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November 24, 2020

Wie viel Kontrolle sollten Sie über Ihre Anlagen bewahren?

Die regen Märkte in den vergangenen Jahren haben das Anlegen einfach erscheinen lassen – Anleger benötigten lediglich einen Tracker auf den S&P 500 Index, um ansehnliche Renditen zu erwirtschaften. Im Zuge steigender Aktienmärkte legten auch die Anleihenmärkte zu – eine ungewöhnliche Entwicklung. Ganz gleich, für welche Anlage man sich entschied: Verluste waren eher selten. Aus welchem Grund sollte man also einen Experten mit der Kapitalanlage beauftragen und dafür auch noch Geld bezahlen? Die aktuelle Krise gibt uns die Antwort brutal!

Wenn man die letzten drei Monate nicht berücksichtigt, könnte es für Anleger interessant erscheinen, selbst die Kontrolle über ihre Anlagen zu bewahren. Theoretisch könnten Sie sich die Kosten für einen Makler bzw. aktiven Fondsmanager sparen (denn selbst Gebühren von „nur“ 1 % summieren sich im Laufe der Zeit) und trotzdem sicherstellen, dass Ihre Anlagen Ihren Wünschen entsprechend positioniert sind. Einschlägige Informationen sind allseits verfügbar und das Internet bietet jede Menge kostenlose Ratschläge zum Thema.

Dennoch sollten Sie sich immer die folgenden Fragen stellen, bevor Sie entscheiden, wie viel Kontrolle Sie selbst über Ihre Anlagen ausüben möchten.

Wie gut sind Sie informiert?

Oberflächlich betrachtet mag Anlegen simpel erscheinen: Sie suchen eine Anlage aus, bleiben langfristig investiert, kassieren die Dividenden und sehen zu, wie der Wert der Anlage steigt. In guten Zeiten mag dies vielleicht zutreffen, doch wird es auch Zeiten geben, in denen das Ganze wesentlich komplizierter ist.

Beispielsweise basierte der jüngste Anstieg des S&P 500 im Wesentlichen auf der hervorragenden Wertentwicklung einiger weniger Technologie-Unternehmen. Genau diese Unternehmen sehen sich nun mit einem steigenden regulatorischen Risiko sowie strengeren Auflagen bezüglich der Nutzung von Daten konfrontiert. Sollte eine Trendwende einsetzen, könnten Anleger, die ausschließlich oder überwiegend in diesem äußerst begrenzten Marktsegment investiert sind, erheblichen Wertschwankungen ausgesetzt sein.

Aus diesem Grund lohnt es sich zu hinterfragen, wie gut Sie die technischen Aspekte des Anlegens, wie zum Beispiel Cashflow, Korrelation und Diversifikation, verstehen. Können Sie darüber hinaus die Risiken und Tendenzen in Ihrem Portfolio problemlos erkennen? Die meisten Anlageplattformen bieten hierfür Tools an, die Aufschluss über die regionalen und sektoriellen Gewichtungen eines Portfolios geben. Die Gefahr für viele Privatanleger besteht darin, dass sie basierend auf früheren Erfolgen oder der vergangenen Wertentwicklung bestimmter Vermögenswerte übermäßig hohe Wetten eingehen. Gemäß Benjamin Graham, der als „Vater des wertorientierten Anlegens“ gilt, liegt die zentrale Schwierigkeit des Investierens darin, dass wir selbst unserer schlimmster Feind sind. Wir kaufen, wenn die Kurse steigen, und verkaufen, wenn sie fallen. Damit handeln wir zum ungünstigsten Zeitpunkt denkbar ungünstig, weil wir überzeugt sind, das Richtige zu tun. Was wir aber nicht wissen, ist, dass wir uns genau dann höchstwahrscheinlich irren.

Es geht beim Anlegen nicht einfach darum, Portfolioallokationen einmalig festzulegen und diese dann dauerhaft beizubehalten. Sie müssen Ihr Portfolio regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen.

Wie viel Zeit können Sie aufwenden?

Es geht beim Anlegen nicht einfach darum, Portfolioallokationen einmalig festzulegen und diese dann dauerhaft beizubehalten. Sie müssen Ihr Portfolio regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen. Andernfalls besteht das Risiko, dass Ihr Portfolio unausgewogen und anfällig gegenüber neuen Risiken wird.

Auch wenn Sie ein Unternehmen leiten oder einer stressigen Arbeit nachgehen, sollten Sie sich gut überlegen, ob Sie wirklich genug Zeit für die nötigen Recherchen aufbringen können. Werden Sie in der Lage sein, sich stets über die aktuellen Marktbewegungen zu informieren? Werden Sie auf Veränderungen des Anlageumfelds reagieren können? Werden Sie außerdem in der Lage sein, das Portfolio an Ihre eigenen veränderlichen Bedürfnisse anzupassen? Zum Beispiel können sich Ihre Anlageprioritäten verschieben, wenn Sie den Job wechseln oder Kinder oder Enkelkinder bekommen.

Bei dieser Frage geht es im Wesentlichen darum, ob Ihnen die (aktive) Anlagetätigkeit Freude bereitet. Wenn Sie das Marktgeschehen wirklich fasziniert und Sie Interesse daran haben, die Prozesse im Detail zu verstehen, wird Ihnen die Verwaltung Ihres Portfolios weniger wie eine lästige Pflicht vorkommen. Wenn es Sie jedoch langweilt oder Sie sich schlicht nicht dafür interessieren, lohnt es sich vielleicht, etwas tiefer in die Tasche zu greifen und die Verwaltung jemand anderem zu überlassen.

Welche Anlagepersönlichkeit haben Sie?

Anleger begehen Fehler. Sie neigen in erster Linie dazu, beim Anlegen zu emotional vorzugehen. Die US-Unternehmensberatungsgesellschaft Dalbar hat herausgefunden, dass die Performance von Anlegern in der Regel nicht an die des Gesamtmarkts heranreicht, weil sie zum falschen Zeitpunkt kaufen und verkaufen. So wurde kürzlich im Rahmen einer Studie festgestellt, dass der durchschnittliche Aktienfondsanleger im Jahr 2018 doppelt so hohe Verluste hinnehmen musste wie der S&P. Bei schwächelnden Märkten neigen Anleger zum Verkaufen, weil sie nicht an eine Erholung glauben. Ziehen die Märkte hingegen an, erhöhen sie ihr Exposure häufig in dem Glauben, dass die Kurse einfach immer weiter steigen werden. Diese Instinkte führen zu einem Herdenverhalten.

Gleichzeitig hat jeder von uns gewisse Veranlagungen, die das Urteilsvermögen beim Anlegen trüben können. Unternehmer beispielsweise neigen zu erhöhter Risikobereitschaft und sind dadurch möglicherweise beruflich sehr erfolgreich. Das macht sie jedoch nicht zwangsläufig auch zu guten Anlegern. Stark detailorientierte Personen basteln möglicherweise ständig an ihren Portfolios herum und generieren so hohe Handelskosten für wenig Gewinn.

Jeder verfügt über eine individuelle Anlagepersönlichkeit, mit der es zu arbeiten gilt, statt sie zu ignorieren.

In welchem Umfang Sie also die Kontrolle über Ihr Portfolio ausüben, wird von Ihren Charaktereigenschaften abhängen – und von Ihrer Fähigkeit, sich dieser Eigenschaften bewusst zu werden und sie wirksam zu steuern. Jeder verfügt über eine individuelle Anlagepersönlichkeit, mit der es zu arbeiten gilt, statt sie zu ignorieren. Darüber hinaus sollten Anleger stets daran denken, dass man schneller an Vertrauen als an Kompetenz gewinnt.

In was möchten Sie investieren?

Wenn Sie mehr Kontrolle über Ihr Portfolio ausüben möchten, müssen Sie herausfinden, welche Art von Anleger Sie sind. Interessieren Sie sich mehr für aktive oder passive Portfolios? Gibt es bestimmte Sektoren oder Themen, auf die Sie sich konzentrieren möchten, zum Beispiel Bereiche, in denen Sie sich gut auskennen oder die Sie besonders interessieren? Interessieren Sie sich für Wachstumsunternehmen oder möchten Sie lieber verborgene Schätze ausfindig machen?

Anleger sollten sich mit dem Prinzip der „Kontrollillusion“ auseinandersetzen. Ein Beispiel: Viele Menschen, die auf den Aufzug warten, kommen nicht umher, auf den Aufzugsknopf zu drücken, obwohl dieser bereits leuchtet und damit schon gedrückt worden ist und sie folglich genau wissen, dass ihr Handeln keine Wirkung haben wird. Uns steht eine geradezu irrsinnige Menge an Informationen zur Verfügung, nur einen Mausklick entfernt, doch letztlich ist der Großteil davon unbrauchbares Rauschen. Glaubt man jedoch den Medien, so ist jede noch so kleine Information zu jeder Zeit unerlässlich für Ihr Portfolio. Sie sollten daher in der Lage sein, zu erkennen, worauf Sie wirklich achten müssen. Vergessen Sie den übrigen Unsinn. Konzentrieren wir uns lieber auf das, was Sie kontrollieren können, also im Wesentlichen auf den zeitlichen Horizont sowie die Auswirkungen relevanter Informationen auf Ihr Portfolio.

Verantwortung aufteilen

Wenn Sie der Ansicht sind, dass die Anforderungen wahrscheinlich zu hoch für Sie sind, stehen Ihnen auch Mischformen zur Verfügung. Sie können beispielsweise einen Anlageverwalter mit der Überwachung des Großteils Ihres Portfolios beauftragen, insbesondere, wenn Sie darauf als Einnahmequelle angewiesen sind. Gleichzeitig können Sie einen kleinen Geldbetrag für Spekulationszwecke vorhalten, falls Sie etwaigen Anlageinstinkten folgen möchten. Bei einem Misserfolg haben Sie damit wenigstens nicht Ihren aktuellen Lebensstandard oder künftige Ziele aufs Spiel gesetzt.

Selbst wenn Sie tatsächlich beschließen, alltägliche Entscheidungsfindungen einem Anlageverwalter zu überlassen, können Sie die Kontrolle sowieso nicht vollständig abgeben. Sie müssen die Tätigkeiten Ihres Anlageverwalters im Blick behalten und sicherstellen, dass er Ihr Vermögen im Einklang mit Ihren finanziellen Zielen und gemäß den am Anfang der Geschäftsbeziehung vereinbarten Parametern verwaltet.

Wenn Sie klar ausgedrückt haben, dass Ihr Ziel in der Erwirtschaftung konstanter langfristiger Erträge besteht, sollte Ihr Anlageverwalter Ihr Geld nicht (oder nur zu einem sehr geringen Teil) in hoch spekulative Anlagen stecken. Wenngleich für Anlageverwalter strenge Regeln gelten, sollten Sie trotzdem immer im Auge behalten, was mit Ihrem Portfolio geschieht.

Nicht zu vergessen sollte ein professioneller Anlageverwalter über ein breites Spektrum an Ressourcen und ein hohes Maß an Expertise verfügen, um Ihre Anlagen im Einklang mit Ihren langfristigen finanziellen Prioritäten zu verwalten, die Sie eigenständig festlegen können. In diesem Sinne könnte ein Portfoliomanager oder ein Berater auch als Coach fungieren. Das Internet hält zahlreiche kostenlose Übungsseiten bereit, doch ein Coach kann Ihnen dabei helfen, Inspiration, Begeisterung und Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Dinge zu entwickeln. Selbst die Kontrolle zu übernehmen, mag eine verlockende Vorstellung sein. Doch sofern Sie nicht die nötige Zeit, Erfahrung und Begeisterung mitbringen, wird ein Experte am Ende wahrscheinlich die besseren Ergebnisse vorweisen können.

Hinterfragen Sie, wie gut Sie die technischen Aspekte des Anlegens, wie zum Beispiel Cashflow, Korrelation und Diversifikation, verstehen. Können Sie darüber hinaus die Risiken und Tendenzen in Ihrem Portfolio problemlos erkennen?