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Juli 12, 2020

Der trügerische Glaube an Zahlen und Serien

Sie lesen mit Begeisterung Finanzartikel und haben in der Vergangenheit einige gute Anlagen getätigt? Das war sicher kein Zufall, denn Sie sind eher der vorsichtige Typ und verfügen mittlerweile über einen gewissen Erfahrungsschatz. Sie glauben daher, dass Sie nun genug Erfahrung haben, um Anlagegelegenheiten erkennen und Ihrem Erfolg auf die Sprünge helfen zu können. Doch sind Sie auch dazu in der Lage, zwischen Ihren Kompetenzen, Glück und zufälligen Ereignissen zu unterscheiden?

Die eigentliche Frage lautet, ob Sie abseits von Definitionen und offiziellen Kriterien wirklich ein erfahrener Anleger sind. Sind Sie vielleicht hin und wieder geneigt, einer der unzähligen Werbeeinblendungen im Internet zu erliegen, die Ihnen suggerieren, dass Sie mit nur wenigen Klicks zu einem hervorragenden Trader werden können? Wenn dies der Fall ist, dann sollten Sie sich diesen Artikel in Ruhe durchlesen. Denn mit den folgenden Informationen möchten wir Sie davor bewahren, dass Sie sich als Marktspekulant versuchen, der emotionale Entscheidungen wie ein Roulette-Spieler trifft und sich von angeblichen statistischen Gesetzmäßigkeiten täuschen lässt.

Vorsicht vor zu einfachen Lösungen!

Als Anleger und Internetnutzer sind Sie sicher bereits auf eine der genannten Anzeigen gestoßen. Darin werden Ihnen simple Anlagemöglichkeiten mit erstaunlich attraktiven Renditeaussichten angeboten. Dafür müssten Sie lediglich während einer sehr kurzen Zeitspanne von wenigen Minuten bis mehreren Tagen auf den Kursgewinn oder Kursverlust eines Wertpapiers setzen.

Nur weil eine Anlageentscheidung leicht zu treffen ist, da es nur zwei Möglichkeiten gibt, bedeutet dies nicht, dass die Spielregeln simpel sind.

Sie sind natürlich nicht blauäugig. Dennoch hat die Idee einer kurzfristigen Anlage eines geringen Betrags mit der Aussicht auf interessante Erträge vielleicht Ihr Interesse geweckt. Doch bleiben Sie misstrauisch! Denn nur weil eine Anlageentscheidung leicht zu treffen ist, da es nur zwei Möglichkeiten gibt, bedeutet dies nicht, dass die Spielregeln simpel sind. Diese Finanzprodukte sind komplex und nutzen häufig Hebeleffekte. Wertschwankungen hängen von zahlreichen finanziellen, sozialen und geopolitischen Faktoren ab, und selbst erfahrene Anleger können die Entwicklung von Wertpapierkursen über derart kurze Zeiträume mitunter überhaupt nicht abschätzen.

Die Finanzmarkt-Regulierungsbehörden, wie etwa die ESMA in Europa oder die CSSF in Luxemburg, haben in den vergangenen Jahren fortwährend vor den vollmundigen Versprechen von Online-Plattformen gewarnt. Man kann sich in der Tat leicht täuschen oder mitreißen lassen, und bekommt dann schnell die negativen Folgen eines falsch verstandenen Hebeleffekts zu spüren oder fällt kognitiven Verzerrungen zum Opfer, die uns die Illusion des perfekten Market Timing vermitteln. Wenn uns diese Online-Plattformen hin und wieder verführen, dann liegt dies daran, dass wir uns in Anlagefragen in der Regel eher von Emotionen als von unserer Urteilskraft und rationalen statistischen Daten leiten lassen.

Das Gesetz der kleinen Zahlen ist eine Illusion

Manche denken, dass Anlagen an den Finanzmärkten dem Glücksspiel in einem Kasino ähneln. Diese Aussage ist zwar im Hinblick auf professionelle Anleger sicher übertrieben, bei vielen Privatanlegern kommt sie der Wahrheit jedoch durchaus nahe. Denn Privatanleger agieren häufiger als gedacht wie Spieler im Kasino, die nach Hinweisen suchen, mit denen sie ihrem Glück auf die Sprünge helfen können.

Daher sind wir insbesondere, wenn wir über kurze Zeitspannen spekulieren, für jedes Zeichen empfänglich, das uns bei unseren Entscheidungen helfen könnte. Dazu gehören auch Zeichen, die jeglicher rationalen Grundlage entbehren. Webseiten, die Otto Normalanlegern lediglich die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten lassen, machen sich häufig eine als Spielerfehlschluss bekannte kognitive Verzerrung sowie den Irrglauben an das Gesetz der kleinen Zahlen zunutze.

Wir neigen zu dem Glauben, dass ein Ereignis unwahrscheinlicher wird, wenn es in der Vergangenheit häufiger als von uns erwartet eingetreten ist.

Der Spielerfehlschluss beschreibt eine kognitive Verzerrung, die statistischen Gesetzmäßigkeiten zuwiderläuft. Das heißt, wir neigen zu dem Glauben, dass ein Ereignis unwahrscheinlicher wird, wenn es in der Vergangenheit häufiger als von uns erwartet eingetreten ist. Dieser Irrtum ist auch unter dem Begriff Monte-Carlo-Fehler bekannt, der auf einen Vorfall zurückgeht, der sich 1913 in einer Spielbank des Fürstentums ereignete. Während einer Roulette-Partie ist die Kugel 26 Mal hintereinander auf Schwarz gefallen. Da die Spieler nicht glauben konnten, dass die Kugel weiterhin auf Schwarz fallen wird, haben sie Spiel um Spiel gegen die Farbe gewettet und damals mehrere Millionen Francs verloren.

Mit ihrem Verhalten haben die Spieler bewiesen, dass sie die Grundlagen der Statistik außer Acht gelassen haben. Schließlich sind die einzelnen Ergebnisse einer Reihe von zufälligen Ereignissen völlig unabhängig voneinander. Zwischen den einzelnen Roulette-Spielen besteht keine Verbindung!

Die Spieler sind der Illusion erlegen, dass der Zufall ein fairer Prozess ist und es eine Art Gerechtigkeit oder Gleichgewicht gibt, sodass die Dinge am Ende wieder unserer Vorstellung von Ordnung entsprechen. Das gleiche Phänomen lässt sich beobachten, wenn man eine Münze wirft. Wenn zweimal hintereinander Kopf geworfen wurde, erscheint es uns nahezu logisch, auf Zahl zu setzen. Doch der Zufall kennt keine logischen Folgen.

Viele Privatanleger lassen sich leider von dieser Vorstellung eines Gesetzes der kleinen Zahlen täuschen. Die Folge ist häufig der verfrühte Verkauf von Aktien, deren Wert unablässig steigt, und zwar unter dem Vorwand, dass es sich um eine bald endende Gewinnerserie handele, der Höhepunkt erreicht sei und der Kurs nur noch fallen könne. Andersherum halten viele Kleinanleger zu lange und ohne rationale Begründung an Aktien mit sinkenden Kursen fest, da sie wie ein Spieler im Kasino denken, dass sie die erlittenen Verluste wieder wettmachen können. Hierbei handelt es sich jedoch um eine romantisierte Vorstellung von der Natur zufälliger Ereignisse, bei der die wirtschaftlichen Fundamentaldaten der Aktien innerhalb des Portfolios ausgeblendet werden.

Das Gesetz der Serie ist eine Illusion

Kommen wir zu unseren „einfachen“ und kurzfristigen Anlagen auf Online-Plattformen zurück. Sie haben zwei- oder dreimal infolge erfolgreich gewettet? Glückwunsch! Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie das Glück für sich gepachtet haben, ein glückliches Händchen besitzen oder einfach eine Glückssträhne haben.

Diese Annahme wird als „Hot-Hand-Phänomen“ oder auch als Gesetz der Serie bezeichnet. Das Hot-Hand-Phänomen wurde erstmals 1985 bei Basketball-Spielen beobachtet. Wenn Spielern mehrmals hintereinander Drei-Punkte-Würfe gelangen, waren die Zuschauer und dadurch indirekt auch die Spieler selbst davon überzeugt, dass sie einen Lauf haben und sich in einer Art Aufwärtsspirale befinden. Zwar schien es auf den ersten Blick tatsächlich so, als hätten die Spieler eine Erfolgssträhne. Doch über einen längeren Zeitraum betrachtet stellte sich heraus, dass ihre Erfolgsbilanz nicht besser als die einiger Gegenspieler war, die nicht diese „on fire“-Momente, wie man in der Sportszene sagt, erlebt hatten.

Das gleiche Phänomen lässt sich bei (sehr) kurzfristigen Anlagen beobachten. Wenn man glaubt, den richtigen Riecher zu haben und einen Trend zu erkennen, lässt man sich schnell täuschen und investiert kleine Gewinne unmittelbar in andere Wetten mit größeren Einsätzen. Es ist jedoch alles andere als sicher, dass sich ein Ereignis wiederholen wird, und hin und wieder muss man einfach akzeptieren, dass Glück und Zufall größere Auswirkungen haben als das eigene Können. Sehr erfahrene Trader sind sich dieser Tatsache genau bewusst.

Man sollte sich unbedingt vor dem verlockenden Glauben hüten, man könnte zufällige Ereignisse in irgendeiner Art und Weise kontrollieren.

Welche Schlüsse sollte man aus alledem ziehen? Zum einen, dass wir tendenziell das glauben, was wir glauben möchten, und zum anderen, dass man sich unbedingt vor dem verlockenden Glauben hüten sollte, man könnte zufällige Ereignisse in irgendeiner Art und Weise kontrollieren. Dies mag zwar wie eine unterhaltsame Geschichte  klingen, die Konsequenzen solcher Fehler können jedoch schwerwiegend sein. Heißt das nun, dass Finanzmarktanlagen und Kasinobesuche einerlei sind? Nicht, solange man professionell vorgeht, indem man unsere kognitiven Verzerrungen berücksichtigt und einen langfristigen Ansatz verfolgt. Denn wir sollten uns eingestehen, dass kurzfristige Kursschwankungen eher auf Zufälle zurückzuführen sind als auf Trends, die sich nur über längere Zeiträume erkennen lassen.

Seien Sie also gewarnt!