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Dezember 12, 2019

Wenn Risikoscheu Anleger weniger erfolgreich macht

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST November 8, 2019 30

Beim Anlegen sollte Risikoscheu eigentlich ein nützlicher Charakterzug sein. Sie bewahrt Anleger vor hohen Verlusten an den Wertpapiermärkten und hilft ihnen, schlechte Anlagen zu meiden. Auch ist sie eine absolut vernünftige Reaktion auf die unstrittige Schlussfolgerung, dass jemand, der hart für sein Geld gearbeitet hat, dieses Geld nicht verlieren will. Doch allzu häufig bleiben Anleger dann zur falschen Zeit in den falschen Anlagen investiert, was auf lange Sicht ihr Vermögen schmälert.

Risikoscheu äußert sich auf vielerlei Arten. Unter anderem darin, dass Anleger lieber auf ihrem Geld sitzen bleiben, als es in Aktien oder auch Anleihen anzulegen. Die letzte Ausgabe von BlackRock Investor Pulse, der größten Umfrage unter Anlegern weltweit, ergab, dass die Menschen weltweit nur rund 55 % ihres Ersparten in marktbasierten Anlagen halten.

Die Neigung, Barpositionen zu halten, vernichtet langfristig viel Vermögen, und das in einer Zeit, in der die Zinssätze extrem niedrig sind und die Erträge auf Erspartes zumeist nicht einmal die Inflation ausgleichen. Der reale Wert eines Betrags von 30.000 EUR würde bei einer angenommenen Inflationsrate von 2 % nach Ablauf von 20 Jahren nur noch 20.200 EUR betragen.

Die Neigung, Barpositionen zu halten, vernichtet langfristig viel Vermögen, und das in einer Zeit, in der die Zinssätze extrem niedrig sind und die Erträge auf Erspartes zumeist nicht einmal die Inflation ausgleichen.

Kapitalerhalt

Ein weiteres Problem bei der Risikoscheu ist, dass Anleger dem kurzfristigen Kapitalerhalt den Vorzug gegenüber Kapitalwachstum geben. Seit der globalen Finanzkrise, bei der die Aktienmärkte rund 40 % an Wert verloren, halten sich die Anleger mit Aktienmarktanlagen zurück und scheuen die damit verbundene Volatilität.

Multi-Asset-Fonds und anderen Anlageinstrumenten, die eine geringere Volatilität und zugleich höhere Renditen als Barpositionen anstreben, hat dies viel Zulauf beschert. Intuitiv mag das ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, doch es kann auch bedeuten, dass das Kapitalwachstum langfristig nicht stark genug ist, um zum Beispiel einen sorgenfreien Lebensabend zu sichern. Seit 2008/2009 haben die Aktienmärkte eine beeindruckende Gesamtrendite erzielt. Für ein langfristiges Kapitalwachstum ist es ungemein wichtig, an den Märkten zu investieren und investiert zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen.

Es gibt sogar einige sehr gute Argumente, warum Anleger bei ihren Aktienmarktanlagen größere Risiken eingehen sollten. Viele Aktienstrategien sind bestrebt, das Verlustrisiko zu minimieren und die Anleger durch möglichst ruhige Gewässer zu lotsen.

Erkennung der wenigen wachstumsstarken Aktien

Analysen von Hendrik Bessembinder, einem Professor an der Arizona State University, W. P. Carey School of Business, haben jedoch gezeigt, dass sich die Aktienmarkterträge auf einige wenige wachstumsstarke Unternehmen konzentrieren – wer die nicht hält, kann auch genauso gut in Staatsanleihen investieren. Nach Aussage von Prof. Bessembinder erbrachten über einen Zeitraum von 90 Jahren betrachtet mehr als 95 % der Unternehmen am US-Markt keine Erträge.

Er erklärt, dass zwischen 1926 und 2016 die Gesamtwertschöpfung in Höhe von 35 Billionen US-Dollar durch Aktien, deren Renditen jene von US-Treasuries überstiegen, gerade einmal 1.092 Unternehmen zugerechnet werden kann, also 4,3 % der fast 26.000 Aktien, die an den Märkten gehandelt werden. Mehr als die Hälfte dieser 35 Billionen US-Dollar wurden von nur 90 Unternehmen erzielt, d. h. weniger als 0,333 %.

Diese Ergebnisse dürften für Anleger schwer zu verdauen sein. Sie bedeuten letztlich, dass es für die Steigerung des Vermögens auf lange Sicht praktisch unumgänglich ist, diese wachstumsstarken Unternehmen zu identifizieren, – auch wenn sie wahrscheinlich volatil sind und teuer erscheinen mögen. Diese Ergebnisse erklären auch, warum schlecht diversifizierte Portfolios eine Performance unter dem Marktdurchschnitt verzeichnen.

Diversifiziertes Portfolio

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass beispielsweise Amazon im Jahr 2000 als extrem teuer galt, als der Aktienkurs bei 80 $ lag. Anfang Juli 2019 notiert die Aktie bei rund 1.900 $, zwischenzeitlich hatte sie aber auch schon höhere Niveaus erreicht. Das bedeutet, dass Anleger ihre Risikoscheu ablegen müssen, um so gut wie möglich von den Aktienmärkten zu profitieren.

Dies zeigt aber auch, dass ein gut diversifiziertes Portfolio, durch das die Wahrscheinlichkeit steigt, dass einige der darin enthaltenen Aktien eine erstklassige Wertentwicklung erzielen, das Ziel sein muss. Außerdem müssen Anleger diese Aktien lang genug halten, damit diese ihr wahres Wertpotenzial entfalten können. Dies könnten sie dadurch erreichen, dass sie in einen passiven Fonds mit einer breiten Vielfalt an Aktien des Index investieren oder einen aktiven Fondsmanager auswählen, der als recht fähig gilt, die künftigen Gewinner aus der großen Masse herauszupicken.

Der Schmerz über Verluste ist sehr viel größer als die Freude über Gewinne.

Tief verwurzelte psychologische Phänomene tragen zur Risikoscheu bei. Laut Experten für Verhaltensökonomie ist unser Schmerz über Verluste sehr viel größer als unsere Freude über Gewinne. Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman entwickelten in den 1970er Jahren die Prospect Theory (zu Deutsch auch: Neue Erwartungstheorie). Mit dieser wollten sie ermitteln, wie Menschen zwischen verschiedenen Ergebnissen auswählen. Beispielsweise, ob sie sich eher für den Kauf einer Anlage in der Erwartung langfristiger Gewinne – aber mit dem Risiko kurzfristiger Verluste – entscheiden, oder ob sie lieber dem Kapitalerhalt Vorrang geben.

Streben nach Sicherheit

Ihre Studien zeigten, dass Anleger eher Sicherheit mögen; die Menschen geben sicheren Ergebnisse den Vorzug gegenüber Ergebnissen, die nur wahrscheinlich sind. Im Kontext der Märkte ist das nachvollziehbar. Die Gewinne mögen potenziell hoch sein, sind aber naturgemäß auch unsicher. Barpositionen und Anlagen in risikoarmen Anleihen bieten dagegen Gewissheit. Der Anleger wird wenigstens seinen Anlagebetrag zurückerhalten, auch wenn dessen Kaufkraft infolge der Inflation abgenommen hat.

Bemerkenswert ist auch, dass das wahrgenommene Risiko am Aktienmarkt geringer ist, als die meisten Menschen glauben – solange Anlagen langfristig gehalten werden. Neuere Analysen des britischen Finanzberaters Willis Owen ergaben, dass Anleger in den letzten 33 Jahren nur in sechs von möglichen 281 Phasen bei Anlagen an den Aktienmärkten nach zehn Jahren weniger Geld zurückerhielten, als sie angelegt hatten.

Strategien zur Verlustminderung

Im Allgemeinen war dies dann der Fall, wenn Anleger in genau jener Zeit an den Aktienmärkten anlegten, wenn diese sich auf Hochständen bewegten, kurz vor einem Crash, zum Beispiel am 31. Januar 1999 oder kurz vor der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Ansonsten schnitten die Anleger mit einer Rendite von durchschnittlich 139 % sehr viel besser ab.

In den meisten Fällen hätten diese – sehr seltenen – Verluste durch eine Strategie mit monatlichen Anlagen, anstatt das gesamte Kapital auf einmal am Aktienmarkt anzulegen, gemindert werden können. Eine Strategie, die auf den Durchschnittskosteneffekt setzt, ermöglicht es einem Anleger zum Beispiel, eine Anlage mit gleich bleibenden Beträgen in regelmäßigen Abständen zu kaufen.

Risikoscheu kann ein Freund des Anlegers sein, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn sie die Höhe des Risikos an den Aktienmärkten falsch einschätzen oder dem kurzfristigen Kapitalerhalt den Vorzug gegenüber langfristigem Kapitalwachstum geben, können sie am Ende schlechter dastehen. Die Daten besagen, dass der beste Ansatz für Anleger darin besteht, mehr Risiken einzugehen, als sie es instinktiv tun würden, und langfristig standhaft zu bleiben. Noch besser wäre es, die Risiken zu verstehen, aus denen sich Möglichkeiten ergeben könnten, während Angst zu schweren verhaltensbedingten Anlagefehlern führen kann.