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August 10, 2022

Kleines Glossar der Verhaltensökonomie

Die Verhaltensökonomie untersucht irrationales Verhalten im Zusammenhang mit Investitionen, Geld und Haushaltsbudgets. Dabei stützt sie sich auf die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen, einschließlich der Psychologie. Um Ihnen zu helfen, solidere und vernünftigere Finanzentscheidungen zu treffen, haben wir die wichtigsten Konzepte der Verhaltensökonomie zusammengefasst. Nutzen Sie dieses Glossar. Es lohnt sich.

Was versteht man unter Verhaltensökonomie?

Im Gegensatz zur klassischen Wirtschaftstheorie geht die Verhaltensökonomie davon aus, dass Individuen nur begrenzt rational handeln. Sie vertritt die Ansicht, dass der Mensch kein völlig rationales Wesen ist. Er sei nicht in der Lage, zunächst alle relevanten Informationen objektiv zu bewerten, um dann die für ihn beste Entscheidung zu treffen.

Die Verhaltensökonomie berücksichtigt, wie sich psychologische Faktoren auf das Verhalten von Anlegern und Finanzanalysten auswirken. Dadurch lassen sich Fehleinschätzungen bei finanziellen Entscheidungen oder Marktanomalien erklären, die aufgrund von Denkfehlern, Emotionen und kognitiven Verzerrungen entstehen. Das Ziel besteht darin, es dem Einzelnen zu ermöglichen, rationale finanzielle Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf den Geldbeutel auswirken.

Vier Störfaktoren

Die Verhaltensökonomie ordnet die Konzepte, die zu Fehlentscheidungen führen können, in vier Kategorien ein.

  • Kognitive Verzerrungen. Bei kognitiven Verzerrungen handelt es sich um spontane, irreführende Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen – eine Art mentale Illusion bei der Entscheidungsfindung. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen vor allem dann, wenn eine Vielzahl von Informationen zu berücksichtigen ist und die Zeit knapp ist. In solchen Situationen kann es zu Denkfehlern kommen, die manchmal einer Intuition ähneln, auf deren Basis man jedoch keine wichtigen Entscheidungen treffen sollte.
  • Vereinfachungsheuristik. Eine Heuristik ist eine mentale Abkürzung, die es Menschen ermöglicht, schnell und scheinbar effizient Probleme zu lösen und Urteile zu fällen. Diese Strategien verkürzen die Entscheidungszeit, indem auf ähnliche, vertraute Informationen aus dem Gedächtnis oder dem eigenen Umfeld zurückgegriffen wird. Obwohl Heuristiken in vielen Situationen hilfreich sind, können sie auch zu kognitiven Verzerrungen führen. Ohne eine objektive Analyse können Informationen schnell fehlinterpretiert werden.
  • Emotionen. Intensive Emotionen wie Angst oder Begeisterung können unsere Fähigkeit, rational zu denken, beeinträchtigen und sind bei Investitionen ein schlechter Ratgeber. Sie können Anleger zu Überreaktionen und impulsiven Entscheidungen veranlassen.
  • Soziale Normen. Menschen sind soziale Wesen, die im Allgemeinen ungern gegen den Strom schwimmen. Zwar ist es sinnvoll, sich von anderen inspirieren zu lassen, doch blind der Herde zu folgen, ist keine gute Strategie.

Es ist kaum möglich, alle Faktoren zu kennen, die unsere finanziellen Entscheidungen beeinflussen. Und selbst, wenn wir sie kennen würden, ließen sich Fehlentscheidungen nicht ausschließen. Bevor wir Ihnen einige wesentliche Konzepte der Verhaltensökonomie vorstellen, weisen wir deshalb darauf hin, dass es vorteilhaft ist, sich von einem kompetenten und objektiven Finanzexperten beraten zu lassen.

Die Verlustaversion ist zweifellos der wichtigste Impulsgeber für die menschliche Entscheidungsfindung.

Die Verlustaversion

Die Verlustaversion ist zweifellos der wichtigste Impulsgeber für die menschliche Entscheidungsfindung. Diese Aversion stammt von unseren Vorfahren, deren Überleben von der Fähigkeit abhing, begrenzte Ressourcen so effizient wie möglich zu nutzen. Dieser Instinkt wird vom Stammhirn, dem ältesten Teil unseres Gehirns, gesteuert und ist Teil unseres evolutionären Erbes. Deshalb verhalten wir uns bei Risiken unterschiedlich, je nachdem, ob wir mit einem Gewinn oder Verlust rechnen. Studien haben gezeigt, dass die Enttäuschung über einen Verlust mehr als doppelt so groß ist wie die Freude über einen Gewinn in vergleichbarer Höhe. Wir reagieren doppelt so stark auf den Verlust von 100 Euro wie auf den Gewinn des gleichen Betrags.

Im Anlagebereich kann dies bedeuten, dass man auch dann an einer Aktie festhält, wenn sie immer weiter an Wert verliert. Warum? Solange wir den Verlust nicht realisieren, wiegt uns unser Gehirn in der Illusion, dass wir keinen Verlust erlitten haben. Das negative Gefühl wird somit hinausgezögert. Paradoxerweise kann die Verlustaversion deshalb dazu führen, dass wir auf Dauer mehr Risiken eingehen, als wir eigentlich wollen.

Der Bestätigungsfehler

Unter dem Bestätigungsfehler versteht man die Tendenz, den Informationen ein größeres Gewicht beizumessen, die unsere Auffassungen bestätigen, und Informationen zu ignorieren, die ihnen widersprechen. Anstatt uns mit Fakten auseinanderzusetzen, die unserer Meinung widersprechen, beschäftigen wir uns lieber mit Aspekten, die sie bestätigen, weil das angenehmer ist und unser Selbstwertgefühl schützt. Dies verstärkt unsere Vorurteile und verringert unsere Fähigkeit, rationale Anlageentscheidungen zu treffen.

So kann es etwa passieren, dass Sie in Bezug auf die Anlage Ihrer Ersparnisse so sehr Recht haben wollen, dass Sie unbewusst nur die Informationen berücksichtigen, die Ihre Gedankengänge bestätigen, um sich auf diese Weise eine einfache Geschichte zurechtzulegen, die in Ihrem Kopf mühelos zusammenpasst. Das Ergebnis: Sie ersetzen die komplexe Realität des Anlegens durch eine völlig fehl geleitete mentale Illusion, die Sie in Ihren getroffenen Entscheidungen bestätigt. Dies ist unbedingt zu vermeiden.

Selbstüberschätzung

Die Selbstüberschätzung (Overconfidence-Bias) bezeichnet die Tendenz, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Dies kann dazu führen, dass jemand glaubt, er sei ein viel besserer Autofahrer als der Durchschnitt, obwohl er beispielsweise während der Fahrt SMS liest.

In ähnlicher Weise überschätzen Anleger häufig ihre Kenntnisse der Finanzmärkte und bestimmter Anlagen, ohne die Daten von Experten zu berücksichtigen. Der Overconfidence-Bias kann zur Folge haben, dass Sie Ihre Risikobereitschaft überschätzen und eine Anlagestrategie verfolgen, die nicht zu Ihrem Anlegerprofil passt.

Die Status-quo-Verzerrung

Die Status-quo-Verzerrung beschreibt die Tendenz, den aktuellen Zustand beibehalten zu wollen. Dies äußert sich in einem gewissen Widerstand gegenüber Veränderungen. Das Festhalten am Status quo ist bequem, weil es die Entscheidungsfindung erleichtert. Dies gilt besonders, wenn wir nicht wissen, welche Option wir wählen sollen, oder wir uns von der Vielzahl der Wahlmöglichkeiten überwältigt fühlen.

Die Politik und einige Unternehmen haben dies verstanden und legen deshalb vorab bestimmte Einstellungen fest, z. B. indem bestimmte Dinge automatisch in einem Service-Abonnement enthalten sind. Bei solchen Standardoptionen sollte man stets wachsam sein. Dies gilt auch für den Anlagebereich. Wenn wir die kognitive Anstrengung unternehmen, eine Veränderung in Betracht zu ziehen oder uns sogar dafür zu entscheiden, haben wir die Möglichkeit, die richtigen finanziellen Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn wir am Ende am Status quo festhalten, geschieht dies dann in voller Kenntnis der Sachlage.

Gegenwartstendenz

Wenn man allem, was man als unmittelbare Notwendigkeit betrachtet, übermäßig viel Bedeutung beimisst, spricht die Verhaltensökonomie von der Gegenwartstendenz. Sie hindert uns daran, eine klare, objektive Bewertung unserer tatsächlichen langfristigen Bedürfnisse vorzunehmen, und bringt uns dazu, die Option zu wählen, die sofortige Befriedigung bringt.

Dann fällt es uns schwer, der Versuchung des sofortigen Konsums zu widerstehen, und wir geben kurzfristigen finanziellen Vorteilen den Vorzug gegenüber unseren langfristigen Sparabsichten. Die Gegenwartstendenz ist auch ein Grund für die Neigung zur Prokrastination und veranlasst manche Menschen dazu, zu erledigende Aufgaben ständig aufzuschieben.

Die geistige Buchhaltung verletzt das grundlegende Wirtschaftsprinzip der Austauschbarkeit von Geld, d. h. der Tatsache, dass ein Euro stets durch einen anderen Euro ersetzt werden kann.

Geistige Buchhaltung

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Richard H. Thaler definiert geistige Buchhaltung als „die Gesamtheit der kognitiven Vorgänge, die Einzelpersonen und Haushalte nutzen, um ihre finanziellen Aktivitäten zu organisieren, zu beurteilen und zu überwachen“.

Mithilfe der geistigen Buchhaltung beurteilen Familien regelmäßig ihre Einkünfte und Aktivitäten. Sie erstellen geistige Konten und weisen diesen Mittel zu, die dann ausschließlich für Ausgaben in Verbindung mit diesen Konten verwendet werden sollen. Die geistige Buchhaltung erscheint grundsätzlich logisch und sinnvoll. Sie verletzt jedoch das grundlegende Wirtschaftsprinzip der Austauschbarkeit von Geld, d. h. der Tatsache, dass ein Euro stets durch einen anderen Euro ersetzt werden kann. Wenn ein Haushalt eine geistige Buchhaltung mit zu streng getrennten Konten führt, begibt er sich somit in ein starres System nicht übertragbarer Budgetposten. Dies kann sich direkt auf Entscheidungen und Lebensqualität auswirken.

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanzen sind Unstimmigkeiten zwischen den geäußerten Überzeugungen von Personen und ihren tatsächlichen Verhaltensweisen. Dieses Phänomen führt zu einer Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten. Mit anderen Worten: Wir handeln nicht immer so, wie es eigentlich unsere Absicht ist. Beispielsweise beschließen wir, mehr Geld zu sparen, und tun es dann trotzdem nicht. Oder wir fassen den Vorsatz, täglich Sport zu treiben, und sitzen dann trotzdem abends faul auf dem Sofa.

Der Ankereffekt

Der Ankereffekt beschreibt die Art, wie der Mensch den ersten Teil einer Information als psychologischen Urteilsmaßstab gegenüber dem zweiten, darauffolgenden Teil der Information verwendet. Bei den Preisen etwa kennen wir das „Phänomen der linken Ziffer“.

Die linke Ziffer der Preisangabe spricht die Funktion unseres Gehirns an, die Zahlensymbole gedanklich in Größenordnungen einteilt. Hinzu kommt, dass wir Zahlen von links nach rechts lesen. Vergleichen wir beispielsweise die Preise 2,99 Euro und 3 Euro, konzentriert sich unser Gehirn zunächst auf die Ziffer 2. So entsteht tendenziell der Eindruck, dass ein Preis von 2,99 Euro wesentlich interessanter ist als 3 Euro. Warum? Weil unser Gehirn die Ziffer 2 bereits mit der Ziffer 3 verglichen hat, bevor es überhaupt den gesamten Preis zur Kenntnis genommen und weitere Merkmale des Artikels bzw. anderer Artikel zu einem ähnlichen Preis berücksichtigt hat.

FOMO (Fear of Missing out)

Als FOMO wird die zwanghafte Angst bezeichnet, etwas zu verpassen, wenn wir bestimmte Angebote nicht wahrnehmen. Während des Schlussverkaufs werden die sozialen Netzwerke und andere Medien von den Werbeangeboten von Geschäften geradezu überschwemmt. Diese mediale Sättigung übt einen starken Einfluss auf uns aus, da sie den Eindruck erweckt, ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis mit einzigartigen Gelegenheiten stünde bevor. Wir glauben, dass wir uns diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen dürfen, zumal auf ein begrenztes Angebot hingewiesen wird. Dieser Knappheitseffekt lässt die beworbenen Produkte wertvoll erscheinen. Wir sind daher geneigt, aus Angst, ein tolles Angebot zu verpassen, mehr zu kaufen – sogar Artikel, die wir nicht brauchen.

Das Gesetz der Serie bezieht sich auf die Tendenz, in zufällig gewählten Daten Zeichen des Schicksals oder Muster zu sehen.

Das Gesetz der Serie: Eine Illusion

Das Gesetz der Serie bezieht sich auf die Tendenz, in zufällig gewählten Daten Zeichen des Schicksals oder Muster zu sehen. Der menschliche Verstand neigt dazu, in zufälligen Abfolgen von Ereignissen kausale Regelmäßigkeiten zu erkennen. Dieses Phänomen lässt sich vor allem bei kurzfristigen Anlagen beobachten. Wenn Sie zwei- oder dreimal hintereinander richtig liegen, bedeutet dies nicht, dass Sie das Glück für sich gepachtet haben, ein glückliches Händchen besitzen oder eine Glückssträhne haben. Wenn man glaubt, den richtigen Riecher zu haben und einen Trend zu erkennen, lässt man sich schnell täuschen und investiert kleine Gewinne unmittelbar in andere Wetten mit größeren Einsätzen. Es ist jedoch alles andere als sicher, dass sich ein Ereignis wiederholen wird, und hin und wieder muss man einfach akzeptieren, dass einzig Glück und Zufall für ein bestimmtes Ergebnis verantwortlich waren. Stur weiter ins Blaue hinein zu investieren, kann sehr teuer werden.

Herdentrieb und soziale Norm

In der Verhaltensökonomie bezieht sich der Herdentrieb auf die Neigung der Anleger, das Verhalten anderer Anleger zu kopieren. Dies ist auch als Herdenverhalten bekannt. Dieses ist vor allem an den Finanzmärkten sehr ausgeprägt, sodass hier Vorsicht geboten ist. Das Herdenverhalten ist ein wesentlicher Grund für die Entstehung von Spekulationsblasen und war auch der Auslöser für das Platzen der Internetblase. Viele Anleger folgen blind der Masse, ohne die Fundamentaldaten der Unternehmen zu prüfen, in die sie investieren. Sie sollten Ihre Entscheidungen auf Fakten stützen, statt Trends hinterherzulaufen.

Ökonomische Narrative / narrative Verzerrung

Wir alle mögen Geschichten. Warum? Wir wollen einfach wissen, warum ein Ereignis eingetreten ist, selbst wenn das bedeutet, dass wir dessen Ursache erfinden müssen. Geschichten haben in der Regel eine emotionale Komponente. Dies erleichtert den Zugang und man kann sie sich leichter merken. Das Problem liegt darin, dass wir ausgehend von dieser Grundlage Informationen bereits im Kopf sortieren und lieber jene Informationen hervorheben, die den allgemeinen Diskurs bestätigen, als auch jene Hinweise ernsthaft zu berücksichtigen, die diesen widerlegen.

Die zwischen unzähligen Wirtschaftsakteuren ausgetauschten Geschichten vereinen sich im Laufe der Zeit und bilden damit die Grundlage für das, was der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller als „ökonomische Narrative“ bezeichnet. Hierzu zählen Branchenweisheiten wie jene über Gold. Shiller zufolge beruht die Realität an den Märkten manchmal auf Erzählungen, obwohl es umgekehrt sein sollte. Da diese Realität keine solide wirtschaftliche Basis hat, ist sie zerbrechlich. Ein Beispiel: Gold ist wertvoll, weil es von der Allgemeinheit als Fluchtwert angesehen wird. Doch was passiert, wenn niemand mehr an den Wert des Edelmetalls glaubt? Es wird wertlos!

Mithilfe der Verhaltensökonomie ist es möglich, kognitive Verzerrungen zu identifizieren, die unser Urteilsvermögen trüben können, wenn wir wichtige Finanz- und Anlageentscheidungen treffen. Sie sind nun gewappnet, um bessere und rationalere Entscheidungen zu treffen. Im Zweifelsfall können Sie sich jederzeit von anerkannten Experten beraten lassen.