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Mai 26, 2019

Die Illusion des perfekten Market Timing

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST Februar 18, 2019 83

Erfolgreich anzulegen scheint auf den ersten Blick eine grundlegend einfache Sache: Man sollte regelmäßige, langfristige Einlagen tätigen und sich nicht dazu hinreißen lassen, die Marktbewegungen vorauszusagen. Der Fallstrick liegt allerdings darin, dass viele Anleger diese Regeln nicht befolgen: Sie sind überzeugt, dass sie ihre Anlagen bei fallenden Märkten gewinnbringend verkaufen können und einfach wieder einsteigen, wenn sie mit einer Erholung rechnen. myLIFE erklärt Ihnen, warum diese Einstellung für Sie eines der größten Hindernisse beim Aufbau eines langfristigen Vermögens darstellen kann.

Dieses Thema Market Timing ist derzeit höchst aktuell, denn die Märkte sind seit Anfang 2018 rückläufig – einige Segmente wie die Schwellenmärkte sogar um 10 % oder mehr. Viele Anleger fragen sich sicherlich, ob sie ihre Verluste durch Verkäufe begrenzen sollten, während andere ihren Enthusiasmus verloren haben, weiter an den Aktienmärkten zu spekulieren. Gemäß dem Dachverband der europäischen Investmentfonds-Verbände EFAMA sind die Nettoverkäufe von Aktienfonds von noch 9 Mrd. Euro im Juli auf 5 Mrd. Euro im Oktober zurückgegangen.

In Anbetracht des oben Erklärten ergibt dies allerdings keinen Sinn. Warum sollten Anleger im Juli eher bereit gewesen sein zu kaufen, wo doch die Vermögenswerte rund 8 % teurer waren? Ob Automobile oder Häuser – an nahezu keinem anderen Markt sind die Anleger so sehr gewillt zu kaufen, wenn die Preise höher sind. In den meisten anderen Lebensbereichen sind sie stets darauf bedacht, ein Schnäppchen zu machen. Doch wenn es um Anlagen an den Aktienmärkten geht, scheinen erstaunliche psychologische Kräfte am Werk zu sein …

Kann Arbitrage funktionieren?

Forscher aus dem Bereich der verhaltenswissenschaftlichen Finanzmarktforschung haben im Rahmen umfangreicher Studien untersucht, warum Anleger irrational vorgehen und bei Märkten mit niedrigen Kursen verkaufen und bei Märkten mit hohen Kursen wiedereinsteigen. In der Theorie sollte sich durch die Bestimmung des jeweils günstigsten Ein- und Ausstiegszeitpunkts ein maximaler Gewinn erzielen lassen. So wäre beispielsweise ein Anleger, der Anfang des Jahres seine Anlage in einem Schwellenländerfonds veräußert und seine Gewinne in bar einbehalten hat, um 10 % besser gestellt, als wenn er investiert geblieben wäre. Ein Anleger wiederum, der clever genug war, im März 2009 angelegt zu haben, als die Märkte infolge der globalen Finanzkrise an ihrem Tiefpunkt waren, hätte im Laufe der darauffolgenden Jahre beachtliche Gewinne realisiert.

John Authers von der Financial Times testete ein simples Modell, das darauf beruhte, zwischen zwei börsengehandelten Fonds (ETFs) – Long-Position auf den SPY (S&P 500) und Short-Position auf den TLT (langfristige Anleihen) und umgekehrt – umzuschichten, und zwar ab dem Zeitpunkt des Einmarschs der USA in den Irak 2003. Er kam zu dem Schluss, dass ein Anleger im Laufe der 15 Jahre nur fünf Umschichtungen hätte vornehmen müssen, um aus 100 US-Dollar stolze 5.888 US-Dollar zu machen. Demgegenüber hätte eine durchgehend gehaltene Anlage im S&P gerade einmal 440 US-Dollar eingebracht.

Die meisten Anleger beginnen bei dem geringsten Anzeichen von Panik zu verkaufen und sind überzeugt, dass an den Märkten gerade ein langfristiger Abwärtstrend einsetzt.

Das Problem hierin ist allerdings, dass das Ergebnis im Nachhinein berechnet wurde und man hinterher immer klüger ist – die überwiegende Mehrheit der Anleger wäre kaum bis gar nicht dazu in der Lage gewesen, diese Umschichtungen im richtigen Augenblick vorzunehmen. Die meisten von ihnen beginnen bei dem geringsten Anzeichen von Panik zu verkaufen und sind überzeugt, dass an den Märkten gerade ein langfristiger Abwärtstrend einsetzt. Es ist, wie der berühmte amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Samuelson bereits treffend feststellte: „Der Aktienmarkt hat neun der letzten fünf Rezessionen vorhergesagt.“ Die Märkte verhalten sich häufig irrational, und bei dem geringsten Anzeichen von Panik zu verkaufen bedeutet, eine mögliche Erholung des Aktienkurses oder Dividenden zu verpassen.

Dies ist ein ernstzunehmendes Problem, denn die Märkte haben die Angewohnheit, nach plötzlichen Ausverkäufen wieder rapide anzusteigen. Gemäß der US-amerikanischen Unternehmensgruppe Putnam Investments konnten Anleger, die Ende 2002 10.000 US-Dollar in den S&P 500 investierten und in dieser Anlage während der darauffolgenden 15 Jahre vollständig investiert blieben, einen Anstieg auf 41.333 US-Dollar erzielen. Dies ist knapp das Doppelte des Ergebnisses, das Anleger, die in diesem Zeitraum die 10 besten Tage des Marktes verpasst haben, erzielt hätten (20.873 US-Dollar).

In vielen Fällen, so Putnam, folgten diese „besten Tage“ unmittelbar auf einen Ausverkauf, wie beispielsweise im Falle der dreitägigen Rally im Anschluss an den dramatischen Einbruch nach dem Brexit-Votum Großbritanniens 2016, oder der Panik am Markt, als Standard & Poor’s das Rating US-amerikanischer Staatsanleihen heruntergestuft hatte.

Das zentrale Problem, so sind sich die Verhaltensforscher einig, besteht darin, dass sich Anleger in ihren Entscheidungen gerne wie eine Herde verhalten (…), auch wenn es für sie eigentlich gerade wesentlich lohnenswerter wäre, gegen den Strom zu schwimmen.

Über Herdenverhalten und Selbstgefälligkeit

Das zentrale Problem, so sind sich die Verhaltensforscher einig, besteht darin, dass sich Anleger in ihren Entscheidungen gerne wie eine Herde verhalten. Zu Zeiten, als der Mensch noch in der afrikanischen Savanne auf Jagd ging, war Herdenverhalten noch durchaus sinnvoll, da dies dem Schutz vor Fressfeinden diente. Doch dieser tief verwurzelte Instinkt ist keinesfalls mehr hilfreich, wenn es um das Thema Investieren geht und es eigentlich gerade wesentlich lohnenswerter wäre, gegen den Strom zu schwimmen.

Des Weiteren neigt der Mensch zur Überreaktion auf sowohl positive als auch negative Meldungen – und er überschätzt gern seine Fähigkeiten, die Entwicklungen der Märkte vorauszusagen. Auch dieses Phänomen kennen wir aus anderen Lebensbereichen: 82 % der jungen Autofahrer in den USA würden sich selbst in Sachen Sicherheit den Top 30 % ihrer Gruppe von Befragten zurechnen – analog dazu wird von Unternehmern die Aussicht, dass ihr Unternehmen Erfolg haben wird, gewaltig überschätzt.

Untersuchungen aus dem Bereich der verhaltenswissenschaftlichen Finanzmarktforschung legen nahe, dass sich die Tendenz zur Überreaktion unter Belastung und bei höherem Einsatz sogar besonders zuspitzt, so beispielsweise bei nahendem Ruhestand, dem Treffen wichtiger Entscheidungen für seine Kinder oder in Zeiten unsicherer Konjunkturbedingungen, wenn die Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Diese Verhaltenszüge sind nicht ohne finanzielle Folgen für das reale Leben. Das US-amerikanische Beratungsunternehmen Dalbar publiziert jährlich eine Studie mit dem Titel „Quantitative Analysis of Investor Behavior“, aus der jedes Mal neu hervorgeht, dass Anleger falsche Entscheidungen treffen und dadurch Geld verlieren. Das heißt, sie erhalten nicht die ausgewiesenen Renditen der Fonds, in die sie investieren, sondern einige Prozentpunkte weniger, da sie die Angewohnheit haben, zum falschen Zeitpunkt zu kaufen und zu verkaufen.

Gemäß Dalbar beträgt die über 20 Jahre annualisierte Rendite des S&P 500 mehr als 8 %, wohingegen der durchschnittliche Anleger lediglich eine Rendite von rund 4,7 % erwirtschaftet hat. Wenn sich diese Differenz nun über einige Jahre hinweg kumuliert, kann dies einen deutlichen Unterschied in Bezug auf die Höhe des langfristigen Kapitals machen. Wächst eine Anlage von 50.000 Euro über 20 Jahre um 8 % an, so ergibt sich daraus ein Endkapital von 233.048 Euro, wohingegen es bei einem Wachstum um 4,7 % lediglich 125.286 Euro wären.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass bei der Arbitrage durch den Kauf und Verkauf von Anlagen Kosten anfallen, die ebenfalls die Renditen schmälern. Ganz zu schweigen von den Opportunitätskosten, die dadurch entstehen, dass man nicht mehr im Markt investiert ist.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass bei der Arbitrage durch den Kauf und Verkauf von Anlagen Kosten anfallen, darunter Transaktions- und Maklergebühren, die ebenfalls die Renditen schmälern. Ganz zu schweigen von den Opportunitätskosten, die dadurch entstehen, dass man nicht mehr im Markt investiert ist. Nur wenige Anleger berücksichtigen diese Kosten tatsächlich bei ihren Anlageentscheidungen. Doch 0,5 % mehr oder weniger hier und da können sich im Laufe der Zeit anhäufen und deutlich bemerkbar machen, insbesondere wenn bei der Umschichtung keine nennenswerten Gewinne erwirtschaftet werden.

Investiert bleiben

Die Struktur der Investmentbranche trägt verhältnismäßig wenig dazu bei, die Anleger dazu zu animieren, investiert zu bleiben. Wenn überhaupt, dann scheinen einige Sektoren darum bestrebt, das Market Timing so schnell und effizient wie möglich zu machen. So können theoretisch börsengehandelte Fonds (ETFs) in Minutenschnelle gehandelt werden, genau wie Aktien, was allerdings zu übertrieben häufigen Umschichtungen verleitet.

Einige Vermögensverwaltungsunternehmen haben daher Gebührenstrukturen geschaffen, die den Anlegern Anreize bieten, in schwierigen Zeiten investiert zu bleiben, wie beispielsweise in Form einer niedrigeren Jahresgebühr in angespannten Zeiten am Markt oder bei schlechter Wertentwicklung des Fonds gegenüber der Benchmark. Obwohl diese Maßnahmen oftmals kompliziert sind, können sie eine willkommene Neuerung gegenüber dem Standardgebührenmodell darstellen.

So deutet also unter dem Strich alles darauf hin, dass der erfolgreichste Weg zum Aufbau eines Vermögens letztendlich darin besteht, regelmäßige Beträge anzusparen, das Portfolio richtig auf die eigenen langfristigen Ziele auszurichten … und es einfach so zu belassen! Das Streben nach perfektem Market Timing ist und bleibt ein erfolgloses Unterfangen.