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Juni 18, 2024

Wie viel Kontrolle sollten Sie über Ihre Anlagen bewahren?

Die regen Aktienmärkte in den letzten Jahren haben das Anlegen einfach erscheinen lassen. Zeitweise benötigten Anleger lediglich einen Tracker auf den S&P 500 Index, um ansehnliche Renditen zu erwirtschaften – und ungewöhnlicherweise entwickelten sich die Anleihenmärkte zeitgleich ebenfalls gut. Im Jahr 2022 haben sich die wichtigsten Anlageklassen im Gleichschritt nach unten bewegt – eine schwierige Zeit für Anleger, die nun mit dem Risiko eines Kapitalverlusts konfrontiert waren, unabhängig davon, wo sie investiert hatten. Ist es sinnvoll, einen Experten mit der Kapitalanlage zu beauftragen?

Selbst die Kontrolle über die Verwaltung der eigenen Anlagen zu haben, kann reizvoll sein, aber auch beängstigend. Theoretisch könnte man so die Gebühren für einen Makler oder einen aktiven Fondsmanager sparen (denn selbst Gebühren von „nur“ 1% summieren sich im Laufe der Zeit) und trotzdem sicherstellen, dass die Anlagen den eigenen Wünschen entsprechend positioniert sind. Einschlägige Informationen sind allseits verfügbar und das Internet bietet jede Menge kostenlose Ratschläge zum Thema.

Dennoch sollten Sie sich stets die folgenden Fragen stellen, bevor Sie entscheiden, wie viel Kontrolle Sie selbst über Ihre Anlagen ausüben können oder sollten.

Wie gut sind Sie informiert?

Oberflächlich betrachtet mag Anlegen simpel erscheinen: Sie suchen eine Anlage aus, bleiben langfristig investiert, kassieren ggf. Dividenden und sehen zu, wie der Wert der Anlage steigt. In Zeiten von Hochkonjunktur und steigenden Aktienmärkten mag dies vielleicht zutreffen, doch es gibt auch Zeiten, in denen es wesentlich komplizierter ist, Geld zu erwirtschaften – oder sogar Verluste zu begrenzen.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist der Anstieg des US-Index S&P 500, der im Wesentlichen auf der äußerst guten Wertentwicklung einiger weniger Technologie-Unternehmen beruhte, die inzwischen als die „Glorreichen Sieben“ bezeichnet werden. Einige dieser Unternehmen sehen sich nun mit einem steigenden regulatorischen Risiko sowie strengeren Maßnahmen wegen der Einschränkung des Wettbewerbs auf ihren Plattformen und bezüglich der Nutzung von Daten konfrontiert, insbesondere in Europa. Sollten ihre Bewertungen deutlich sinken, könnten Anleger, die ausschließlich oder überwiegend in diesem äußerst begrenzten Marktsegment investiert sind, erhebliche Verluste erleiden.

Sie sollten sich also fragen, wie gut Sie die technischen Aspekte des Anlegens, wie zum Beispiel Cashflow, Korrelation und Diversifizierung, verstehen. Können Sie die Risiken und Tendenzen in Ihrem Portfolio problemlos erkennen? Die meisten Anlageplattformen bieten hierfür Tools zur Analyse der regionalen und sektoriellen Gewichtungen eines Portfolios an.

Die Gefahr für viele Privatanleger besteht darin, dass sie basierend auf früheren Erfolgen oder der vergangenen Wertentwicklung bestimmter Vermögenswerte übermäßig hohe Wetten eingehen. Gemäß Benjamin Graham, der als „Vater des wertorientierten Anlegens“ bekannt ist, liegt die zentrale Schwierigkeit des Investierens darin, dass wir selbst unser schlimmster Feind sind. Wir kaufen, wenn die Kurse steigen, und verkaufen, wenn sie fallen. Damit schlagen wir den denkbar schlechtesten Weg ein. Wir sind überzeugt, zur rechten Zeit die richtige Entscheidung zu treffen – doch das Gegenteil ist der Fall.

Es geht beim Anlegen nicht einfach darum, Portfolioallokationen einmalig festzulegen und diese dann dauerhaft beizubehalten. Sie müssen Ihr Portfolio regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen.

Wie viel Zeit können Sie aufwenden?

Es geht beim Anlegen nicht einfach darum, Portfolioallokationen einmalig festzulegen und diese dann dauerhaft beizubehalten. Sie müssen Ihr Portfolio regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen. Andernfalls besteht das Risiko, dass Ihr Portfolio unausgewogen und anfällig gegenüber neuen Risiken wird.

Auch wenn Sie ein Unternehmen leiten oder einer stressigen Arbeit nachgehen, sollten Sie sich gut überlegen, ob Sie wirklich genug Zeit für die nötigen Recherchen aufbringen können. Werden Sie in der Lage sein, sich stets über die aktuellen Marktbewegungen zu informieren und auf Veränderungen in der Investitionslandschaft zu reagieren? Werden Sie außerdem in der Lage sein, das Portfolio Ihren eigenen veränderlichen Bedürfnissen anzupassen? Zum Beispiel können sich Ihre Anlageprioritäten verschieben, wenn Sie den Job wechseln oder Kinder oder Enkelkinder bekommen.

Bei dieser Frage geht es im Wesentlichen darum, ob Ihnen die (aktive) Anlagetätigkeit Freude bereitet. Wenn Sie das Marktgeschehen wirklich fasziniert und Sie Interesse daran haben, die Prozesse im Detail zu verstehen, wird Ihnen die Verwaltung Ihres Portfolios weniger wie eine lästige Pflicht vorkommen. Wenn es Ihnen jedoch langweilig erscheint oder Sie sich schlicht nicht dafür interessieren, lohnt es sich vielleicht, jemand anderen mit der Verwaltung zu beauftragen.

Welche Anlagepersönlichkeit haben Sie?

Anleger begehen Fehler. Sie neigen in erster Linie dazu, beim Anlegen zu emotional vorzugehen. Dem in Massachusetts ansässigen Marktforschungsunternehmen Dalbar zufolge reicht die Performance von Anlegern in der Regel nicht an die des Gesamtmarkts heran, weil sie zum falschen Zeitpunkt kaufen und verkaufen.

Die Studie „Quantitative Analysis of Investor Behavior“ für 2024 des Unternehmens hat ergeben, dass der durchschnittliche US-Aktienfondsanleger im Boomjahr 2023 eine Rendite von 20,79% erzielte. Der S&P 500 legte hingegen 26,29% zu. Eine größere Underperformance der Anleger gegenüber dem Markt als diese 5,5% wurde in den letzten zehn Jahren nur zweimal verzeichnet.

Laut Dalbar erzielte der typische Aktienfondsanleger in den 30 Jahren bis Ende 2023 eine jährliche Rendite von 8,01%, verglichen mit 10,15% für den S&P 500, der den US-Aktienmarkt am besten abbildet. Die Inflation lag in diesem Zeitraum bei durchschnittlich 2,52% pro Jahr.

Das klingt nach einer anständigen Rendite – solange man den Zinseszinseffekt außer Acht lässt. Eine Anlage von 100.000 USD am 1. Januar 1994 hätte dem durchschnittlichen Aktienanleger 1.009.064 USD eingebracht. Hätte man dieselben 100.000 USD in den S&P 500 investiert und wachsen lassen, dann hätte die Anlage 1.817.754 USD eingebracht.

Herdenverhalten

Die Analysten des Unternehmens sind der Auffassung, dass Anleger in schwächelnden Märkten zum Verkaufen neigen, weil sie fürchten, dass es keine Erholung geben wird. Ziehen die Märkte hingegen an, erhöhen sie ihr Exposure häufig in dem Glauben, dass die Kurse einfach immer weiter steigen werden. Diese Instinkte führen zu einem Herdenverhalten.

Zugleich hat jeder von uns Eigenheiten, die das Urteilsvermögen beim Anlegen trüben können. Unternehmer beispielsweise neigen zu erhöhter Risikobereitschaft und sind dadurch möglicherweise beruflich sehr erfolgreich. Das macht sie jedoch nicht zwangsläufig auch zu guten Anlegern. Stark detailorientierte Personen basteln möglicherweise ständig an ihren Portfolios herum und generieren so hohe Handelskosten für wenig Gewinn.

Jeder verfügt über eine individuelle Anlagepersönlichkeit, mit der es zu arbeiten gilt, statt sie zu ignorieren.

In welchem Umfang Sie also die Kontrolle über Ihr Portfolio ausüben, wird von Ihren Charaktereigenschaften abhängen – und von Ihrer Fähigkeit, sich dieser Eigenschaften bewusst zu werden und sie wirksam zu steuern. Jeder verfügt über eine individuelle Anlagepersönlichkeit, mit der es zu arbeiten gilt, statt sie zu ignorieren. Darüber hinaus sollten Anleger stets daran denken, dass man schneller an Vertrauen als an Kompetenz gewinnt.

In was möchten Sie investieren?

Wenn Sie mehr Kontrolle über Ihr Portfolio ausüben möchten, müssen Sie herausfinden, welche Art von Anleger Sie sind. Interessieren Sie sich mehr für aktive oder passive Portfolios? Gibt es bestimmte Sektoren oder Themen, auf die Sie sich konzentrieren möchten – zum Beispiel Bereiche, in denen Sie sich gut auskennen oder die Sie besonders interessieren? Interessieren Sie sich mehr für Wachstumsunternehmen oder möchten Sie lieber verborgene Schätze ausfindig machen?

Anleger sollten sich mit dem Prinzip der „Kontrollillusion“ auseinandersetzen. Ein Beispiel: Viele Menschen, die auf den Aufzug warten, kommen nicht umhin, auf den Aufzugsknopf zu drücken, obwohl dieser bereits leuchtet und somit schon betätigt wurde. Folglich wissen Sie genau, dass ihr Handeln keine Wirkung haben wird. Obwohl uns eine große, wachsende Menge an Informationen mit nur einem Mausklick zur Verfügung steht, ist der Großteil davon nur störendes Rauschen.

Glaubt man den Medien und dem Internet, so ist jede noch so kleine Information zu jeder Zeit unerlässlich für Ihr Portfolio. Sie müssen jedoch in der Lage sein, Ihre tatsächlichen Prioritäten auszumachen, und sich darauf konzentrieren, was Sie kontrollieren können – also im Wesentlichen auf den zeitlichen Horizont sowie die Auswirkungen relevanter Informationen auf Ihr Portfolio.

Verantwortung aufteilen

Wenn Sie glauben, dass die Anforderungen wahrscheinlich zu hoch für Sie sind, können Sie verschiedene Verwaltungsformen kombinieren. Sie könnten einen Anlageverwalter mit der Überwachung des Großteils Ihres Portfolios beauftragen, insbesondere, wenn Sie darauf als Einkommensquelle angewiesen sind. Gleichzeitig können Sie einen kleinen Geldbetrag für Spekulationszwecke vorhalten, falls Sie Ihren eigenen Anlageinstinkten folgen möchten. So stehen bei einem Misserfolg nicht Ihr aktueller Lebensstandard oder Projekte für die Zukunft auf dem Spiel.

Selbst wenn Sie tatsächlich beschließen, alltägliche Entscheidungen einem Anlageverwalter zu überlassen, können Sie die Verantwortung für die Portfolioüberwachung nicht vollständig abgeben. Sie müssen in der Lage sein, die Tätigkeiten Ihres Anlageverwalters im Blick zu behalten und sicherstellen, dass er Ihr Vermögen im Einklang mit Ihren finanziellen Zielen und gemäß den am Anfang der Geschäftsbeziehung vereinbarten Parametern verwaltet.

Wenn Sie klar ausgedrückt haben, dass Ihr Ziel in der Erwirtschaftung konstanter langfristiger Erträge besteht, sollte Ihr Anlageverwalter Ihr Geld nicht (oder zumindest nur in sehr geringem Umfang) in hoch spekulative Anlagen stecken. Wenngleich für Anlageverwalter strenge Vorgaben gelten, sollten auch Sie immer im Auge behalten, was mit Ihrem Portfolio geschieht.

Schließlich ist zu bedenken, dass ein professioneller Anlageverwalter im Vergleich zu Ihnen über ein breiteres Spektrum an Ressourcen und ein höheres Maß an Expertise verfügt, um Ihre Anlagen im Einklang mit Ihren langfristigen finanziellen Prioritäten zu verwalten. In diesem Sinne könnte ein Portfoliomanager oder ein Berater auch als Mentor fungieren.

Das Internet hält zahlreiche kostenlose Übungsseiten bereit, doch ein Mentor kann Sie inspirieren, begeistern und Ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich wichtigen Dinge lenken. Selbst die Kontrolle zu übernehmen, mag eine verlockende Vorstellung sein. Doch sofern Sie nicht die nötige Zeit, Erfahrung und Begeisterung mitbringen, wird ein Experte am Ende wahrscheinlich die besseren Ergebnisse vorweisen können.