätigkeit ist dies nicht der Fall. Dieses Problem lässt sich leicht durch eine Versicherung gegen Tod, Unfall, Krankheit oder Invalidität lösen. Die Versicherungsbeiträge sind für Unternehmen steuerlich abzugsfähig.

Sie sollten auch kurzfristige Auswirkungen auf Ihre Haushaltsfinanzen berücksichtigen. Vor der Bewilligung eines Wohnungsbaudarlehens wollen Banken in der Regel die Kontoauszüge der letzten zwei oder drei Jahre sehen. Deshalb kann es sinnvoll sein, abzuwarten oder eine Hypothek zu beantragen, solange Sie sich noch im Angestelltenverhältnis befinden.

7. Karriereentwicklung

Bei einer Unternehmenskarriere gibt es einen typischen Weg. Optimales Szenario: Sie klettern die Karriereleiter hoch, werden nach und nach befördert und gehen schließlich in den Ruhestand, idealerweise mit einer komfortablen Rente, die größtenteils von Ihrem Arbeitgeber finanziert wird. Bei einer selbstständigen Tätigkeit ist der Weg nicht vorgezeichnet. Dies macht zwar einen Teil des Reizes der Selbstständigkeit aus, kann aber auch ein Umdenken erfordern.

8. Organisation und Auszahlung eines Gehalts

Bei diesen Fragen herrscht zu Beginn möglicherweise Unsicherheit. Es kann einige Zeit dauern, bis sich Ihr Unternehmen am Markt etabliert hat, und die Vorzüge der verschiedenen Optionen können sich im Laufe der Zeit ändern. Doch die Gründung eines Unternehmens kann erhebliche steuerliche Vorteile mit sich bringen: eine Körperschaftsteuer in Höhe von 17 % (15 % bei einem Umsatz von unter 175.000 Euro) und die Absetzbarkeit von Ausgaben. Allerdings fällt im Großherzogtum auch eine Solidaritätssteuer von 7 % und in Luxemburg-Stadt eine kommunale Gewerbesteuer von 6,75 % an. Außerdem entsteht in den meisten Fällen ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand – sofern Ihre Einnahmen hoch genug sind, lohnt sich häufig die Beschäftigung eines Buchhalters.

Zwar hat eine Selbstständigkeit sowohl Vor- als auch Nachteile, insbesondere was administrative Aspekte betrifft, sie bietet aber fast immer eine Möglichkeit für eine bessere Work-Life-Balance. Zu wissen, dass sich harte Arbeit direkt im Einkommen niederschlägt, kann ebenfalls sehr befriedigend sein. Manche Menschen empfinden dies als äußerst motivierend im Vergleich zur Arbeit in einem großen Unternehmen. Wenn Sie im administrativen Bereich die richtigen Maßnahmen ergreifen, können Sie Ihre Freiheiten genießen.

Finanzielle Disziplin ist eine wichtige Eigenschaft von Selbstständigen. Die Steuern werden nicht jeden Monat automatisch von Ihrem Gehalt abgezogen. Es liegt in Ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sie gezahlt werden.