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Januar 28, 2023

Im Kopf eines Traders: zwischen Mythos und Realität

  Gesammelt von myLIFE team myINVEST Dezember 12, 2022 48

In Hollywood-Filmen werden Trader als Menschen mit aufgeblähtem Ego dargestellt: rücksichtslos, profitgierig und oft ohne Verbindung zur wirtschaftlichen Realität. Die faszinierende und zugleich verstörende Figur des Traders ist heute als Vorstellung fest in der Gesellschaft verankert und verkörpert die Exzesse der Finanzwelt. Doch die Realität jenseits dieses überzeichneten Bildes sieht anders aus. In diesem myLIFE-Artikel werfen wir einen Blick auf den Beruf des Traders und auf die kognitiven Verzerrungen, die ihn zu einer echten Herausforderung machen.

Der Arbeitsalltag eines Traders hat in Wirklichkeit wenig mit dem Bild des genialen, arroganten und zugedröhnten „Wolf of Wallstreet“ zu tun, der seinen Erfolg auf dem Börsenparkett über alles andere stellt. An den Börsen drängen sich außerdem schon lange keine schreienden, mit Zetteln wedelnden Händler mehr. Die Trader von heute wickeln ihre Geschäfte diskret hinter einer Wand aus Bildschirmen in den Handelsräumen der Banken ab, und ein Großteil ihrer Arbeit läuft automatisiert. Einige Mythen halten sich trotz allem hartnäckig. Wir möchten sie hier einmal genauer betrachten – nicht zuletzt, um Sie als Anleger vor bestimmten Fallstricken zu warnen.

Gier ist gut

Der Ausspruch „greed is good“ (zu Deutsch „Gier ist gut“) erinnert die meisten Filmkundigen sicher sofort an die Rede von Gordon Gekko in Oliver Stones berühmtem Film „Wall Street“, der zum Emblem für die Glanzzeiten der Finanzmärkte geworden ist. Dem Trader im Film wird seine Gier letztendlich zum Verhängnis.

Gier, also das übermäßige Streben nach Profit, kann Vernunft und Urteilsvermögen beeinträchtigen.

Das CFA Institute definiert zwei wichtige Fehlerquellen, die an den Finanzmärkten zu irrationalem Verhalten führen können: Gier und Angst. Gier, also das übermäßige Streben nach Profit, kann Vernunft und Urteilsvermögen beeinträchtigen. Gier kann einen Trader zum Beispiel dazu bringen, zu lange in einer Verlustposition investiert zu bleiben oder unverhältnismäßig riskante und spekulative Positionen einzugehen, um von Marktbewegungen zu profitieren.

Umgekehrt kann übermäßige Angst dafür sorgen, dass eine gewinnbringende Position vorzeitig aufgelöst wird, um mögliche zukünftige Verluste zu vermeiden. Massenverkäufe, die für starke Marktbewegungen sorgen und dabei keine wirtschaftlichen bzw. rationalen Gründe haben, sind in einigen Fällen auf eine solche Panik zurückzuführen.

Wer Trader für übermäßige Schwankungen auf den Märkten verantwortlich macht und sogar der Ansicht ist, dass Börsendebakel allein auf ihr Konto gehen, könnte sich durch diese Erläuterungen bestätigt sehen. Doch wie so oft liegen die Dinge etwas komplizierter.

Die Subprime-Krise ereignete sich ausgerechnet zu einer Zeit, als die Finanzwelt angeblich in eine rationale Ära eingetreten war, mit modernisierten Finanzsystemen und -instrumenten gestützt auf Analysen und Modelle aus Mathematik und Physik. Wie die Geschichte gezeigt hat, waren diese Algorithmen und wissenschaftlich fundierten Finanzprodukte derart komplex und rational angelegt, dass in ihnen kein Platz für die tief verankerte Irrationalität der Märkte und ihrer menschlichen Teilnehmer war. Die Analysemodelle führten somit zu einer Unterschätzung der Risiken und letztendlich zu blind getroffenen Entscheidungen.

Märkte als Gefühlskatalysatoren

Die Märkte sind bei weitem nicht so rational, wie wir gerne glauben möchten. An ihnen treffen die Geschichten, Fantasien, Ängste und Überzeugungen unzähliger Menschen aufeinander, die wiederum von vielen Gefühlen bewegt werden und deren Wahrnehmung Verzerrungen unterliegen kann. Auf dieser Grundlage entstehen die berühmten ökonomischen Narrative, die der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller nachgewiesen hat.

Die Finanzmärkte bilden im Grunde einen sozialen Rahmen, in dem Menschen im Austausch miteinander die Preise von Vermögenswerten festlegen.

Die Finanzmärkte bilden im Grunde einen sozialen Rahmen, in dem Menschen im Austausch miteinander die Preise von Vermögenswerten festlegen. Diese Preise spiegeln Meinungen oder Wetten mit Blick auf eine naturgemäß unsichere Zukunft wider. Aus einer solchen Unsicherheit heraus entstehen zwangsläufig stark positive oder negative Emotionen. Der Prozess der Bewertung von Vermögenswerten ist also äußerst komplex. Anleger müssen sich anhand der verfügbaren Informationen eine Meinung bilden und gleichzeitig versuchen, die Auswirkungen unbekannter Faktoren zu antizipieren. Eine echte Herausforderung! Schließlich braucht es in der Investmentbranche nicht nur einen klaren Blick und eine rationale Analysen, sondern der Finanzmarkt sollte auch dieselbe Sichtweise vertreten – vorzugsweise nicht allzu lange nach Ihnen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich ökonomische Narrative wie Lauffeuer an den Märkten verbreiten. Dies gilt vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zeithorizont beim reinen Trading sehr kurz ist. Schnelligkeit ein zentraler Faktor. Während man das Risiko statistisch berechnen und bewerten kann, lässt sich die eng mit der Fülle an Narrativen und Emotionen auf dem Markt verbundene Unsicherheit nicht kalkulieren.

Zehn kognitive Verzerrungen, die sich jeder Trader bewusst machen sollte

Trotz aller Irrationalität der Märkte ist es durchaus möglich, erfolgreich zwischen rationaler Analyse und emotional erzeugter Unsicherheit zu navigieren. Dafür bedarf es einer gewissen Intuition, Sachkenntnis und eines Bewusstseins für die eigenen Schwächen, Emotionen und potenziellen Fehlurteile. Ein erfolgreicher Wirtschaftsakteur ist also kein rein rationales Subjekt (so etwas gibt es nicht), sondern eine Person, die sich ihrer eigenen kognitiven Verzerrungen und der anderer Marktteilnehmer vollständig bewusst ist. Diese Verzerrungen sind nicht problematisch, solange einem Trader klar ist, wann er seiner Intuition folgen kann und in welchen Situationen er sich stattdessen ausschließlich auf seine rationale Analyse verlassen sollte. Nun ist es an Ihnen, Ihre persönlichen Schwächen zu analysieren: Im Folgenden finden Sie zehn kognitive Verzerrungen, mit denen sowohl erfahrene Trader als auch Börsenneulinge umzugehen lernen sollten.

Das Hot-Hand-Phänomen oder die Illusion der Glückssträhne. Sie haben mehrmals in Folge Gewinne gemacht. Sie sind wie berauscht von dem Gefühl, gerade eine Glückssträhne zu haben, und gehen weiterhin riskante Positionen ein oder werden sogar immer risikofreudiger. Allerdings ist es unmöglich, Gewinnserien statistisch vorherzusagen. Sie lassen sich also von einer irrationalen Vorstellung leiten. Bleiben Sie vorsichtig, denn das Blatt kann sich jederzeit wenden.

Der Monte-Carlo- oder Spielerfehlschluss. Bei dieser Illusion handelt es sich um das Gegenstück zum Hot-Hand-Phänomen: Sie haben mit ihren Positionen bereits mehrere Verluste erlitten, aber Sie sagen sich, dass die Dinge nicht noch schlimmer kommen können. Sie beschließen daher, immer wieder auf dieselben Titel zu setzen – schließlich „muss“ sich der Wind ja einmal drehen. Diese Annahme ist illusorisch! Möglicherweise tritt der gewünschte Wandel einfach nicht ein oder lässt so lange auf sich warten, dass Ihnen sehr schwere oder sogar unwiederbringliche Verluste ins Haus stehen.

Von einem Attributionsfehler spricht man, wenn Sie Ihre Investmenterfolge allein Ihrem Fachwissen oder Ihrer Intuition zuschreiben, sich bei Verlusten jedoch nicht selbst hinterfragen.

Der Attributionsfehler. Von dieser Form der Verzerrung spricht man, wenn Sie Ihre Investmenterfolge allein Ihrem Fachwissen oder Ihrer Intuition zuschreiben, sich bei Verlusten jedoch nicht selbst hinterfragen. Stattdessen finden Sie für jeden Misserfolg eine Ausrede oder einen Schuldigen. Doch wenn Sie sich weigern, aus Ihren eigenen Fehlern zu lernen, ist das ein sicheres Rezept für weitere Misserfolge.

Der Dispositionseffekt. Hierbei handelt es sich um die Tendenz, Verlustpositionen zu lange zu halten und gleichzeitig gewinnbringende Aktien vorzeitig zu verkaufen. Diese Verzerrung, die gehäuft unter professionellen Tradern auftritt, ist nicht etwa Ausdruck einer Form von Rationalität, sondern hat emotionale Ursachen. Während die Mitnahme von Gewinnen zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbilds beiträgt, müssen wir uns angesichts realisierter Verluste oft Fehler eingestehen. Diese Form der Verzerrung kann einen Trader dazu bringen, den unangenehmen Moment der Verlustrealisierung unbewusst hinauszuzögern, selbst wenn er damit riskiert, den Verlust noch weiter zu vergrößern.

Verlustaversion. Der bei einem Verlust empfundene physische oder psychische Schmerz wiegt im Allgemeinen schwerer als die Freude über einen Gewinn der gleichen Größenordnung. Wir versuchen daher, Verluste um jeden Preis zu vermeiden – selbst wenn wir dabei irrationale Risiken eingehen. Dieser psychologische Effekt war ein Grund für das Verhalten des berüchtigten Derivatehändlers Nick Leeson in den 1990er Jahren. In der Hoffnung, seine Verluste an den Märkten ausgleichen zu können, ging er immer mehr riskante Positionen ein. Leeson ruinierte schließlich seinen Arbeitgeber, die britische Barings Bank.

Der Bestätigungsfehler. Wenn die Bestätigung unsere Entscheidungen zum Hauptantrieb wird, kann uns der Blick für die Realität am Markt verloren gehen. Wir mögen generell keinen Widerspruch und genießen es, wenn unsere Überzeugungen von außen bekräftigt werden. Deshalb verleihen wir bestätigenden Informationen tendenziell mehr Gewicht. Diese Art der Wahrnehmungsverzerrung ist besonders tückisch. Je mehr Bedeutung wir den Informationen beimessen, die uns bestätigen, desto zuversichtlicher glauben wir an die Richtigkeit unserer Entscheidungen. Die Gefahr dabei ist, dass wir die tatsächliche Marktentwicklung völlig aus den Augen verlieren.

Selbstüberschätzung. Selbstüberschätzung umfasst mehrere Formen kognitiver Verzerrung und führt oft dazu, dass Trader den Anteil, den ihre eigene Kompetenz am Erfolg der getätigten Geschäfte hat, überschätzen. Dabei unterschätzen sie den Zufall, der in jeder unvorhersehbaren Situation eine Rolle spielt. Dies kann zu immer risikofreudigeren Positionierungen oder zu Ignoranz gegenüber ausgerechnet den Indikatoren führen, die ein vorsichtigeres Verhalten nahelegen würden.

Der Rückschaufehler. Es liegt in der Natur des Menschen, nach dem Positiven zu streben und schlechte Erfahrungen hinter sich lassen zu wollen. Um uns dies zu erleichtern, manipuliert unser Gehirn sogar unsere Erinnerungen: Im Nachhinein lässt es Ereignisse viel vorhersehbarer erscheinen, als sie es zum Zeitpunkt ihres Eintretens für uns waren. Infolgedessen gehen wir fälschlicherweise davon aus, dass wir eine negative Situation beim nächsten Mal rechtzeitig erkennen und geeignete Maßnahmen ergreifen können.

Der Mitläufereffekt. Dieser Begriff beschreibt die Tendenz, sich an Handlungsweisen anderer zu orientieren, selbst wenn man nicht von diesen überzeugt ist. Unter dem Einfluss dieses Effekts entscheidet ein Trader möglicherweise entgegen seinen eigenen Analysen, Charts und Informationen, einer anderen Einschätzung zu folgen, nur weil sie von vielen anderen geteilt wird. Dennoch besteht immer die Möglichkeit, dass der Einzelne Recht hat und die Mehrheit falsch liegt – eine Tatsache, die jeden Börsianer nachdenklich stimmen sollte.

Schließlich gilt es noch eine letzte Verzerrung zu beachten:

Verzerrungsblindheit. Dieser Artikel hat Ihr Interesse geweckt und Sie haben ihn aufmerksam gelesen. Vielleicht haben Sie sich sofort an eine oder mehrere Personen erinnert gefühlt, die Opfer der hier aufgeführten Verzerrungen geworden sind. Nun freuen Sie sich schon darauf, diese Personen auf ihre Fehler hinzuweisen. Dass Sie selbst betroffen sein könnten, halten Sie dagegen nicht für möglich. Glauben Sie wirklich, dass Sie so viel rationaler sind als Ihre Kollegen oder Freunde? Verzerrungsblindheit kann dazu führen, dass wir unsere eigenen kognitiven Verzerrungen nicht wahrnehmen. Seien Sie also vorsichtig!