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Dezember 5, 2020

Geschichten, die uns in Anlagefragen (ver)leiten

In der Investmentbranche kursieren zahlreiche Sprüche, die nahezu niemand mehr infrage stellt und die das Verhalten vieler wenig erfahrener Anleger beeinflussen. Die interessante Frage in diesem Zusammenhang lautet, inwieweit man diesen unablässig wiederholten Geschichten bei Entscheidungen in Anlagefragen tatsächlich trauen kann.

myLIFE hat bereits mehrfach über kognitive Verzerrungen berichtet, die unseren Entscheidungsfindungsprozess bei Investitionen beeinflussen. Neben diesen Verzerrungen gibt es eine ganze Reihe von geflügelten Wörtern, die wir hin und wieder für bare Münze nehmen, um uns bei unseren Anlageentscheidungen leiten zu lassen oder um diese zu rechtfertigen. Sie kennen mit Sicherheit einige davon, wie etwa „Gold ist der Fluchtwert schlechthin“ oder „Kryptowährungen gehört die Zukunft“. Andere Sprüche waren noch vor wenigen Jahren an der Tagesordnung, wurden jedoch mittlerweile von der Realität widerlegt. Ein besonders prägendes Beispiel war die in den USA weit verbreitete Ansicht, dass die Preise von Immobilien nur steigen könnten. Diese Annahme führte letztendlich zur fatalen Subprime-Krise von 2008.

Doch wie kommt es dazu, dass sich diese Erzählungen immer wieder verbreiten? Robert J. Shiller, der für seine Forschung zur Irrationalität von Kursschwankungen an den Märkten mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat sich dieser Frage gewidmet. Seinen Ausführungen zufolge ist es für die Mehrheit der Menschen schwierig oder sogar unmöglich zuzugeben, dass Marktbewegungen manchmal auf zufällige Ereignisse zurückzuführen sind.

Wir glauben lieber an Informationen, die den allgemeinen Diskurs bestätigen, als auch jene Hinweise ernsthaft zu berücksichtigen, die diesen widerlegen.

Die Verhaltensökonomie hat gezeigt, dass wir uns gerne Geschichten erzählen und dort nach Sinn suchen, wo es vielleicht gar keinen gibt. Wir wollen wissen, warum ein Ereignis eingetreten ist, selbst wenn das bedeutet, dass wir dessen Ursache erfinden müssen. Das Problem liegt darin, dass wir ausgehend von dieser Grundlage Informationen bereits im Kopf sortieren und lieber jene Informationen hervorheben, die den allgemeinen Diskurs bestätigen, als auch jene Hinweise ernsthaft zu berücksichtigen, die diesen widerlegen.

Die zwischen unzähligen Wirtschaftsakteuren ausgetauschten Geschichten vereinen sich im Laufe der Zeit und bilden damit die Grundlage für das, was Shiller als „ökonomische Narrative“ bezeichnet. Hierzu zählen angebliche Branchenweisheiten wie jene über Gold oder in jüngerer Zeit über Kryptowährungen. Doch welche Beweise gibt es für die Richtigkeit dieser Erzählungen? Welche Informationen haben Sie, um diese Geschichten als derart glaubwürdig einzustufen, dass Sie Ihre Anlageentscheidungen davon abhängig machen? Und was würden Sie tun, wenn Ihnen klar werden würde, dass diese Behauptungen jeglicher Grundlage entbehren?

Gemäß Shiller beruht die Realität an den Märkten manchmal auf Erzählungen. Da diese Realität in Wahrheit keine Basis hat, ist sie zerbrechlich. So hat der Bitcoin für Shiller letztendlich nur dadurch einen gewissen Geldwert erlangt, weil genügend Menschen mit Begeisterung an seinen Wert geglaubt haben. Ebenso bevorzugen Anleger Investitionen in Gold, weil alle anderen dies ebenfalls tun. Und weil viele Amerikaner fest daran glaubten, dass die Preise von Immobilien nur steigen können, haben sie bis zum Platzen der Subprime-Blase Immobiliendarlehen aufgenommen. Dieses letzte Beispiel veranschaulicht hervorragend, wie unsicher Investitionen sind, die auf der Grundlage von ökonomischen Narrativen getätigt werden.

Es war einmal …

Nobelpreisträger Shiller fordert alle Wirtschaftsakteure auf, diesen Erzählungen zu misstrauen. Denn diese vereinfachten viralen Geschichten können ihr Handeln und insbesondere Ihre Anlageentscheidungen beeinflussen. Shiller erinnert uns, ähnlich wie ein Vater seine noch etwas naiven Kinder, daran, dass wir nicht alles glauben sollen, was man uns erzählt.

Beruht eine Geschichte auf anerkannten und überprüfbaren wirtschaftlichen Tatsachen oder eher auf Gerüchten, die sich überall verbreitet und letztendlich ein wirtschaftliches Ereignis ausgelöst haben?

Die genauen kausalen Zusammenhänge vieler ökonomischer Narrative lassen sich nur sehr schwer ermitteln. Beruht eine Geschichte auf anerkannten und überprüfbaren wirtschaftlichen Tatsachen oder eher auf Gerüchten, die sich überall verbreitet und letztendlich ein wirtschaftliches Ereignis ausgelöst haben? Im zweiten Fall hätte man es mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun. Die Folgen der Erzählung sind zwar real, ihr Fundament ist jedoch brüchig und kann jederzeit nachgeben.

Die Situation gestaltet sich noch komplizierter, wenn man weiß, dass bei bestimmten Erzählungen mitunter nur erfahrene professionelle Anleger einen vollständigen Überblick haben. Privatanleger hingegen können lediglich auf bruchstückhafte Gerüchte zurückgreifen und treffen auf dieser Grundlage ihre Entscheidungen. Diese Gerüchte spiegeln die ursprüngliche Erzählung nicht nur verzerrt wieder, sondern verstärken auch den Anschein, es handele sich hierbei um eine unumstößliche Wahrheit. Da sich in der heutigen vernetzten Welt Fake-News sekundenschnell verbreiten können, schützt auch die Lektüre von Wirtschaftsnachrichten die breite Öffentlichkeit nicht vor den Gefahren ökonomischer Narrative. Was kann man also tun?

Ökonomische Narrative durchschauen

Wir verhindert man, dass man ökonomischen Narrativen zum Opfer fällt? Zunächst einmal sollte man sich deren Existenz bewusst sein. Ein zweiter Schritt in die richtige Richtung besteht darin, jene Aspekte zu ermitteln, die einem Narrativ zugrunde liegen, und diese auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Manchmal ist die beste Lösung auch einfach, sich von einem Experten beraten zu lassen oder die Anlageverwaltung einem Fachmann zu überlassen.

So wie ein Chirurg aus Angst vor falschen Entscheidungen durch irrationales Verhalten nicht die eigenen Familienmitglieder operiert, sind wir selbst nicht immer in der besten Position, um unser Geld selbst anzulegen. Wenn Sie keine ausreichende kritische Distanz halten und auf Ereignisse nicht rein rational reagieren können, ist es am vernünftigsten, einem bewährten Experten wie Ihrem Bankberater zu vertrauen.