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Mai 18, 2021

Anlegen: Kann einer alleine Recht haben?

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST März 18, 2021 13

Um in der Investmentbranche gute Entscheidungen treffen zu können, ist es essentiell, über verlässliche und relevante Informationen zu verfügen, anhand derer die wirtschaftlichen Hintergründe ermittelt werden können. Tatsächlich gibt es häufig eine Flut schädlicher Informationen – eine sogenannte Informationskaskade –, die letzten Endes auf breite Zustimmung stößt. Es ist somit durchaus keine Garantie für Rentabilität, sich der Mehrheit anzuschließen.

In einem Artikel über das Herdenverhalten vieler Anleger konnten wir die Verhaltensmechanismen aufzeigen, die Anleger dazu verleiten, einem vorübergehenden Trend zu folgen, auch wenn sie diesen nicht als rational begründet betrachten. Im vorliegenden Artikel möchten wir das weiter vertiefen und daran erinnern, dass eine schöne Geschichte, die von der Mehrheit der Anleger übernommen wird, nicht unbedingt die Tatsachen widerspiegelt. Nicht alle schönen Geschichten auf den Märkten nehmen ein gutes Ende.

Bevor wir Sie zu dazu ermutigen, eine gewisse Unabhängigkeit zu entwickeln, erlauben wir uns, eine Warnung voranzustellen. In der Investmentbranche braucht es nicht nur einen klaren Blick und eine rationelle Analyse der Situation, der Finanzmarkt sollte auch dieselbe Sichtweise vertreten – vorzugsweise nicht allzu lange nach Ihnen. So kann es zum Misserfolg führen, wenn Sie zu früh Recht haben, aber nicht in der Lage sind, lange an Ihrer Position festzuhalten. Wie Keynes es so schön ausdrückte: „Die Märkte können länger irrational bleiben, als Sie oder ich solvent.“

Die Mehrheit hat bei weitem nicht immer Recht

Was also tun, wenn Sie A denken und die Mehrheit B denkt? Die Antwort ist folgende: Wenn Sie gute, fundierte Gründe für Ihre Meinung haben, ist es manchmal lohnenswert, das schwarze Schaf zu spielen und in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. In der Tat ist nicht die Anzahl der Personen ausschlaggebend, die diese oder jene Position vertreten, sondern es sind die Argumente, auf die sich die jeweilige Position stützt. Und durch das Analysieren genau dieser Argumente lässt sich feststellen, dass viele Anleger Opfer schädlicher Informationskaskaden sind.

Eine Informationskaskade kommt zustande, wenn unsere Entscheidung einzig und allein auf den Entscheidungen anderer beruht, ohne dass wir deren Beweggründe kennen.

Dieses berühmte Phänomen der „Informationskaskaden“ wurde von den drei Wirtschaftswissenschaftlern Sushil Bikhchandani, David Hirshleifer und Ivo Welch definiert. Eine Informationskaskade kommt zustande, wenn wir eine Entscheidung treffen, die einzig und allein auf den Entscheidungen anderer beruht – unabhängig von deren jeweiligen Beweggründen. Daraufhin treffen wiederum andere Personen dieselbe Entscheidung, weil wir sie getroffen haben, und so nimmt das Ausmaß dieser Kaskaden rapide zu. Das Problem dabei ist, dass die Mehrheit der Einzelpersonen, die vom Tumult solcher Informationskaskaden mitgerissen werden, denkt, dass die anderen ihre Entscheidungen auf der Grundlage von verlässlichen und relevanten Informationen getroffen haben.

Das Risiko der Blasenbildung auf dem Markt steigt, sobald jeder Einzelne glaubt, sich die Mühe der Reflexion in der Annahme sparen zu können, dass ein anderer sich diese Mühe an seiner Stelle gemacht hat. Entscheidungsfehler treten in solchen Kaskaden dann auf, wenn niemand es mehr wagt, seine Meinung kundzutun, vor allem wenn sich diese wesentlich von der der anderen unterscheidet. Wie eine Herde Schafe rennen alle in die gleiche Richtung. Keiner weiß warum, aber jeder geht davon aus, dass die anderen es wissen.

Die Folgen dieser Informationskaskaden können dramatisch sein; sie können Spekulationsblasen oder gar regelrechte Katastrophen erzeugen.

Schweigen ist nicht immer Gold

Die Folgen dieser Informationskaskaden können dramatisch sein; sie können Spekulationsblasen oder gar regelrechte Katastrophen erzeugen. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Raumfähre Challenger, die 1986 mit einer Explosion der Shuttle-Booster ein tragisches Ende nahm. Im Anschluss wurden Untersuchungen durchgeführt, um zu ergründen, wie es zu dem Unfall hatte kommen können. Und es stellte sich heraus, dass eine Informationskaskade zu den Hauptursachen für die Katastrophe gehört.

So fürchtete einer der Experten des Ingenieurteams ein reales Fehlschlagsrisiko, wagte aber nicht, dies bei der Sitzung am Tag vor dem Start anzusprechen. Angesichts einer sehr strikten Hierarchie fühlte sich diese Person nicht selbstsicher genug, um das Wort zu ergreifen und eine Meinung zu äußern, die der Kaskade widersprach. Die Untersuchung nach dem Unfall ergab sogar, dass alle Ingenieure, die bei dieser Sitzung zugegen gewesen waren, das Fehlschlagsrisiko des Shuttle-Boosters für real gehalten hatten. Dennoch stellten sie sich alle gemeinsam, ohne mit der Wimper zu zucken, hinter die dominierende Auffassung, der Start solle durchgeführt werden. Angesichts des Gruppenzwangs sagten also alle ja, auch wenn sie eine gegensätzliche Meinung vertraten.

Nur weil eine Geschichte schön ist, ist sie noch lange nicht wahr

Die Moral dieser dramatischen Geschichte gilt auch für Anleger: Nur weil eine Geschichte schön ist, ist sie noch lange nicht wahr. Die Mehrheitsmeinung, der Anlagetrend eines Augenblicks, der weitgehend auf Fachmedien, Meinungsplattformen und sozialen Netzwerken beruht, stützt sich nicht unbedingt auf eine solide wirtschaftliche Basis. Es kommt vor, dass es sich ausschließlich um das Produkt einer Informationskaskade handelt, die aufgrund einer exzessiven Begeisterungswelle entstanden ist.

Nehmen Sie sich daher vor selbsternannten „Finanzgurus“ in Acht, die sicherlich viele „Fans“ haben, aber ihre Meinung nie begründen, was eine Analyse der Quellen und der Qualität dieser Meinung erschwert. An anderer Stelle haben wir ein Prinzip erläutert, das man stets im Hinterkopf behalten sollte: „Garbage in, Garbage out!“. Das bedeutet, wenn man in ein System schlechte bzw. falsche Daten eingibt, kann dieses auch keine zuverlässigen Indikatoren ausgeben. Es sei daran erinnert, dass man einer verpassten Anlagechance zwar für ein paar Tage nachtrauert, eine schlechte Anlage hingegen sein ganzes Leben lang bereut.

Einer verpassten Anlagechance trauert man für ein paar Tage nach, eine schlechte Anlage hingegen bereut man sein ganzes Leben lang.

Dass Sie Zweifel haben und mit Ihrer Meinung allein dastehen, bedeutet nicht, dass diese automatisch falsch sein muss. Wenn Ihre Argumente fundiert sind, versuchen Sie, Ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten und nicht der Verlockung nachzugeben, sich der Meinung der anderen anzuschließen. Analysieren Sie ein letztes Mal rational die Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Hat sich nach der Analyse Ihr erster Eindruck nochmals bestätigt? Haben Sie vertrauenswürdige und sachkundige Kontakte, die Ihnen zustimmen? Wenden Sie sich an einen Finanzberater Ihres Vertrauens. Dieser hilft Ihnen dabei, Ihre abweichende Meinung in eine gewinnbringende Anlage zu verwandeln.

Doch Vorsicht! Schwimmen Sie nicht einfach aus Prinzip gegen den Strom. Momentane Trends sind nicht unbedingt etwas Schlechtes. Wenn Sie sich davon überzeugen können, dass sie auf soliden wirtschaftlichen Fundamentaldaten beruhen, können Sie sich ihnen problemlos anschließen.

Abschließend sei gesagt, dass es manchmal sein Gutes hat, das schwarze Schaf zu sein, das unbeirrt an seiner langfristigen Strategie festhält, auch wenn die Herde der weißen Schafe den Trend des Augenblicks vorzieht, die kurzfristigen Aussichten auf der schlichten Grundlage eines kollektiven, selbstverstärkenden Enthusiasmus. Wir gehen nicht so weit, zu versichern, dass einer allein wirklich Recht haben kann. Es ist nicht unsere Absicht, Ihnen zu sagen, wie und wo Sie investieren sollen. Wir möchten Sie lediglich dazu ermutigen, stets sicherzustellen, dass Sie nicht kurz davor sind, auf irrationale Weise zu investieren.