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Juni 12, 2021

Kredite: wissen, was wirklich notwendig ist (1/3)

Im Ausland studieren, eine eigene Wohnung, ein neues Auto oder ein Traumurlaub – es gibt viele gute Gründe, einen Kredit aufzunehmen. Allerdings ist die eigentliche Beantragung eines Kredits alles andere als banal. myLIFE erläutert Ihnen in einer dreiteiligen Artikelserie, wie man dabei am besten vorgeht. In diesem ersten Artikel beschäftigen wir uns mit der Frage, ob ein Kredit überhaupt notwendig ist oder nicht.

Finanzielle Last und kognitive Belastung

„Sich Geld zu leihen, kostet Geld.“ Wenn Sie wie 53 % der luxemburgischen Privathaushalte mindestens einen Kredit abzubezahlen haben, kennen Sie diese Warnung wahrscheinlich schon. Ein Kredit kostet Geld, manchmal sogar viel Geld! Auch wenn Kredite etwas Alltägliches sind, sollte man sie nicht als etwas Banales abtun.

Dies gilt umso mehr aus dem Grund, dass neben der finanziellen Last, die durch die Schulden entsteht, in diesem Zusammenhang auf die meisten von uns auch eine kognitive Belastung zukommt, wenn man eine informierte Entscheidung treffen muss. Diese Belastung entsteht, weil man im Moment der Entscheidung unzählige Informationen – bisweilen widersprüchliche persönliche Vorlieben und Verlockungen – berücksichtigen muss. Dies alles trägt zur Unsicherheit bei.

Seit der Subprime-Krise wurde auf EU-Ebene das Verbraucherschutzrecht verschärft. Der Gesetzgeber schreibt nun vor, dass die Finanzinstitute genauer über die einzelnen Kosten informieren, gezielter davor warnen, dass Geld leihen Geld kostet, und darauf hinweisen, dass man durch die Aufnahme eines Kredits vertraglich verspflichtet ist, das geliehene Geld zurückzuzahlen.

Diese gesteigerte Transparenz ist zwar sehr günstig für uns als Verbraucher, hat aber auch einen unerwünschten Effekt: Statt die Entscheidung einfacher zu machen, bringen die vielen verfügbaren Informationen die meisten Verbraucher eher durcheinander. Wenn es so viele Informationen gibt, ist man am Ende nicht mehr in der Lage, rational damit umzugehen.

Selbst Personen, die sich in Finanzangelegenheiten besser auskennen, tendieren zu Entscheidungen, die mehr auf Emotionen als auf Vernunft beruhen.

Selbst Personen, die sich in Finanzangelegenheiten besser auskennen, tendieren zu Entscheidungen, die mehr auf Emotionen als auf Vernunft beruhen. Vor allem, wenn es um die eigene persönliche Situation geht. Warum ist das so? Schon allein deswegen, weil es schwierig ist, sich in die Zukunft zu versetzen, um zu sehen, ob eine heute ins Auge gefasste Verpflichtung nicht morgen schon eine Last ist.

Über die gesetzlichen Pflichten zur normierten Bewertung der Risiken eines Kreditantragstellers hinaus gibt es weitere persönliche Schwachpunkte, die die Bank kaum einschätzen kann, wenn der Verbraucher sich dessen nicht selbst bewusst ist. Um sicherzustellen, dass der ins Auge gefasste Kredit tatsächlich die erhoffte günstige Wirkung hat und sich nicht zu einer Last entwickelt, muss sich jeder über seine Situation und seine Vorlieben im Klaren sein.

Bevor Sie bei Ihrem Bankberater einen Kreditantrag stellen, empfehlen wir Ihnen eine Selbstevaluierung Ihres Bedarfs in drei Schritten. Auf diese Weise können Sie kognitive Verzerrungen erkennen, die Ihre Entscheidungsfindung sonst beeinflussen oder sogar verfälschen würden.

In diesem ersten Schritt geht es darum, Ihren tatsächlichen Kreditbedarf objektiv zu bewerten. Im zweiten Schritt erfahren Sie, wie Sie bei der Entscheidung für eine der angebotenen Kreditlösungen am besten vorgehen. Im dritten Schritt wird gezeigt, wie Sie beim Blick in die Zukunft vorgehen sollten, um Ihre zukünftige Fähigkeit zur Rückzahlung des Kredits abzuschätzen.

Schritt 1: Entspricht Ihr jetziger Finanzierungswunsch einem zukünftigen Finanzierungsbedarf?

Ist das, was dieser Kredit ermöglicht, vor dem Hintergrund Ihrer Lebensplanung wirklich sein Geld wert? Diese Frage stellen sich die meisten von uns nicht. Ist der Satz „Sich Geld zu leihen, kostet Geld“ eine wirksame Warnung? Die Verhaltensforschung hat gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Dieser Hinweis wird ebenso schnell verdrängt, wie er gelesen ist. Er wird zwar verstanden, aber nicht wirklich berücksichtigt.

Denn dieser Hinweis verlangt, sich in die Zukunft zu versetzen, um zukünftige Kosten einschätzen zu können, wohingegen die meisten von uns eher mit der unmittelbaren Gegenwart beschäftigt sind. Und oftmals fällt die Zukunft nicht sehr ins Gewicht gegenüber dem Wunsch, eine Ware oder Dienstleistung zu finanzieren, von der man meint, dass man sie sofort braucht.

Machen Sie sich von der Gegenwartsbezogenheit frei

Wenn man allem, was man als unmittelbare Notwendigkeit betrachtet, übermäßig viel Bedeutung widmet, spricht die Verhaltensforschung von „Gegenwartsbezogenheit“. Eine der möglichen Folgen davon ist, dass eine klare, objektive Bewertung unserer echten Bedürfnisse nicht mehr möglich ist, weil unser Gehirn zu sehr von seinem aktuellen Wunsch beherrscht wird.

Natürlich gibt es Zeitpunkte, an denen es absolut legitim und notwendig ist, einen Kredit aufzunehmen: beispielsweise im Falle eines langen Studiums im Ausland, beim Kauf einer Immobilie oder beim Kauf eines neuen Autos. Manchmal ist die Notwendigkeit aber nicht gegeben und für das heißersehnte Objekt besteht kein echter Bedarf. Oder es kann anders finanziert werden.

Brauchen Sie beispielsweise wirklichen einen Kredit, um neue Hi-Fi-Geräte anzuschaffen? Wie wäre es, wenn Sie stattdessen jeden Monat etwas Geld beiseitelegen und noch ein paar Monate mit Ihrer alten Stereoanlage Vorlieb nehmen? Oder wenn Sie für die Anschaffung das Geld auf Ihrem Sparbuch nehmen, das im Moment sowieso keine Zinsen abwirft und für das eventuell sogar bald Negativzinsen drohen? Warum verwenden Sie also nicht ihre verfügbaren Barmittel für dieses Projekt, wenn es für Sie so wichtig ist?

Um aus dem Schema der sofortigen Befriedigung auszubrechen, ist es ausschlaggebend, Entscheidungen auf Grundlage seiner tatsächlichen Bedürfnisse und nicht aus einer Laune heraus zu treffen.

Der Wunsch nach sofortiger Befriedigung kann die Gedanken eines Menschen so sehr in Beschlag nehmen, dass seine Fähigkeit zu überlegtem Handeln eingeschränkt ist. Um aus diesem Schema auszubrechen, ist es daher ausschlaggebend, Entscheidungen auf Grundlage seiner tatsächlichen Bedürfnisse und nicht aus einer Laune heraus zu treffen. Auf jeden Fall sollten Sie Rat bei Verwandten oder Freunden suchen oder sich von einem Finanzexperten beraten lassen, bevor Sie eine Entscheidung treffen.

Ein aktuelles Bedürfnis darf nicht zu einer zukünftigen Last werden

Unerwartete Notlagen können leider die Tendenz zum kurzfristigen Denken verstärken. Beispiel: Wenn überraschend eine größere Ausgabe auf Sie zukommt, müssen Sie eventuell umgehend eine Lösung finden und sich für einen schnell verfügbaren Kredit entscheiden. Solche Situationen und ihre möglichen negativen Folgen sind so stark in unseren Köpfen präsent, dass sie uns zu ungünstigen Entscheidungen verleiten und wir bestimmte Alternativlösungen verdrängen.

Hierfür gibt es keine Patentlösung außer der, sich zu zwingen, aufmerksam zu bleiben und alle sich bietenden Optionen in Betracht zu ziehen. Bringen Sie Ihre zukünftige finanzielle Lage nicht durch kurzfristige, folgenschwere Entscheidungen in Gefahr. Einmal mehr ist Ihr Bankberater der richtige Ansprechpartner für Fragen rund um Ihre Finanzen.

Bleiben Sie realistisch bezüglich Ihrer Selbstbeherrschung

Überschätzen Sie nicht Ihre Fähigkeit, Ihre Finanzen zu verwalten und mit den laufenden Ausgaben und den Rückzahlungsterminen zu jonglieren. Voraussetzung für richtige Entscheidungen ist, dass Sie ehrlich gegenüber sich selbst sind und sich fragen, ob es Ihnen möglicherweise an Selbstkontrolle mangelt. Wenn ja, neigen Sie eher als andere dazu, der Versuchung der sofortigen Befriedigung und vor allem der Kaufsucht nachzugeben.

In diesem Fall sollten Sie unbedingt vermeiden, Ihre finanzielle Zukunft durch immer neue Verbraucherkredite aufs Spiel zu setzen. Versuchen Sie lieber, sich langfristige Ziele zu setzen, z. B. „die Finanzen so lange wie möglich im Gleichgewicht zu halten und gleichzeitig ein bisschen zu sparen“, um beim zukünftigen Kauf eines Eigenheims Eigenkapital einbringen zu können. Denken Sie daher vielleicht einmal über den Kauf eines Finanzplanungstools nach, das Ihnen dabei hilft, das nötige Geld beiseite zu legen, um Ihren Wunsch auch ohne Kredit finanzieren zu können. Es ist gar nicht so schwer, ein ausgeklügeltes Budget aufzustellen.

Wir sind nun am Ende dieses ersten Artikels angekommen und Sie kennen jetzt den Unterschied zwischen Wunsch und Bedürfnis. Brauchen Sie wirklich einen Kredit, um Ihr Wunschobjekt zu finanzieren? Wenn die Antwort „ja“ lautet, sollten Sie gleich mit der Lektüre unseres zweiten Artikels fortfahren: Welcher Kredit ist der richtige?