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August 11, 2022

Was ist eine offene Architektur?

Sind Sie Anleger? Dann haben Sie entweder bei Ihren Recherchen im Netz oder im Gespräch mit Ihrem Fondsmanager sicher schon einmal von offener Architektur gehört. Aber worum handelt es sich dabei überhaupt und welche Vorteile bietet dieser Ansatz?

Begriffsklärung

Wenn Sie shoppen, kaufen Sie dann am liebsten alles von einer einzigen Marke oder gehen Sie lieber in ein Modegeschäft, das verschiedene Marken anbietet? Zweifellos ist die Geldanlage komplexer als der Kleidungskauf, aber diese Frage verdeutlicht anschaulich den Unterschied zwischen einer offenen und einer geschlossenen Architektur.

Mit dem Begriff „offene Architektur“ wird beschrieben, dass ein Finanzinstitut seinen Kunden neben seinen firmeneigenen Produkten und Dienstleistungen auch Finanzprodukte und -dienstleistungen von Drittanbietern zur Auswahl stellt. Im Gegensatz dazu bedeutet eine geschlossene Architektur, dass die Bank nur ihre eigenen Lösungen anbietet. Insbesondere beziehen sich diese Begriffe auf das Anlageangebot (Fonds, SICAV usw.) der Bank für ihre Kunden.

Was spricht für eine offene Architektur?

Die Entscheidung für eine offene Architektur ergibt sich aus einer unbestrittenen Feststellung: Es ist unmöglich, gleichzeitig bei allen Anlagearten oder an allen Märkten der Beste zu sein. Somit bietet ein Angebot nach dem Ansatz der offenen Architektur einen offenkundigen Vorteil: Die Bandbreite an verfügbaren Lösungen wird erweitert, indem ein breites Spektrum an Fonds von zahlreichen Verwaltungseinrichtungen und anderen Finanzinstituten angeboten wird.

Da eine offene Architektur den Anlagevergleich erleichtert, regt sie auch den Wettbewerb in Bezug auf die Gebühren an und trägt zu mehr Transparenz bei.

Einem Anleger bietet dies die Sicherheit, dass er bei einem einzigen Ansprechpartner viele Lösungen zur Auswahl hat, um seinen finanziellen Anforderungen nachzukommen und sein Anlageportfolio zu diversifizieren. Zudem lassen sich die Risiken mithilfe der offenen Architektur senken, da nicht mehr die gesamte potenzielle künftige Anlagerendite von einem einzigen Emittenten und dessen Anlagestrategie abhängig gemacht wird. Nicht zuletzt erleichtert eine offene Architektur den Anlagevergleich, wodurch sie auch den Wettbewerb in Bezug auf die Gebühren anregt und zu mehr Transparenz beiträgt. Der letzte Aspekt gilt ganz besonders seit dem Inkrafttreten der europäischen Richtlinie MiFID 2 im Jahr 2018, die eine transparente Aufstellung der Kosten und Gebühren Ihrer Anlagen vorschreibt.

Banken oder Investmentgesellschaften vermeiden durch das direkte Angebot aller Lösungen, die der Kunde benötigt, dass er sich bei der Konkurrenz nach den Lösungen umschaut, die das Institut selbst nicht anbietet. Auch und vor allem wird dadurch gewährleistet, dass im Interesse des Kunden gehandelt werden kann, indem ihm die auf seine Situation zugeschnittenen Produkte und Dienstleistungen bereitgestellt und sogar empfohlen werden, auch wenn es sich um keine Lösung aus dem eigenen Haus handelt. Auf diese Weise lassen sich dank der offenen Architektur Interessenkonflikte vermeiden, die auftreten könnten, wenn der Berater keine andere Wahl hat, als die Produkte seines eigenen Instituts anzubieten.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass nicht alle Institute, die das Prinzip der offenen Architektur anwenden, die gleichen Dienstleistungen anbieten und somit auch nicht alle die gleichen Gebühren berechnen. Während die Kundenberatung bei manchen im Angebot inbegriffen ist, beschränken sich andere auf die Transaktionsausführung. In letzterem Fall muss der Anleger sich selbst zurechtfinden und unter den angebotenen Lösungen jene auswählen, die seine Erwartungen am ehesten erfüllen. Dabei sollte das bereitgestellte Angebot natürlich seinem Anlegerprofil entsprechen. Während das Konzept der offenen Architektur beim Anlageangebot der Retailbanken noch nicht sehr verbreitet ist, funktioniert die Welt der Privatbanken schon lange größtenteils nach diesem Prinzip.

Welche Nachteile gibt es?

Auch wenn man eigentlich nicht von echten Nachteilen sprechen kann, gibt es dennoch ein paar Aspekte, auf die man achten sollte.

Es gibt weder eine rechtliche Definition von offener Architektur noch konkrete Vorschriften für das Angebot, das damit abgedeckt wird

Zunächst einmal gibt es weder eine rechtliche Definition von offener Architektur noch konkrete Vorschriften für das Angebot, das damit abgedeckt wird. Deshalb sollten Sie genau nachfragen, was Ihr Gesprächspartner mit offener Architektur meint und wie das Angebot der Produkte und Dienstleistungen tatsächlich aussieht. Während einige „Fonds-Supermärkte“ Ihnen im Internet hunderte Fonds anbieten, beschränken sich traditionelle Banken eher auf wenige externe Partner, die sie sorgfältig nach ihrer Seriosität und der Komplementarität ihres Angebots mit den bereits intern entwickelten Lösungen auswählen. Das heißt, Ihre Bank wählt die externen Fonds anhand von Kriterien wie ihrem Rating, den bisherigen Renditen, den Gebühren und der Zuverlässigkeit der Verwalter aus. Das hat einen guten Grund: Wenngleich alles über Ihre Bank abgewickelt wird, bedeutet eine offene Architektur, dass Ihre Anlagen ganz oder teilweise von verschiedenen Vermögensverwaltern verwaltet werden.

Wichtig ist zudem, dass Sie sich gut über die angewandte Gebührenstruktur informieren, bevor Sie Ihre Wahl treffen. Ausgabeaufschlag, Ausstiegsgebühr, Verwaltungsgebühren, Gebühren pro Transaktion: Es gibt zahlreiche mögliche Modelle, die sich mitunter auch überschneiden können. Insbesondere die Verwaltungsgebühr kann je nach Fondstyp stark variieren. Je aktiver die Verwaltung und je risikoreicher die betreffenden Anlageklassen, desto höher fällt grundsätzlich die Gebühr aus. Darüber hinaus versuchen manche Institute, das Angebot ihrer eigenen Fonds zu fördern, indem sie für externe Fonds zum Beispiel die Gebühren höher ansetzen. Dann spricht man nicht mehr von offener Architektur, sondern von Guided Architecture, also gelenkter Architektur. Seit der Einführung der europäischen Richtlinie MiFID 2 gilt das Gebot der Transparenz in Bezug auf die Kosten und Gebühren für Ihre Anlagen. Deshalb erhalten Sie jedes Jahr eine Übersicht der gesamten Gebühren für Ihr Anlageportfolio und die innerhalb dieses Portfolios getätigten Transaktionen. Sehen Sie sich diese genau an!